> > > > > 14.04.2013
Freitag, 24. Mai 2019

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, Copyright: Christian Nielinger

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, © Christian Nielinger

"Berlin um 1800" bei der Akademie für Alte Musik

The Wild Side of Berlin and Beethoven

Es passiert nicht alle Tage – um nicht zu sagen: eigentlich nie –, dass ich während einer Beethoven-Symphonie fortwährend an Turnschuhe denken muss. Genauer gesagt: Während Marcus Creed mit der Akademie für Alte Musik Beethovens Symphonie Nr. 1 in C-Dur spielte, schoss mir andauernd der Slogan einer aktuellen Imagekampagne für eine große Turnschuhmarke durch den Kopf. Da heißt es, mit normalen Schuhen könne man zwar gut laufen, aber Träger der Sneaker dieser Firma hätten keine Angst "dreckig" zu werden und würden dadurch mehr erleben. Und das Mehr bedeutet in diesem Fall vor allem: Aufregenderes! Nun ist ja die Alte-Musik-Bewegung einstmals gerade deshalb so erfolgreich gewesen, weil sie keine Angst davor hatte, Musik "rauh", "dreckig" und "authentisch" klingen zu lassen und damit aufregender als die traditionelle Symphonieorchester-Konkurrenz. Ein ganzes vergessenes und vormals belächeltes Repertoire aus dem 17. und 18. Jahrhundert wurde auf diese Weise wiederentdeckt. Und ja, auch Beethoven hat man erfolgreich der Alte-Musik-Kur unterzogen. Denn selbstverständlich tut es auch ihm gut, von der "wild side of things" angegangen zu werden.

Von Sneakern und Wildheit war am Sonntagabend im Konzerthaus Berlin allerdings wenig zu spüren. Von jungen Zuhörern – wie aus der Turnschuhwerbung – sah man auch fast nichts. Stattdessen: etliche leere Plätze im Parkett. Dabei war das Programm spannend. "Berlin um 1800" war der Titel, und im Angebot waren neben Beethoven Komponisten, die den meisten Konzertgängern vermutlich nicht geläufig sind, die aber die Bekanntschaft lohnen: Johann Friedrich Reichardt (1752-1814), Ernst Theodor Amadeus (E.T.A.) Hoffmann (1776-1822), Johann Gottlieb Naumann (1741-1801) sowie Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772-1806). Wem all diese Namen nichts sagen, der konnte im Programmheft nachlesen, was die Herren jeweils besonders macht – aber im Konzert selbst wurde davon wirklich rein gar nichts vermittelt. Es spulte einfach ohne Kommentar recht unatmosphärisch ab. Ich dachte immer wieder: Wieso kommt da nicht mal jemand auf die Bühne und erzählt etwas zu der Musik, macht diese aufregende Zeitreise begreifbar für alle? Als kürzlich Dagmar Manzel ihren Heymann-Abend an der Komischen Oper gab, war es doch auch kein Problem, das Konzert mit einer Lesung zu verbinden und damit Horizonte zu erweitern, für den Hörer. Es hätte den Genuss von Reichardts Sinfonia G-Dur sicherlich gesteigert, wenn man all die Fakten aus dem Programmheft tatsächlich auf dem Podium erlebt und gehört hätte. Denn die Sinfonia sprudelt und perlt mit ihren vielen Trillern im ersten und letzten Satz wie eine Brausetablette. Ganz wunderbar also. Auch Hoffmanns 'Arlequin'-Ballettmusik hätte mehr Erläuterung vertragen: Wieso ist sie so dramatisch, bei einer Commedia-dell’arte-Geschichte? Wieso benutzt Hoffmann einen so überwältigend wuchtigen 'Don Giovanni'-Sound für eine Harlekin-Story? Die Musik war jedenfalls eine Entdeckung und für mich, zusammen mit dem Reichardt-Stück das Highlight des Abends.

