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Donnerstag, 2. Dezember 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

'Feuersnot' bei den Musikfestspielen Dresden

Ein wilder Strauß von Richard Strauss

"Pfingsten sind die Geschenke am geringsten ...", reimte einst Bertolt Brecht. Musikalisch gesehen trifft sein Bonmot in diesem Jahr in Dresden nicht zu. Die Musikfestspiele gehen zu Ende und das Publikum aus nah und fern wird reich beschenkt. Als besonderes Geschenk erwies sich eine Aufführung der Oper 'Feuersnot' von Richard Strauss im fast völlig sanierten Dresdner Schlosshof. Der wunderbare Raum mit den restaurierten Renaissancefassaden ist stimmungsvoll, die sommerlichen Temperaturen tragen dazu bei und die Akustik unter freiem Himmel ist außerordentlich gut.

Das Singgedicht 'Feuersnot' mit dem Libretto Ernst von Wolzogens wurde 1901 in Dresden uraufgeführt und konnte sich nicht durchsetzen. Hier und da gibt es konzertante Aufführungen; jüngst kam eine viel beachtete Inszenierung am Teatro Massimo in Palermo heraus. Aber jetzt in Dresden, wenige Tage vor dem 150. Geburtstag des Komponisten, da es passt gut, denn hier sollten bald noch acht weitere seiner bis heute so erfolgreichen Opern ihre Uraufführungen erleben.

Mit der 'Feuersnot' hatte es zudem eine besondere Bewandtnis. Strauss hatte den Münchnern nicht verzeihen können, dass sie seinen Opernerstling 'Guntram', schon 1894 bei der Uraufführung in Weimar ein Misserfolg, bei der dortigen Erstaufführung abblitzen ließen. Und obwohl 'Feuersnot' in einem sagenhaften Münchner Mittelalter spielt, zeigte man sich zur Erstaufführung hier wiederum nicht gerade begeistert.

Strauss, der sich hier ob der Ablehnung so ungerecht behandelt fühlte wie der von ihm hoch verehrte Richard Wagner, ließ seinen Groll in die Handlung der Oper einfließen. Heute ist die einstmals satirische Direktheit kaum nachzuvollziehen. In München, am Sendlinger Tor, soll mit einem Feuer die Sonnenwende gefeiert werden; das gibt Auftritte für den großen Kinderchor. Das Misstrauen der braven Bürger gilt dem Kunrad; der soll sein Haus von einem Hexenmeister erworben haben. Wenn er aus diesem "Hexenhaus" ins schreiende Getümmel tritt, erblickt er Diemut, die lieblich Maid, Tochter des Bürgermeisters, und gegen alle Konventionen küsst er das schöne Kind in aller Öffentlichkeit auf den jungfräulichen Mund.

Die singt ihn vom Söller mit ihrem Mittsommernachtslied in Rage, lässt einen Korb herunter mit dem Versprechen, ihn hinaufzuziehen, geradewegs in die Kammer. Macht sie aber nicht. Auf halber Höhe ist Schluss, sie lässt ihn hängen, Kunrad ist genarrt, wird zum Gespött der Leute und rächt sich mit einem flammenden Schmähgesang auf die Borniertheit der Münchner.

Musikalische Reminiszenzen an den Wahn der Johannisnacht in Wagners mittelalterlichem Nürnberg sind ebensowenig zu überhören wie verehrende, nachempfundene Kraftmeierei Wotans. Die Bürger wollen dem Zauber nicht verfallen, da zeigt der Zauberer, was er kann und löscht alle Feuer. Heute würde man sagen: Er dreht das Licht ab. Da sitzen die Münchner im Finstern und Kunrad in seinem Korb, ab jetzt herrscht "Feuersnot". Kunrad verspricht das Licht erst dann, wenn er in die Kammer der Jungfrau kommt und dafür sorgt, dass sie als solche nicht wieder herauskommt.

Die Bürgerschaft fleht, die Jungfer zieht Kunrad, den Ebner (!), wie er richtig heißt, hoch. Sie öffnet Kammer und Mieder, der Film geht ab und das Licht geht wie im Kino erst wieder an, nachdem das Orchester in voller Lautstärke eine musikalische Defloration mit allem Hin und Her, Auf und Nieder, Vor- und Nachspiel, Aufbrausen und Abflauen so zum Klingen gebracht hat, dass jeder Zuschauern sich dazu seinen eigenen Stummfilm bestellen kann.

