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Montag, 30. November 2020

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Laeiszhalle Hamburg, Copyright: Bruno Kussler Marques

Laeiszhalle Hamburg, © Bruno Kussler Marques

Jan Lisiecki und das SCO in Hamburg

Mendelssohn vital

Die weitaus meisten Konzerte des Schleswig-Holstein Musik Festivals finden auf dem Land statt, die größeren Orchesterkonzerte in Kiel oder Lübeck. Die Veranstaltungen, die in Hamburg über die Bühne gehen, nimmt das Publikum zur Überbrückung des Sommerloches daher dankbar an. Insofern war es nicht verwunderlich, mitten im August unter der Woche in der Laieszhalle keine leeren Plätze zu sehen. Zumal mit Jan Lisiecki einer der derzeit angesagtesten jungen Pianisten und dem Swedish Chamber Orchestra unter Chefdirigent Thomas Dausgaard eine aufregende Kombination zu Gast war.

Der Mendelssohn-Schwerpunkt der diesjährigen Festival-Ausgabe war dem Programm anzumerken. Das einzige Stück, das nicht von Mendelssohn stammte, war mit Chopins "Regentropfen-Prélude" Lisieckis Zugabe. Dass der 1995 geborene Kanadier keinen Gefühlskitsch zelebriert und eine plastisch inszenierte Motorik vor das Auskosten der Melodie stellt, merkte man spätestens hier. Wer die Augen schließt und vergisst, dass hier ein gerade Zwanzigjähriger am Flügel sitzt, der momentan hochgejubelt wird, wird unmittelbar von der technischen Perfektion und der staunenswerten artikulatorischen Klarheit hingerissen.

Hört man solch eine musikalisch wahrhaftige und vitale Interpretation des g-Moll-Klavierkonzerts op. 25 von Mendelssohn, fällt es schwer, der permanten Rede vom Qualitätsverfall der Interpretationskunst Glauben zu schenken. Lisieckis quirlig kongeniales Spiel verortete das Erste Klavierkonzert Mendelssohns vor der Virtuosität Lisztscher Prägung und nach der heiteren Tiefe eines Mozart, zwischen der Melodiösität eines Chopin und den romantischen Verwirrungen eines Schumann. Das endlos geistreiche Passagenwerk im dramatischen Kopfsatz erfüllte er dank stupender Geläufigkeit mit Eigenleben. Die kantable Linie des 'Adagio'-Satzes wurde mit "Tenordaumen" einfühlsam nachgezeichnet. Und das elfenhaft-humoristische Flirren des Finales geriet wunderbar schwerelos. Wer so früh schon so hoch über allen technischen und musikalischen Problemen steht, darf gerne umjubelt werden.

Erklingen Mendelssohns Klavierkonzerte zu selten live, gilt für seine "Italienische" Sinfonie A-Dur op. 90 das Gegenteil. Die "Italienische" ist für Mendelssohn, was für Dvorak seine 'Sinfonie aus der Neuen Welt' ist. Da sie so häufig aufgeführt wird, liegt die Messlatte für eine individuelle Interpretation entsprechend hoch. Unter Thomas Dausgaards beschwingter Führung –  er dirigierte auswendig und brachte gelegentliche Tanzeinlagen – klang die "Italienische" daher zwar nicht besonders originell. Doch das extrem wache Spiel und vor allem die farblich starken Holzbläser brachten die Vitalität des Gesamtgestus sowie das kleinteilig Quirlige der Außensätze gut zum Vorschein.

Überhaupt bewies das Orchester in allen Stimmgruppen ausgeprägten Sinn für Nuancierungen, der im Zusammenspiel in einem kaum mehr ausgereifter zu denkenen Ensembleklang resultierte. Allein die Detailiertheit, mit der die Streicher in der Einleitung der "Reformations-Sinfonie" d-Moll op. 107 die Figur des "Dresdner Amen" phrasierten, ließ aufhorchen. Beim Schleswig-Holstein Musik Festival führt das Swedish Chamber Orchestra unter Dausgaard sämtliche Mendelssohn-Sinfonien und die Klavierkonzerte mit Lisiecki auf. Großartig wäre es, wenn das Ergebnis seinen Weg auch auf CD finden würde. Grandios genug klingt es allemal.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Jan Lisiecki: Swedish Chamber Orchestra

Ort: Laeiszhalle,

Werke von: Felix Mendelssohn Bartholdy

Mitwirkende: Thomas Dausgaard (Dirigent), Swedish Chamber Orchestra (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Schleswig Holstein Musik Festival

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