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Freitag, 19. August 2022

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Szenenfoto "Lady Macbeth von Mzensk", Copyright: Claudia Heysel

Szenenfoto "Lady Macbeth von Mzensk", © Claudia Heysel

Schostakowitsch in Dessau

Musikalischer Triumph

Wenn es nach den Zuschauerreaktionen nach der Premiere von Dmitri Schostakowitschs 'Lady Macbeth von Mzensk' am Anhaltischen Theater Dessau geht, ist diese Neuproduktion ein Volltreffer. Und die traditionsreiche Dessauer Oper nicht wegzudenken aus der Stadt. Tatsächlich erlebt man Schostakowitschs Opernthriller hier in einer vor allem musikalisch exzellenten Wiedergabe. Das beginnt im Graben, wo das Orchester unter seinem niederländischen Chef Antony Hermus farbig und mit gewichtigem Schönklang die Partitur von 1934 ausbreitet. Hermus bedient dabei weniger die schroffen, kantigen Aspekte dieses Klassikers der Moderne, sondern die genauen Strukturen, melodiösen Linien und die raffinierte, rhythmische Vielschichtigkeit der Partitur. Klar gelingt es ihm, den Aufbau des Werkes dramaturgisch offen zu legen, die einzelnen Abschnitte so klar aneinanderzureihen, dass man fast meinen möchte, einer Nummernoper zu lauschen. Er entdeckt versteckte Walzer und operettenhafte Ensembles, bleibt auch da noch weich im Klang, wo manch anderer die schrille Groteske herauskitzelt. Selbst die Polizistenszenen scheinen mehr der Operette abgelauscht als den knallharten Blechbläserkaskaden einer skurrilen Staatsgroteske. Als Gesamtkonzept gelingt das Hermus und seinen bestens disponierten Musikern jedenfalls vortrefflich und rückt diese 'Lady Macbeth' des damals erst 27-jährigen Komponisten vielleicht mehr in ihre Entstehungszeit als es so manche heutige Interpretation in Kenntnis der Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts vermag.

Unterstützt wird Anthony Hermus dabei von einem hervorragenden Dessauer Sängerensemble, allen voran Iordanka Derilova in der Titelpartie, die eine intensive Sängerdarstellerin ist. Die Bulgarin ist seit 2003 eine feste Größe des Dessauer Hauses, hat hier schon Partien wie Rusalka, Isolde, Kundry und Brünnhilde gesungen. Ihr in allen Lagen sicher geführter Sopran hat die nötige Kraft und Wandelbarkeit, um eine so vielschichtige Partie gestalten zu können. Sie tut dies ohne schrilles Keifen oder gesprochenes Tiefenregister, wie man das sonst so oft hört. Vielmehr ist sie technisch souverän im Umgang mit ihren musikalischen Ausdrucksmitteln, von den dezenteren Tönen des Beginns bis in die dramatische Höhe und die Attacke hinein. Dass sie zudem eine großartige Darstellerin ist, macht diese Katarina Ismailowa zum Fixpunkt des Abends. Doch auch Robert Künzlis kräftiger und farbenreicher Sergej ist auf höchstem Niveau dabei. Auch er gibt ein fesselndes Portrait, voller vokaler und dramatischer Stärken. Er kann jedoch auch einen leichteren Ton und eine weichere Stimmfärbung einbringen. Schließlich ist noch Ulf Paulsen mit seinem Charakterbass als Boris aus dem guten Ensemble hervorzuheben, der Katarinas despotischen Schwiegervater zwischen sexuellem Begehren und Machtgebahren mit mal lüsterner, mal bedrohlicher Stimmfülle angemessen widerlich zeichnete und auch als Charakter glaubhaft wird.

Schade nur, dass sich Hinrich Horstkotte in seiner biederen Inszenierung und Ausstattung nicht hat entscheiden können, was er eigentlich erzählen will. Mal gibt es deutliche realistische Szenen, dann wieder wird so getan, als ob da eine Tür, ein Bett, Wände oder ein Vorhangschloss wären, wo nichts ist. Dann wieder gibt es eine Schüssel mit vergifteten Pilzen, Becher oder Tische. Die Kostüme sind geradezu naturalistisch oder halt so wie man sich russische Arbeiter und Bauern des 19. Jahrhunderts gemeinhin vorstellt. Die sexuellen Übergriffe und die Gewalt, die für das Funktionieren des Stücks so wichtig sind, sind entweder verschämt angedeutet (z. B. Vergewaltigung Axinjas) oder jugendfrei bebildert (z.B. Auspeitschung Sergejs, die Morde), der Geschlechtsverkehr passiert sowieso durch die Kleidung hindurch. Eine Entscheidung für eine klare Stilisierung - Realismus des Geschehens oder eben Drastik der Darstellung - wäre notwendig gewesen. Die jetzige Mischung macht wenig Sinn. Es soll so etwas wie eine Versuchsanordnung sein, die in der Blackbox der bis zur Brandmauer hin offenen Bühne mit wenigen Requisiten gezeigt wird, konnte man lesen. Sehr vage fühlt man sich an Lars von Triers "Dogville" erinnert, doch fehlen sowohl dessen dramaturgische Konsequenz als auch die Poetik seiner Bildsprache. Ein paar Chiffren in dieser schwarz-weißen Welt sind dann doch arg simpel gewählt, wie das rote Hemd für den Liebhaber oder der Pelzmantel Katarinas im sibirischen Sträflingslager. Es wirkt alles etwas unausgegoren - vor allem aber verfehlt die Inszenierung die Fallhöhe, Dramatik und Drastik der Vorlage. Möglich, dass das auf dem Konzeptpapier alles aufgeht; in der Praxis der Aufführung bleibt es jedoch einiges schuldig.

Umso mehr ist die musikalische, musikdramatische Seite zu loben, die all das nicht nur wettmacht, sondern selbstständig für sich stehen kann, mit vielen Lichtblicken im Ensemble des Hauses, von Alexander Dubnovs geschmeidigem Tenor als Sinowij über Rita Kampfhammers luxuriöse, sopranmelancholische Sonjetka bis hin zum kraftvollen Chor, der die zahlreichen Herausforderungen dieses Werks auch in solistischen Episoden imponierend meistert.

Der Landesregierung, die das Anhaltische Theater Dessau durch Mittelkürzungen kulturfremd und inkompetent in seinen Grundfesten bedroht, jedenfalls kann man nur raten, sich kundig zu machen, auf welchem Standard hier musiziert und gesungen wird. Manch besser ausgestattetes Haus wäre ob dieser Qualitäten froh.

Kritik von Frank Fechter



Kontakt zur Redaktion


Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk

Ort: Anhaltisches Theater,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Hinrich Horstkotte (Bühnenbild), Antony Hermus (Dirigent), Hinrich Horstkotte (Inszenierung), Hinrich Horstkotte (Kostüme), Anhaltische Philharmonie Dessau (Orchester), Ulf Paulsen (Solist Gesang), Robert Künzli (Solist Gesang), Stephan Biener (Solist Gesang)

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