Trotz sittlicher Bedenken, so Strauss, sei die Dresdner Uraufführung aber ein Erfolg gewesen. Man könnte ja wieder Brecht zitieren: "Man muss sich einreden, dass es schön war, was man erlebt hat." Anderorts waren die sittlichen Bedenken größer; das Stück wurde gar nicht erst gespielt und 1902 sorgte in Berlin die Kaiserin persönlich für ein Verbot. Immerhin, musikalisch vernimmt man schon sehr gut, wenn auch noch ein wenig ungeordnet, was der Strauss mal können wird als Opernkomponist. Seine Vorliebe für das ganz große Orchester kann er hier noch nicht immer in die rechten Bahnen lenken. Kommen dann der große Chor der Kinderchor und die Solisten dazu, dann gibt es schon mal Krach nach Noten.

Die Verehrung für Meister Richard klingt immer wieder durch, mal recht differenziert, dann wieder gänzlich ungebremst. Man vernimmt schon, dass hier der spätere Meister des Parlierens am Werk ist und die Liebe zum Walzer ist unüberhörbar. Nicht zu überhören aber ist in diesem Werk schon der Vorgeschmack auf die späteren Raffinessen des Klangzauberers Richard Strauss und manchmal treibt Till Eulenspiegel seine Streiche.

Seinen Sängern schenkt er auch hier schon nichts. Die Baritonpartie des Kunrad gehört nicht umsonst zur Kategorie der mörderischen, und die Sängerin der Diemut muss über einen so kraftvollen wie absolut höhensicheren Sopran verfügen. Grandios meistern in der Dresdner Aufführung Tómas Tómasson und die gerade 30jährige Rachel Willis-Sørensen ihre Wahnsinnspartien gemeinsam mit einem großen, hochengagierten Ensemble. Stellvertretend seien die reifen Jungfrauen Elisabeth, Wigelis und Margret genannt. Man hört sicher nicht falsch, wenn man beim Gesang von Angela Liebold, Simone Schröder und Carolina Ullrich an neckische Rheintöchter denkt. Bei den Sängern fallen die tieferen Stimmlagen auf. Michael Eder als Bürgermeister, Tilmann Rönnebeck, der den Leitgeb Jörg Pöschel singt oder Tomislav Lucic als Kunz Gilgenstock, der Bäck und Bräuer.

Wolfram Tetzner hat den Opernchor gut vorbereitet auf die kraftvollen, manchmal tosenden Gesänge, und mit der munteren Schar des Kinderchores der Singakademie hat Claudia Sebastian-Bertsch alles bestens musikalisch vorbereitet. Die Ankündigung einer halbszenischen Aufführung versprach etwas mehr als dann die mehr oder weniger exakt organisierten Auftritte in Kostümen aus dem Fundus, mit Dirndl, Lederhosen und viel Folklore einlösen konnten. Die große Besonderheit dieser festspielwürdigen Hommage an Dresdens "Richard II." ist ein Orchester, das sich aus Mitgliedern international renommierter Ensembles für Alte Musik zusammensetzt, was nicht heißt, dass man auch bekannte Musiker aus der Staatskapelle erblickt. Man wollte einen Eindruck vom Klang zur Zeit der Uraufführung vermitteln, daher stammen alle Instrumente dieses Festspielorchesters aus der Zeit vor 1900.

Das spürt man schon. Da ist der warme Klang der Streicher, der sich den Darmsaiten verdankt, aber auch der sanftere Klang hölzerner Blasinstrumente, wie Flöten, oder der ganz anders dimensionierter Blechinstrumente, die auch optisch auffallen.

Stefan Klingele ist der Dirigent und erweist sich als der rechte Mann für die Dimensionen eines so ungewöhnlichen Unternehmens, denn die Sänger oder der Kinderchor müssen seine Zeichen auch sehen, wenn sie weit weg im Schlosshof neben, hinter oder im Publikum zu singen haben. Da gibt es keine nennenswerten Verzögerungen. Wenn es sein soll, kracht es im Orchester ordentlich, und wenn sich der Strauss des 'Capriccio' oder der 'Ariadne auf Naxos' ankündigt, wird's filigran und manchmal sogar berührend. Mag sein, dass man im Hinblick auf das Werk unterschiedlicher Meinung sein kann. Was die gelungene Aufführung und das Ambiente dieser Rarität angeht, wohl weniger und ganz und gar nicht in der Hoffnung darauf, dass dies nicht die letzte Opernaufführung an diesem Ort gewesen sein sollte.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Feuersnot: Oper von Richard Strauss

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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