> > > > > 28.08.2014
Mittwoch, 21. August 2019

Robert Schumann

Perahia, Haitink und das COE beim Lucerne Festival

Schweizer Schumann

Mit dem letzten verklungenen Ton des 'Scherzo' warf Bernard Haitink der Primaria des Chamber Orchestra of Europe einen Kuss per Hand zu. Eine schöne Geste des 85 Jahre alten Maestro, der den renommierten Klangkörper ansonsten mit sparsamer Gestik leitete und mit knappen Handbewegungen den Satzverlauf gleichsam nachzeichnete. Und eine verständliche dazu, da die Streicher jene quasi endlosen Läufe im 'Scherzo' von Schumanns C-Dur-Sinfonie nicht nur in einem irrwitzigen Tempo spielten, was den manischen Charakter der Musik hervorhob, sondern ebenso mit einer staunenswerten Kontrolle der Bogenbehandlung. So fein gezackt und zugleich klar hört man diese Passagen nicht oft.

Das elfte Sinfoniekonzert der diesjährigen Ausgabe des Lucerne Festivals im Sommer stand ganz im Zeichen Robert Schumanns. Neben dem populären a-Moll-Klavierkonzert mit Murray Perahia als Solisten stand das weitaus seltener anzutreffende 'Ouvertüre, Scherzo und Finale' auf dem Programm. Letzteres wirkte mit seinen knapp 20 Minuten Spielzeit und dem heiteren Tonfall allerdings eher wie ein Schmankerl zum Warmspielen. Trotz der nahezu perfekten Akustik des KKL Luzern und der hohen Qualität des Chamber Orchestra of Europe blieb der Eindruck haften, dass hier interpretatorisch nicht all zuviel unternommen wurde, um ein Plädoyer für diesen Dreisätzer zu bieten; er wirkte fast wie vom Blatt gespielt. Vielleicht wollte man durch künstliches Tiefstapeln aber auch nur auf das Klavierkonzert vorbereiten. Wenn es ein dramaturgischer Kniff war, zeigte er jedenfalls Wirkung.

Ich persönlich muss gestehen, dass ich mit Haitinks Dirigieren immer leichte Probleme hatte, da er meiner Ansicht nach stets zu wenig interpretiert und zuviel auf eine korrekte Darstellung des Notentextes zu achten scheint, ohne dem Ganzen eine individuelle Note zu verleihen. Dieser "Mangel" an Personalstil erwies sich hier aber nur als ein scheinbarer. Denn gerade dass Haitink den Orchesterpart vor allem in den Ecksätzen teils stark zurücknahm und den Musikern Gelegenheit bot, auf Perahia zu reagieren, erwies sich als große Stärke. Auf diese Weise wurde klar, wie sehr Solopart und Orchesterstimmen in diesem Konzert voneinander abhängen beziehungsweise sogar kaum voneinander zu trennen sind. Mustergültig deutlich wurde diese Verschmelzung gleich am Beginn des Kopfsatzes, wenn die Streicher das zuvor im Klavier vorgestellte Thema fortspinnen, während im Klavier das Ganze in Figuren aufgelöst weiterläuft. Zwar war Perahias Spiel nicht völlig frei von ein paar falschen Noten, gleichwohl erhielt er für seine geradezu poetische Klarheit Standing Ovations (die nicht von einer Zugabe belohnt wurden). Alleine schon die wunderbare weiche Noblesse, mit der er das Hauptthema gestaltete oder im 'Intermezzo' selbst Nebensächliches im Dialog mit dem Orchester bedeutsam erscheinen ließ, machten aufhorchen.

In der Sinfonie Nr. 2 erwies sich Haitink dann wieder als Detailarbeiter, der in keiner Hinsicht Risiken eingeht, dafür aber eine grundsolide Darbietung abliefert, die im positiven wie negativen Sinn wie aus der Zeit gefallen scheint. Positiv, weil das Ergebnis strukturell klar und in seiner linearen Konsequenz bezwingend erscheint. Negativ, weil daran nichts überrascht, geschweige denn Aufregung bereitet. (Ob man bereit ist, dafür schwindelerregende Eintrittspreise zu bezahlen, ist eine andere Sache. Die Schweizer scheinen es zu sein, das KKL war sehr gut besucht.) Wer bei geschlossenem Auge lauschte, vernahm in der Vertikale eine gewisse Schwere, die aber durch das konstante Vorwärtsdrängen des Verlaufs wieder aufgefangen wurde. Wer das Fehlen gegenwärtiger Interpretationspraktiken nicht vermisste, wurde dafür belohnt: Das intime Kantabile im 'Adagio espressivo' klang so weich und durchlässig wie die Oberfläche des Vierwaldstätter Sees, der triumphale Furor des Finales wurde packend in Szene gesetzt, genauso wie das Stürmen und Drängen des Kopfsatzes. Wieder wollte der Jubel kaum Grenzen kennen. Wieder ließ es Bernard Haitink mit freundlicher Anerkennung über sich ergehen. Wieder gab es keine Zugabe.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Murray Perahia: Bernard Haitink, Chamber Orchestra of Europe

Ort: Kultur- und Kongresszentrum (KKL),

Werke von: Robert Schumann

Mitwirkende: Bernard Haitink (Dirigent), Chamber Orchestra of Europe (Orchester), Murray Perahia (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Lucerne Festival

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