> > > > > 26.07.2014
Mittwoch, 29. Juni 2022

Richard Wagner

Neuer 'Ring'-Zyklus in Erl

Nicht trüber Verträge trügender Bund

Gustav Kuhn hat wieder einen 'Ring' geschmiedet. Mit einer umjubelten 'Götterdämmerung' wurde er abgeschlossen. Brünnhildes Schlussworte: "(…) nicht trüber Verträge trügender Bund noch heuchelnder Sitte hartes Gesetz, selig Lust und Leid lässt die Liebe nur sein", könnten auch als Leitmotiv für die aktuelle gesellschaftliche Schieflage gelten und belegen erneut die Aktualität von Wagners Werk. Die Tragik einer gescheiterten Clique wird in dieser Inszenierung eindrucksvoll dargestellt, denn Gustav Kuhn fühlt sich der Kernaussage von Richard Wagners 'Ring des Nibelungen' verpflichtet. Es handelt sich um ein Weltendrama, in keiner speziellen Epoche angesiedelt, sondern auf menschlicher Ebene zeitlos gültig, mit Fokussierung auf den mitleidsvollen Erlösungsgedanken. Das Werk kann auch als eine humanistische Bekenntnisoper im Geiste Mozarts ('Zauberflöte') bezeichnet werden.

Eine grüne Wiese und ein Passionsfestspielhaus

Es gibt keine Stars in Erl. Das Werk steht hier im Mittelpunkt. Erfolgsgarant ist in erster Linie das Orchester der Tiroler Festspielspiele Erl mit Gustav Kuhn am Pult. Angefangen hat Gustav Kuhn mit seinen Festspielen 1998. Ermüdet vom immer oberflächlicher werdenden Kulturbetrieb, wurde ihm klar, dass er, um seinen eigenen künstlerischen Idealen treu zu bleiben, eine eigene Spielstätte finden müsse, und so begab er sich auf die Suche nach einem geeigneten Ort. Zwar hätte er auch einen Spielort in Berlin wählen können, doch sein Instinkt riet ihm, sich für den Passionsspielort Erl in Tirol zu entscheiden.

Das Haus mit seinen 1500 Plätzen, grandioser Akustik und großer Bühne erwies sich als gute Entscheidung. Es liegt auf der grünen Wiese inmitten einer ländlichen Idylle, dennoch ist es von München, Salzburg und Innsbruck schnell erreichbar. Die ersten zwei Jahre finanzierte Kuhn aus eigener Tasche. Er setzte seine gesamten Ersparnisse ein und war sich voll bewusst, was der Ausstieg aus einer internationalen Dirigenten-Karriere bedeuten könnte.

Orchester dominiert die Bühne

Imposant ist das große Orchester (ausgerichtet an Wagners Besetzungsanforderungen), das im Bühnenraum stufenmäßig angeordnet ist. Ganz oben, auf schwindliger Höhe, dominieren sechs Harfen das Bild. Ein Gazevorhang trennt zumeist Orchester und Spielfläche, Lichteffekte geben diesem Orchesteraufbau zudem eine dramaturgische Präsenz. Doch das Wunder von Erl ist der einmalige Orchesterklang. Kuhn dirigiert mit sparsamer Gestik, ruhig und doch souverän, mit einer suggestiven Ausstrahlung, die jeden Instrumentalisten zur höchsten Konzentration motiviert. Hier sitzt eine eingeschworene Gemeinschaft auf dem Podium. Der ungemein dunkle Orchesterklang klingt homogen, auf einem Atem dynamisch fließend, dennoch brillant ausgeformt. Berauschende Klangwellen entstehen, die allerdings den Gesang der vor dem Orchester agierenden Sänger nicht überdeckt, sondern fein gebündelt in den Saal trägt. Man benötigt also nicht immer einen überdeckten Orchestergraben, um eine perfekte Symbiose zwischen Gesang und Orchester zu erreichen.

Gustav Kuhn führt wie immer auch Regie, die Bühne (Jan Hax Halama) ist nur mit wenigen Requisiten bestückt, schwarze "Schatten" schieben diverse Möbel, Säulen und Divane in Position. Auch von oben schweben Teile herab. Natürlich sind auch Kinder wieder aktiv in die Handlung eingebunden, als Lichtträger oder Repräsentanten einer heilen Welt. Angesiedelt ist die Handlung zumeist im Heute, mit Einblicken auf eine vergangene Zeit, doch nicht immer kann man die Kostüme von Lenka Radecky als gelungen bezeichnen.

Als Gesamtkunstwerk gelungen 

Wenn auch gesanglich einige Abstriche gemacht werden müssen, darf man von einer beeindruckenden Gesamtleistung sprechen. Die Auftaktszene der drei Nornen (Rena Kleifeld, Svetlana Kotina, Anna Princeva) zeigt sich hervorragend einstudiert. Die drei Damen singen sehr wortverständlich und auf hohem Niveau. Das gilt auch für die Rheintöchter (Yukiko Aragaki, Michiko Watanabe, Misaki Ono), die mit ungemein frischer und klarer Stimme beeindrucken.

Anne Schuldt als Waltraute gelingt ein überzeugendes Rollenporträt. Sie weiß, wie man diesen langen Monolog auch darstellerisch intensiv gestaltet und auch stimmlich agiert hier eine Meisterin. Auch Susanne Geb (Gutrune) besitzt eine schön timbrierte Stimme und  verleiht der Partie mehr Persönlichkeit als allgemein üblich. Das gilt auch für ihren Bruder Gunther (Michael Kupfer), der gleichfalls mit einer starken Bühnenpräsenz brilliert und gesanglich ohne Zweifel zur Habenseite des Ensembles gezählt werden muss. Alberich Thomas Gazheli schwebt von der Decke herab und agiert mit einer fast diabolischen Stimmkraft, um seinen Sohn Hagen gefügig zu machen. Dieser wird von Andrea Silvestrelli mit einer tief-dunklen Bassstimme gesungen, die manchmal etwas forciert wirkt, aber vielleicht gerade wegen dieser Brüche hervorragend zum Charakter Hagens passt.

Mona Somm und Gianluca Zampieri (Brünnhilde und Siegfried) gelingt es, bis zum letzten Akt durchzuhalten. Zudem können beide noch Reserven abrufen, um eine starke Dramatik aufzubauen, wenngleich sie immer am Rand der stimmlichen Erschöpfung zu singen schienen. Agiert Zampieri zumeist mit einer gepressten Bruststimme, verfügt Mona Somm über ein eindrucksvolles Höhenregister, das allerdings auf Kosten einer stabilen Mittelage wohl zu früh aufgebaut wurde, auch darstellerisch ist sie aktuell noch keine überzeugende Brünnhilde. Der Chor unter der Leitung von Erich Polz singt beeindruckend stilsicher und durchaus festspielwürdig. An diesem Abend konnte man sicherlich eine Aufführung zu erleben, die das Werk in den Vordergrund gestellt hat. Das allein ist schon eine Reise wert.

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Kritik von Midou Grossmann



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Richard Wagner: Götterdämmerung

Ort: Passionsspielhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Gustav Kuhn (Dirigent), Lenka Radecky (Kostüme), Orchester der Tiroler Festspiele (Orchester), Gianluca Zampieri (Solist Gesang), Michael Kupfer (Solist Gesang), Thomas Gazheli (Solist Gesang), Susanne Geb (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Tiroler Festspiele Erl

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