> > > > > 08.05.2013
Montag, 10. August 2020

Wolfgang Amadeus Mozart

Das Musikfestival "Musik im Riesen" in Wattens

Funkelnde Kammermusik-Kristalle

Normalerweise fährt man an Wattens vorbei, ohne viel davon zu merken, entweder auf der Inntalautobahn auf dem Weg zum Brenner oder mit der Bahn in Richtung Innsbruck. Auch auf dem Weitwanderweg München-Venedig oder auf dem Jakobsweg durch das Inntal bietet sich eher das benachbarte Hall mit seiner schönen Altstadt als Etappenort an. Dabei hat Wattens etwas ganz Besonderes zu bieten, ist es doch die Heimat der weltberühmten Swarovski-Kristalle. Nun hat die Firma Swarovski aber nicht nur ihren Firmensitz und Produktionsstätten in Wattens, sondern sich zum hundertjährigen Firmenjubiläum im Jahr 1995 mit den Kristallwelten ein eigenes "Museum" geschaffen, in dem der österreichische Künstler André Heller freie Hand bei der Gestaltung der vierzehn Räume hatte und ein Konzept des phantasievollen Erlebens mit allen Sinnen umsetzte.

Durch zahlreiche die verschiedenen Künste verbindende Veranstaltungen haben sich die Kristallwelten darüber hinaus inzwischen zu einem kulturellen Zentrum der Region Innsbruck entwickelt. Dazu gehört auch das Festival "Musik im Riesen", das dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert und zum Thema "die Violine" nicht nur Geigenstars wie Isabelle Faust und Christian Tetzlaff, sondern – in Erweiterung der Violinfamilie – auch berühmte Streichquartette eingeladen hat. Für Wattens-Neulinge muss natürlich erst einmal der Name des Festivals erklärt werden: Die Kristallwelten befinden sich in einem künstlich angelegten bewachsenen Hügel am Ortsrand von Wattens, und ihr Eingangsbereich ist von außen wie ein großes Gesicht gestaltet, aus dessen Mund sich ein Wasserfall in einen kleinen künstlichen See ergießt. Somit sieht das Kulturzentrum aus wie ein liegender Riese.

Das Konzert, das ich besuchen durfte, war eigentlich ein Doppelkonzert, denn zunächst präsentierte sich das spanische Cuarteto Casals im "Cube", dem Veranstaltungssaal der Kristallwelten, mit Werken von Mozart, Kurtag und Schumann. Anschließend konnten die Konzertbesucher in die Eingangshalle der Kristallwelten hinüber wechseln, um dort den ehemaligen Bratschisten des Artemis-Quartetts Volker Jakobsen zusammen mit dem Akkordeonspieler Luka Juhart zu hören.

Das 1997 gegründete Cuarteto Casals gehört schon seit Jahren zur ersten Liga der inzwischen nicht mehr ganz jungen Quartette und hat nicht nur mit seinen Konzerten, sondern auch mit seinen bei Harmonia Mundi erscheinenden CDs Maßstäbe gesetzt. Unverwechselbar macht dieses Quartett, dass sich die vier Musiker gegenseitig solistische Freiheiten gönnen, wo andere Quartette heute versuchen, in jeder Stimme gleich zu klingen, um einen einheitlichen Quartettklang zu erzeugen. Den gibt es bei den Casals natürlich auch, und sie wissen genau, wann sie zwischen dem einen und dem anderen Modus umschalten müssen. Dazu spielen sie einerseits aus den Partituren der Stücke, andererseits fordert diese Art des Spiels ein ungemein genaues und waches gegenseitiges Zuhören und Reagieren, um dann an den Nahtstellen der Komposition doch gemeinsam zu spielen.

Dies gelang dem Cuarteto Casals auch in Wattens auf beeindruckende Weise. Selten hört man live Quartette, die so natürlich und selbstverständlich miteinander kommunizieren. Bei Mozarts erstem seiner sechs Haydn gewidmeten Streichquartette in G-Dur KV 387 spielte das Ensemble mit Barockbögen, wodurch gerade die Läufe, z.B. im abschließenden 'Molto allegro' sehr leicht und elegant wirkten. Allerdings hinterließ der gleichzeitige intensive Gebrauch von Vibrato und das zum Teil sehr satte romantische Klangideal des Quartetts einen aus Sicht der historischen Aufführungspraxis gespaltenen Eindruck. Aber das ist in einer Zeit, in der interpretatorisch eigentlich alles erlaubt zu sein scheint, eher Geschmackssache.

