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Samstag, 24. August 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Thielemann dirigiert 'Simone Boccanegra'

Nicht nur im deutschen Fach brillant

Wer im Verdi-Jahr 2013 vergeblich auf positive Überraschungen wartete, wird sie womöglich abseits des Gedenkjahr-Trubels mit Christian Thielemanns 'Simon Boccanegra' an der Semperoper erlebt haben, denn gerade im gegenwärtigen, ganz auf Spezialisten fixierten Musikbetrieb traut man einem für seine Wagner- und Strauss-Interpretationen gefeierten Dirigenten eine erstklassige Verdi-Interpretation kaum zu. Dabei ist Thielemanns Erfolgsrezept denkbar einfach: Er belässt der Musik ihren organischen Fluss, hält sich an die dynamischen Vorgaben der Partitur und achtet bei aller Detailarbeit auf den großen Bogen. Die Sächsische Staatskapelle folgt den Vorgaben ihres Chefdirigenten, wie man es von einem stilistisch wandlungsfähigen Eliteklangkörper erwartet. Das Klangbild ist stets differenziert und auch in den Forte-Passagen so austariert, dass die Blechbläser in keinem Moment in einen Wagner- oder Strauss-ähnlichen Pathos verfallen.

Szenisch hatte man dagegen Mühe, Verdis Dogendrama wiederzuerkennen: Jan Philipp Gloger setzt bei seiner Interpretation auf Abstraktion und lässt Bühnenbildner Christof Hetzer die Drehbühne mit riesigen schachtelartigen Räumen überbauen, in denen sich die Handlung in teils historischen Kostümen vor allem als privates Drama abspielt, das von der Außenwelt mit ihren politischen Intrigen seinen Antrieb erhält. Die Herangehensweise ist weder neu noch unlogisch, doch überfrachtet Gloger sein Konzept mit einem Übermaß an stummen Szenen, die nicht zu einem besseren Verständnis seines Konzepts beitragen, sondern lediglich von der Musik ablenken.

Grundsolides Ensemble

Verdi-Aufführungen gehen heute meist mit der Klage über Besetzungsprobleme einher. Um es gleich vorwegzunehmen: Maßstabsetzende Gesangsleistungen hat die Dresdner Produktion nicht zu bieten, dafür aber ein ausgeglichen hohes Niveau aller Partien. Željko Lučić zählt mittlerweile zu den führenden Verdi-Baritonen der Gegenwart. Sein Bariton lässt sich legatoreich führen und ist zu Differenzierungen fähig, wobei es seiner Stimme jedoch etwas an Farben und Schattierungen fehlt, um mit bereits historischen Kollegen wie etwa Renato Bruson oder Piero Cappuccilli mithalten zu können. Ein langer Atem zählt auch zu den Stärken von Kwangchul Youns Fiesco, allerdings lässt sich bei seinem für das italienische Fach etwas monochromen Bass ein immer wieder auftretendes Vibrato nicht mehr überhören.

Als Gabriele Adorno vermittelt Ramón Vargas ein Höchstmaß an emotionaler Phrasierung, die aber gleichzeitig auch die technische Problematik seines Tenors offenbart: Oberhalb des Passaggio ist die Stimme nicht mehr organisch geführt und spricht nur mehr unter Druck an, was im Falle dieser Vorstellung mit keinerlei Problemen verbunden war. Die Italienerin Maria Agresta spielt im internationalen Opernbetrieb eine immer wichtige Rolle; als Maria Boccanegra hinterlässt sie aufgrund der zu Schärfen tendierenden Höhe und den nicht unbedingt schwebenden Pianotönen einen zwiespältigen Eindruck. Die für die Handlung entscheidende Partie die Paolo Albiani wird dank Markus Marquardt entscheidend aufgewertet. Hier verbinden sich stilistisches Einfühlungsvermögen mit einer wortdeutlichen Artikulation der zahlreichen Pianophrasen zu einem exzellenten Rollenporträt der oft unterbesetzten Rolle.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Giuseppe Verdi: Simone Boccanegra

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Christian Thielemann (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Markus Marquardt (Solist Gesang), Ramón Vargas (Solist Gesang), Zeljko Lucic (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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