> > > > > 28.09.2013
Donnerstag, 28. Oktober 2021

'Luther in Worms' in der Basilika Knechtsteden

Der Sinnstifter

In Knechtsteden kennt man sich mit der Ausgrabung unbekannter Werke sehr gut aus. Das 1992 von Hermann Max ins Leben gerufene Festival hat in diesem Bereich inzwischen einen ausgezeichneten Ruf; zahlreiche CD-Einspielungen besonders beim Entdeckerlabel cpo dokumentieren die Zuneigung zum und zu Vergessenen und Übersehenen der Musikgeschichte. Auf dem Programm des Abschlusskonzertes des 22. Festivals stand nun wieder so ein Werk, das Oratorium 'Luther in Worms' von Ludwig Meinardus (1827-1896).

Es gehört zu jenen zahlreichen Werken, die kurz nach der Reichsgründung 1871 nicht zufällig entstanden sind: Der endlich geeinten Nation fehlte es ein gutes Stück weit an innerer Legitimation, die man mittels Rückgriffe auf die Historie zu kompensieren suchte, nicht zuletzt auch um geschichtliche Kontinuität zu suggerieren. Im Umfeld des beginnenden Kulturkampfs war dabei ein Motiv sehr deutlich: die Identifikation der protestantischen Mehrheit in Abgrenzung zu den "Welschen" und "Römischen", die als fremdgesteuert und "undeutsch" gesehen wurden. Nichts lag also näher, als jenen entscheidenden Moment der Geschichte zu vertonen, in dem Martin Luther vor dem versammelten Reichstag zu Worms 1521 seine Thesen nicht widerruft (inklusive des inzwischen ins Reich der Legende gehörenden Ausspruchs "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!") und die Kirchenspaltung – obwohl unbeabsichtigt – ihren Ausgang nahm. Gerade wegen der zentralen Bedeutung des Themas zieht das Werk das Interesse auf sich.

Vermischungen

Natürlich handelt es sich dabei nicht um eine historisch korrekte Nacherzählung des Geschehenen, sondern das Werk setzt – ganz das Kind seiner Zeit – eigene Schwerpunkte, indem es auf eigentümliche Weise nationales Pathos mit protestantischem Sendungsbewusstsein vermischt. Beides ist durch die Persönlichkeit des Komponisten erklärbar. Meinardus, nachdem er gegen Widerstände der Eltern das Musikerdasein durchsetzte und dabei durch Schumanns und Mendelssohns Beurteilungen hart ausgebremst wurde, gehörte einer pietistischen Erweckungsbewegung an. In ihr gingen Nationalismus und Protestantismus Hand in Hand. Dennoch ergeht sich Meinardus’ Hauptwerk nicht in hohlem Bombast und heroischer Attitüde, sondern wartet mit mancher musikalischer Raffinesse auf, die gerade auch die Figur Luthers charakterisiert. Er selbst nannte es ein "ideelles Drama", was konkret eine stark opernhafte Gestaltung unter Einbeziehung räumlicher Effekte (Türmerfanfaren, nahender Ritterzug, Rufe der Reichsherolde) meinte. Es gliedert sich in zwei Teile, der erste ist mit 'Die Fahrt nach Worms' überschrieben, der zweite mit 'Vor Kaiser und Reich'.

Im ersten Teil wird ein Pilgerzug mit Justus Jonas an der Spitze gezeigt, der sozusagen im Vorbeigehen zunächst Nonnen eines Klosters auf seine Seite zieht, einen zunächst zweifelnden, aber zunehmend selbstbewussten Luther präsentiert, der sowohl den kriecherischen kaiserlichen Beichtvater in die Flucht schlägt als auch die Hilfe der Reichsritter unter Ulrich von Hutten ausschlägt, um schließlich unter den Rufen der Türmer in Worms einzuziehen. Im zweiten Teil huldigt der versammelte Reichstag dem Kaiser Karl V., der Luther sogleich zu sich rufen lässt. Der Ausgang ist bekannt, die Anhänger Roms und Luthers stehen sich unversöhnlich gegenüber und am Schluss stimmt Luther zunächst allein den Choral 'Ein feste Burg ist unser Gott' an, in den immer mehr Stimmen einfallen, bis er zu einem triumphalen Schluss geführt wird. Meinardus’ Tonsprache hat seine Vorbilder eindeutig bei Bach und Mendelssohn, jedoch geht er in der Handhabung des Ablaufs mit teils durchkomponierten Übergängen eher in Richtung Wagner.

