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Dienstag, 1. Dezember 2020

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Willy Decker beendet sein Dresdner ‚Ring-Projekt’

Sitzend versenkt

Nun ist es also vollbracht – der erste komplette ‚Ring’ nach gut 60 Jahren an traditionsreicher Stätte, der Semperoper Dresden. Damit vollendete Neu-Intendant Gerd Uecker was sein Vorgänger Christoph Albrecht vor zwei Jahren begonnen hatte. Letzterer wurde direkt vor der Premiere offiziell aus Dresden nach München verabschiedet, wo er jetzt die Leitung der Theaterakademie und später auch die Intendanz der Bayrischen Staatsoper übernehmen wird. Uecker kündigte dann auch gleich seine programmatischen Schwerpunkte der nächsten Jahre an; Richard Strauss-Festwochen wird es geben, die bisher unterrepräsentierte italienische Oper erfährt größere Förderung, Werke aus der Hand von Künstlern, die ein besonderes Verhältnis zu Dresen haben sollen ebenso vermehrt aufgeführt werden, wie musiktheatralische Beiträge des 20. Jahrhunderts. In Punkto Regiearbeit ist es Ueckers Ziel, die ästhetischen Handschriften des Musiktheaters der Gegenwart an seinem Haus widergespiegelt zu finden. Großes also hat er vor in Zeiten, in denen auch die Semperoper mit Besucherschwund zu kämpfen hat. Die Vollendung Richard Wagners ‚Ring des Nibelungen’ in der Gesamtregie von Willy Decker ist für das Haus ein wichtiger Schritt zu größerem internationalem Renommee. Auch wenn – das gleich vorneweg – nicht alles an diesem Abend internationalen Ansprüchen genügte. Decker bleibt seinem Konzept treu, den Vierteiler als großes Welttheater szenisch umzusetzen. Dabei trifft der Premierengast auf Altbekanntes. Sitzmöbel in allen erdenklichen Formationen und Formen teilen die Bühne in zwei Abschnitte, die entweder der Beobachtung der Szenen, also als Zuschauerraum, dienen oder eine Bühne auf der Bühne sind. Decker fügt seiner Theateridee jedoch nichts Neues hinzu. Vom klassizistischen Theaterbau ‚Wallhall’ aus dem ‚Rheingold’ blieb noch die äußere Form als Umrahmung der Halle Gunters übrig. Stuhlreihen, ebenfalls aus den vorherigen Inszenierungen bekannt, tauchen hier und da wieder auf und bekommen am Ende ihre besondere Bedeutung, wenn die Götter die Weltbühne gegen den Zuschauerraum haben tauschen müssen und dieser versenkt wird. Ein gleichermaßen plakatives wie wirkungsvolles Bild. Doch eben an diesen ist Deckers Interpretation recht arm – starke, bewegende Bilder und Figuren gibt es nur wenige. Die in ihrer Umsetzung nazistisch anmutenden dritte und vierte Szene des zweiten Aktes gehören zu den optischen und sangestechnisch gelungensten des Abends. Dazwischen findet sich vor allem viel Leerlauf, in dem einmal mehr das ‚Theater’ in der Oper viel zu kurz kam. Die schauspielerischen Ausdrucksmittel der Figuren sind auf wenige, äußerst plakative Gesten beschränkt – was täte ein Regisseur eigentlich, gäbe es die äußere Umrahmung der Bühne nicht, um Schmerz und Verzweiflung ausdrücken zu lassen? So stellt die Inszenierung an die Besucher keine großen Ansprüche, die Aussagen Deckers sind ebenso schnell verstanden wie vorhergesehen; man kann sich also auf die Musik konzentrieren. Hier hat das traditionsreiche sächsische Haus wie gewohnt hochkarätiges zu bieten, zumindest auf dem Papier. Da ist zuerst die Staatkapelle Dresden, deren Klang vollkommen zu Recht über die Landesgrenzen hinaus legendär ist. Doch steht mit Michael Boder ein musikalischer Leiter am Pult, dem die Partitur dieser Wagneroper eindeutig eine Nummer zu komplex scheint. Boder beschränkt sich darauf, das Orchester und die Sänger durch das Werk hindurch zu winken, das Ensemble irgendwie zusammen zu halten, was sich in Bezug auf die Staatskapelle als ausgesprochen schwierig erweisen sollte. Vor allem im ersten und dritten Akt waren die intonatorischen Probleme des tiefen Blechs ebenso augenscheinlich, wie die Mängel im Zusammenspiel – kaum ein Bläserakkord der von allen Beteiligten gleichzeitig begonnen wurde; Konzentrationsmängel, die es schnellstmöglich abzustellen gilt, auch wenn Boders permanentes Vorrausschlagen für manches Problem sicher verantwortlich zeichnet. Schwerwiegender ist jedoch, dass er jedes Gefühl für Proportion und Form missen lässt. Selten ist wohl eine ‚Götterdämmerung’ mit so wenig Sinn für emotionale Tiefe und Tempoempfinden dargeboten worden. Die motivische Arbeit Wagners wird so nur oberflächlich deutlich, wirkt wie ein Flickenteppich, dessen Teile schlecht miteinander vernäht sind. Auch dynamisch bleiben viele