Einen großen Schwerpunkt stellt bei der "Musik im Riesen" die zeitgenössische Musik dar. In jedem Konzert ist in der Regel mindestens ein Werk des 20. oder 21. Jahrhunderts zu hören. Die Casals interpretierten György Kurtágs 12 Mikroludien für Streichquartett und zeigten dabei nicht nur, dass sie alle möglichen Spielarten auf ihren Instrumenten perfekt beherrschen, sondern verblüfften das Publikum mit einer schier unendlichen Vielfalt an funkelnden Klangfarben in diesen sehr komprimierten und kurzen Stücken. Für dieses Werk und für das erste Streichquartett von Robert Schumann nach der Pause wechselte Vera Martinez ans Pult der ersten Geige, nachdem sie schon bei den solistischen Einwürfen der zweiten Geige im Mozart gezeigt hatte, wie ausgeglichen das Cuarteto Casals in den Violinen besetzt ist. Das Schumann-Quartett wurde zum Höhepunkt des Abends: Ruhig fließend der erste, fetzig wild die Scherzoteile des zweiten Satzes und nach dem Ruhepunkt des langsamen dritten Satzes der Schlusssatz in einem Tempo, das am Rande der Spielbarkeitsgrenze angesiedelt war. Das Publikum dankte den Musikern mit begeistertem Applaus und wurde mit der als Zugabe immer wieder gern gespielten Polka von Schostakowitsch belohnt.

Welch ein anderes Klangerlebnis erwartete die Zuhörer anschließend in der tief blauen Eingangshalle der Kristallwelten. Unter der riesigen mit Kristallen übersäten Stele von Keith Haring spielten Volker Jakobsen und Luka Juhart zunächst Bachs Gambensonate G-Dur BWV 1027. Zwar konnte Volker Jakobsen dabei durch sein sensibles und unaufdringliches Spiel überzeugen, allerdings hielt sich Luka Juhart mit seiner Gegenstimme dieser Triosonate zu sehr zurück so dass die Viola klanglich öfter ein wenig allein in der Luft hing. Bei Vinko Globokars 'Dialog über Luft' war Luka Juhart umso mehr in seinem Element und begeisterte nicht nur mit einer Fülle von Klangvariationen und virtuosem Huschen über die Tasten seines Akkordeons, sondern auch mit großem schauspielerischem Talent. Ein großer Kontrast in ihrer Schlichtheit und reinen Harmonie waren anschließend drei Bearbeitungen von Liedern von John Dowland, bevor auch Volker Jakobsen mit Igor Strawinskys 'Élégie' für Viola solo seinen solistischen Auftritt mit Bravour meisterte. Benjamin Brittens 'Lachrymae' schlugen schließlich die Brücke zwischen alter und Neuer Musik und boten einen wunderbaren Abschluss dieses langen Konzertabends. Das Publikum, das trotz der Länge des Programms zahlreich ausgeharrt hatte, war auch von diesem abwechslungsreichen Programm und seinen beiden Interpreten begeistert.

Noch bis zum 11.5.2013 dauert das Festival "Musik im Riesen" und es sind noch Geigen-Stars wie Christian Tetzlaff, Patricia Kopatchinskaja oder Isabelle Faust und das Belcea Quartett zu hören. Wenn Sie es so schnell nicht nach Wattens schaffen, sollten Sie sich entweder das nächste Festival "Musik im Riesen" Anfang Mai 2014 vormerken und das nächste Mal nicht an Wattens vorbeifahren, denn neben der wunderbaren Landschaft und der herzlichen Gastfreundschaft der Wattenser lohnt sich ein Abstecher in die Kristallwelten auf jeden Fall.

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Kritik von Christian Starke



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Festival "Musik im Riesen": Cuarteto Casals, V. Jakobsen und L. Juhart

Ort: Swarovski Kristallwelten,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, György Kurtág, Robert Schumann, Johann Sebastian Bach, Vinko Globokar

Mitwirkende: Cuarteto Casals (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Musik im Riesen

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