Tolle Umsetzung mit minimalen Abstrichen

Meinardus verlangt ein beträchtliches Aufgebot an Ausführenden. Neben einem großen Orchester sind dies sieben Solisten, ein gemischter Chor in verschiedenen Aufteilungen bis hin zum Doppelchor sowie (eigentlich) ein Knabenchor. Insofern geraten das eher auf ältere Musik spezialisierte Concerto Köln, aber auch die Rheinische Kantorei besetzungstechnisch an ihre Grenzen, was sich gelegentlich denn auch nicht überhören ließ. Zwar kamen so die zahlreichen instrumentationstechnischen Feinheiten wunderbar zur Geltung, aber an wichtigen Stellen fehlte dann doch die Wucht der Masse, mit der Meinardus rechnete. Erschwerend kam die Akustik der Basilika Knechtsteden hinzu, die die kunstvoll eingesetzte Polyphonie stark verwischte. Nichtsdestotrotz: Die Qualitäten des Werks wurden eindrucksvoll präsentiert, nicht zuletzt dank der sämtlich bestens aufgelegten Solisten. Ganz besonders Matthias Vieweg in der durchaus fordernden Titelpartie machte seine Sache glänzend. Er verkörperte die Figur Luthers ganz in Meinardus’ Sinn als in sich ruhender, selbstbewusster, aber nicht überheblicher Reformator mit klarem und beweglichem Bariton. Die übrigen Partien fallen an Umfang dagegen merklich ab; dennoch waren die kurzfristig eingesprungene Catalina Bertucci (als Nonne Katarina, Sopran), Annette Gutjahr (Marta, Alt) und Clemens Löschmann (Justus Jonas, Tenor) ideale Besetzungen, die besonders in den Ensemblesätzen wunderbar homogen zusammenwirkten.

Die Rheinische Kantorei war sowohl in gemischter als auch in reiner Frauen- bzw. Männerbesetzung bis hin zum Tripelchor gefordert und führte damit einmal mehr vor Augen und Ohren, wie idealer Chorklang in Bezug auf Ausgewogenheit und Aussprache sein sollte. Lediglich in den Massenszenen im zweiten Teil, besonders beim Tripelchor, in dem zwischen den Chören der Anhänger Luthers und Roms eigentlich ein Knabenchor einen Cantus firmus singen sollte, forderte die Aufteilung wie erwähnt ihren Tribut. Hermann Max führte das stark erweiterte Concerto Köln mit frischen Tempi souverän durch alle Schwierigkeiten der Partitur; nur in den großen tumultartigen Chorszenen wäre gerade angesichts der problematischen Akustik ein Tritt auf die Bremse wünschenswert gewesen. Mit Spannung kann man der CD-Einspielung bei cpo entgegensehen, die unter besseren Bedingungen ein interessantes Zeitdokument und musikalisch lohnendes Werk verfügbar machen wird.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Frederik Wittenberg



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Meinardus: 'Luther in Worms': Basilika Knechtsteden

Ort: Basilika Knechtsteden,

Mitwirkende: Rheinische Kantorei (Chor), Hermann Max (Dirigent), Concerto Köln (Orchester), Matthias Vieweg (Solist Gesang), Hannah Morrison (Solist Gesang), Corby Welch (Solist Gesang), Markus Flaig (Solist Gesang), Anne Bierwirth (Solist Gesang), Clemens Heidrich (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Festival Alte Musik Knechtsteden

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