Wünsche offen – so ist der Schlussakkord alles andere als Piano, geraten die Fortestellen im Blech schrill und schroff und lassen dabei vor allem Volumen und Tiefe missen. Hinzu kommt, dass wichtige Streicherfiguren viel zu oft von Unwichtigem überdeckt werden und eine Stimmenausgewogenheit, vor allem im Holz, selten erreicht wird. Dies alles sind jedoch unverzichtbare Notwendigkeiten, um Wagners Musik, die zweifelsfrei voll von Effekten ist, ausdrucksvoll, facettenreich und vor allem unprätentiös umzusetzen. Dass das geht, haben in jüngster Zeit bspw. Lothar Zagrosek in Stuttgart und natürlich auch Daniel Barenboim in Berlin bewiesen. Die Sänger des Abends hinterließen ebenfalls einen durchwachsenen Gesamteindruck. Gabriele Schnaut, eine der erfahrendsten und gefragtesten Wagnersängerinnen der letzten Jahre, besticht vor allem durch ihr großes Stimmvolumen und ihre enorme Bühnenpräsenz. Anders als ihre Rollenvorgängerin an gleicher Stelle, Debora Polaski, verfügt Schnaut über ein wohliges Timbre, das sie auch gekonnt einsetzt. Leider quält sie sich mit manchem Spitzenton an diesem Abend vergebens. Und ihr mangelhaftes Textverständnis hinterlässt ebenfalls einen unangenehmen Beigeschmack. Dass sie beides besser kann, hat Schnaut schon zu Genüge bewiesen. Ihr zur Seite steht mit Alfons Eberz ein ebenso unbekannter wie talentierter Siegfried, der die anspruchsvolle Partie mit Bravour meistert, allen Schwierigkeiten gewachsen scheint und nur gegen Ende des dritten Aktes mit ein paar kleinen technischen Problemen zu kämpfen hat, die wohl seiner Rollenunerfahrenheit geschuldet sind. Vor allem Eberz Fähigkeit, deutlich zu artikulieren und mit dem Text zu arbeiten, weiß zu überzeugen. Kurt Rydl liefert einen gewohnt soliden Hagen, den man sich manches mal facettenreicher, farbiger und weniger vibratobelastet in den hohen Lagen gewünscht hätte. Trotzdem überzeugt Rydl in dieser Rolle einmal mehr. Was leider für Hans-Joachim Ketelsen als Gunther und Sabine Brohm als Gutrune nur bedingt gelten kann. Beide sind stimmlich in der Lage, ihre Rollen auszufüllen, doch bleiben die Figuren blass und charakterlos, was nur zu einem kleinen Teil der Regie angelastet werden kann. Hier fehlt die eigene Note der Künstler, die ihre Partien unverwechselbar macht. Positive Überraschungen des Abends sind die bestens vorbereiteten Rheintöchter und Nornen (Katharina Peetz, Ursula Hesse von den Steinen, Camilla Nylund und Britta Stallmeister) ebenso, wie die ausgezeichneten Damen und Herren des von Matthias Brauer geleiteten Staatsopernchores. So bleibt ein zwiespältiger Eindruck des ersten Dresdner Nachkriegs-‚Rings’ zurück. Willy Decker hat seine zentrale Idee konsequent durch alle vier Teile der Tetralogie durchgehalten, es jedoch versäumt, die vielen guten Deutungsansätze auszubauen, bzw. schärfer zu kontrastieren. Bühnenbild und Kostüme (Wolfgang Gussmann und Frauke Schernau) liefern ein ums andere mal beeindruckende Bilder, die manch konzeptionellen Mangel der Regie auszugleichen vermögen. Die Hochwasserflut schwemmte Semyon Bychkov nach ‚Rheingold’ und ‚Walküre’ vom Pult der Staatskapelle Dresden und brachte mit Michael Boder keinen lohnenden Ersatz – nicht von ungefähr bekam er die einzigen ‚Buhs’ des Abends vom sonst restlos begeisterten Dresdner Publikum. Dafür hat mit Alfons Eberz ein neuer, schon jetzt Bayreuth-tauglicher Siegfried die große Opernbühne betreten, dem noch einiges zuzutrauen ist. Mit diesem ‚Ring’ ist die Dresdner Semperoper sicher noch nicht in die erste Reihe der europäischen Musiktheater vorgestoßen, hat jedoch einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gemacht und eine bedeutende Repertoirelücke geschlossen. Bleibt zu hoffen, dass die Dresdner dies durch zahlreiche Besuche zu würdigen wissen.

Kritik von Frank Bayer



Kontakt zur Redaktion


Premiere: Die Götterdämmerung

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Frauke Schernau (Bühnenbild), Wolfgang Gussmann (Bühnenbild), Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Matthias Brauer (Dirigent), Michael Boder (Dirigent), Staatskapelle Dresden (Orchester), Willy Decker (Regie), Sabine Brohm (Solist Gesang), Kurt Rydl (Solist Gesang), Gabriele Schnaut (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang), Britta Stallmeister (Solist Gesang), Katharina Peetz (Solist Gesang), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Alfons Eberz (Solist Gesang), Ursula Hesse (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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