Auftritt mit Tangentenflügel

Danach folgten zwei Klavierkonzerte bzw. ein Konzert von Naumann in B-Dur sowie ein Rondeau für Klavier und Orchester von Louis Ferdinand von Preußen, ebenfalls in B-Dur. Die Solistin Christine Schornsheim hatte für ihren ersten Auftritt einen Tangentenflügel gewählt – eine für meine Ohren extrem unglückliche Entscheidung, denn der Spinett-artige Klang des Instruments war alles andere als "berührend schön", wie das Programmheft versprach. Vielmehr hörte man den Klavierpart im großen Raum des Konzerthauses so gut wie gar nicht. Mit diesem Tangenten-Instrument hat Schornsheim Naumann in moderner Zeit sicher keinen Gefallen getan. Das Prinzen-Rondeau wurde dagegen nach der Pause mit einem Hammerflügel aus Wien von 1812 gespielt. Der war wesentlich besser zu hören – und somit konnte ich auch vernehmen, dass Schornsheim perlend und bravourös spielte. Aber auch hier wirkte die Musik für meine Ohren deutlich undramatischer als ihr gut täte. Zur Erinnerung: Ferdinand von Preußen ist der Widmungsträger von Beethovens Drittem Klavierkonzert und angeblich auch der "Eroica"-Symphonie von 1806. Das macht aus ihm selbst nicht zwangsläufig einen grandiosen Komponisten, und das Rondeau ist zugegebenermaßen eher brav als bahnbrechend. Trotzdem hätte man da schon etwas mehr Kontrast und kinky Details herauskitzeln können. Zumindest wenn man im metaphorischen Sinn Sneaker-Träger wäre.

Das gilt in ganz besonderem Maße auch für die Beethoven-Symphonie. Da fehlten mir über weite Strecken die Akzente, mit denen die großen Dirigenten der Vergangenheit Beethoven ausgestattet haben, egal ob im Zusammenhang mit historisch informierter Aufführungspraxis oder einer traditionellen Spielart à la Karajan oder Günter Wand. Außerdem gab es wenig Abstufungen, d.h. man hörte entweder wunderbare Solo-Passagen (von den hervorragenden Holzbläsern) oder den vollen Tutti-Klang. Dazwischen gab’s kaum etwas. Ich muss gestehen, dass ich die Aufführungen mit modernen Orchestern stark bevorzuge, weil man da das Muskelspiel von Beethovens Musik physisch besser erfahren kann und vieles (wie etwas das Vivace-Menuett) spritziger klingt. Dabei hätte mich eine "dreckige" Beethoven-Wiedergabe mit Marcus Creed und der Akademie für Alte Musik grundsätzlich durchaus interessiert.

Vielleicht sollte man dem ganzen Orchester einfach einen neuen Sponsor suchen und statt Kaiser’s Supermärkten lieber Converse als Partner gewinnen? Dann würden sich eventuell auch die leeren Plätze im Saal von selbst füllen. Denn so war der Abend zwar ohne jede Frage gut gelaufen, ordentlich und schön musiziert also. Aber das Mehr fehlte, sieht man von Hoffmanns 'Arlequin' und Reichardts G-Dur-Sinfonia ab. Ebenso fehlte die Kommunikation mit dem Publikum. Nicht mal ihre Zugabe sagte die heftig beklatschte Christine Schornsheim an. (Es war eine 'Bagatelle' von Beethoven, wie der Pressereferent der Akademie für mich herausfand.) Wenn Musik nicht eine hermetisch abgeschlossene Veranstaltung sein soll, dann täte es der Akademie für Alte Musik durchaus gut, sich neue Wege zu überlegen, wie man das Publikum in die fantastischen Programmwelten einbindet, die im Angebot sind, Programmwelten, die auf CD meist fabelhaft wirken.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Kevin Clarke

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


"Berlin um 1800": Akademie für Alte Musik Berlin

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: E.T.A. Hoffmann, Ludwig van Beethoven, Johann Friedrich Reichardt, Louis Ferdinand

Mitwirkende: Marcus Creed (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Christine Schornsheim (Solist Instr.)

Jetzt Tickets kaufen
Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthaus Berlin

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (5/2019) herunterladen (2900 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Ouvertures des opéras bouffes et comiques - Monsieur Choufleuri restera chez lui, le...

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich