> > > > > 22.12.2013
Montag, 14. Juni 2021

Kusej inszeniert Verdi in München

Grausames Schicksal oder repressive Religion?

Das Verdi-Jahr 2013 ging an der Bayerischen Staatsoper in München mit einer vor allem für die sängerischen Leistungen umjubelten Premiere von 'La forza del destino', der 'Macht des Schicksals', zu Ende. Die Erwartungen waren hoch, denn das Münchner Traumpaar Anja Harteros und Jonas Kaufmann stand wieder einmal gemeinsam auf der Bühne. Beide gaben überdies in den Partien der Leonora und des Alvaro ihr Rollendebüt. Martin Kušej übernahm die Inszenierung, und so erwartete man schon, dass es keine einfach nur "schöne" Produktion werden würde. Man konnte gespannt sein, wie er die ja doch eher abstruse Geschichte erzählen würde: Leonora will mit ihrem Liebhaber Alvaro fliehen, dieser tötet aus Versehen ihren Vater, beide werden darauf von ihrem Bruder Carlo verfolgt, der dann am Ende der Oper im Zweikampf von Alvaro getötet wird aber kurz vor seinem Tod noch seine Schwester Leonora ermorden kann, so dass Alvaro einsam und verzweifelt übrig bleibt.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Verdi: La forza del destino: Bayerische Staatsoper

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Asher Fisch (Dirigent), Martin Kusej (Inszenierung), Orchester der Bayerischen Staatsoper (Orchester), Anja Harteros (Solist Gesang), Jonas Kaufmann (Solist Gesang), Ludovic Tézier (Solist Gesang), Renato Girolami (Solist Gesang)

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Bisherige Kommentare:

  1. Die Macht der Mächtigen

    Das Verdi-Jahr an der Münchner Staatsoper endet fulminant. "La Forza del destino" begeistert sängerisch, verdichtet sich unter der Regie von Martin Kušej zu einer subtil inszenierten Kritik der Machtsysteme, woran sich die Geister scheiden.

    Frenetisch ist der Jubel für Anja Harteros. Jeder Arie folgt Applaus. Ergreifend entwickelt sie die Partie Leonoras in völliger Authentizität vom jung verliebten naiven Mädchen zur Heroin reiner Liebe, sängerisch und schauspielerisch hervorragend, ein strahlender Stern in der dunklen mit Vitalij Kowaljow (Leonoras Vater/Padre Guardiano) und Ludovic Tézier (Leonoras Bruder Carlo). ebenfalls bestens besetzten Männerwelt. Selbst Jonas Kaufmanns Tenor wirkt blass neben der mächtigen unangestrengten Tonalität, dem charismatischen Timbre Anja Harteros, erst in den Duetten mit tiefen Stimmen kommt sein Tenor zur Wirkung. Funkelnd die eloquenten Arien Preziosillas (Nadia Krasteva) und Fra Meltiones (Renato Girolami).

    Unter dem Dirigat von Asher Fisch bleibt das Bayerische Staatsorchester ganz im Dienste der Sänger und der Regie. Er reduziert die Tempi, um melodische Klangschönheit wirken zu lassen, weitet die Kantilenen, akzentuiert prägnant, baut wuchtige Crescendi auf, ohne dass sich das Orchester vordrängt. Dabei kommt die transzendente Spiritualität in den Passagen Leonores bestens zur Wirkung. Folkloristischer Kriegseuphorie klingt bewusst gedämpft, adäquat Martin Kušejs Regiekonzept, das Heldenmythos durch eine versoffene hurende Soldadeska auf der Bühne zu konterkariert.

    Zusammen mit Bühnenbildner Martin Zehetgruber, Reinhard Traub (Licht) und Heidi Hackl (Kostüme) findet Martin Kušej raffiniert ruhige Szenerien, in denen wie schon bei seiner "Rusalka"-Inszenierung die Details eine irritierende Verortung in der Gegenwart ermöglichen. Leonore liebt Alvaro. Der Vater verhindert die Flucht, wird dabei versehentlich erschossen. Bruder Carlos schwört lebenslange Rache. Eingebettet zwischen Krieg und Kloster wird "Die Macht des Schicksals" konkret zur Macht der Mächtigen, die Familientragödie zum Abbild globaler Macht heutiger Tage.

    Das Kreuzzeichen neben den sinnlichen Kugellampen wird zur Chiffren dieser spannungsgeladenen Inszenierung, in der Martin Kušej durch selbstauslösenden Pistolenschuss, rasanteDuellszenen, opulente Statisterie das Libretto nicht nur effektvoll umsetzt, sondern weit mehr durch kleinste Gesten in der Personenregie subtil die Machtsysteme hinterfragt,

    Der Retro-Spießer-Ästhetik der 60er erwächst das knallharte Management globaler Machtstrukturen. Eisig kalt ist das Familiendinner, vor dem Leonore fliehen will, als sie zum ersten Mal Liebe fühlt, so zart und leicht wie der weite Vorhang, in den sie sich mit Alvaro verhüllt, dessen schlechte Manieren ihn zunächst voll aus der negativen Sicht des Vaters wirken lassen. Nicht minder managerlike erscheint der Klerus, verstärkt durch die Doppelrolle Vitalij Kowaljows. Das Patriachat, egal in welcher Welt, zieht die Fäden der Macht. Als Vater unterbindet er Leonores Liebe, als Padre Guardiano schickt er sie in die Einsiedelei, nicht ohne sie vorher zu begehren und durch das Initiationsritual einer Taufe, bei der sie fast ertränkt wird, zu unterwerfen. Pathetisch von einer Lichtaura umflort schreitet Leonora engelsgleich himmelwärts, alles Irdische hinter sich lassend, eine Wahnsinnszene, Opium für die gequälte Seele, die die Machtmechanismen unter klerikalen Deckmantel offenlegt und gleichzeitig ein außerordentlicher Verdi-Moment, in dem die Spiritualität Verdis Musik aufleuchtet.

    Im kreisrunden zerbombten Gebäude weitet sich die Szenerie auf globales Ground-Zero-Terrorszenario inklusive voyeuristischen Blicks durch eine Mauerspalte auf eine Folterkammer als Anspielung auf Abu Ghuraib. Statt des Chors der Alten in der Suppenausgabe streckt der mächtige Kinderchor der Staatsoper gierig die Hände nach dem Tisch mit Pausebrotschachteln, aus denen Frater Melitone (Renato Girolami) habgierig Brote klaut und beschämt wieder zurücksteckt. Grell erleuchtet vor schwarzem Off, golden umrahmt, entsteht ein faszinierend surreales Bild angeblicher Barmherzigkeit. Für Burleske bleibt kein Raum, will man die Ungerechtigkeit der Welt anprangern.

    Angesichts dieser gewaltigen Gesellschaftsbilder wird Carlos sture, pragmatisch unreflektierte Rache zum Spiegelbild globaler Gewalt. Mit vokaler Macht und kämpferischer Präsenz verkörpert Ludovic Tézier die auslöschende Energie männlicher Macht. Nach spannenden Machtkämpfen endet die Rache mit Carlos und Leonoras Tod unter einem Berg weißer lädierter Riesenkreuze. Der omnipräsente Tisch mutiert zum Opferaltar, das Kreuz, Alvaro wirft seines achtlos weg, zum nutzlosen Werkzeug ohne Erlösungscharakter. Allen Buhs zum Trotz eine großartige Regieleistung!


    Nutzer_SDERZJU, 08.01.2014, 09:32 Uhr
  2. Trifft ...
    meine Auffassung sehr gut. Danke. Es gibt keinen Grund für vorbehaltlose musikalische und in der Regie liegende Bewunderung, mit Ausnahme von Frau Harteros. JK ist ein Stück von allem, deshalb unrund und eindimensional. Seine graue und umwölkte, ständig irgenwie belegte Mittellage, ein leicht larmoyant klingendes Piano können die schönen Teile seiner Stimme nicht ausgleichen. Ein mediengerechter Sänger. Beim Vergleich mit historischen Vorbildern wie MDM wirkt er wie ein Hauskater gegen einen Löwen. Unerreichbar. Im übrigen halte ich zu rasch folgende Rollendebuts der Stimmentwicklung nicht zuträglich. Wohl aber dem Bankkonto.
    Nutzer_TOVBZVA, 26.12.2013, 07:27 Uhr
  3. Danke für die präzise Analyse
    Eine hervorragende Kritik. Vielen Dank!
    Nutzer_CMHKOTV, 23.12.2013, 14:02 Uhr

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