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Mittwoch, 18. September 2019

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Kent Nagano versucht sich als Koch

Gepflügt wird hier mit Kontrabässen

Die Dresdner Semperoper, entworfen von Semper, zerstört im Inferno des Bombenhagels und fast originalgetreu wieder hergestellt, begrüßt den Gast als klassischer Theaterbau im Stile der italienischen Hochrenaissance. Goethe und Schiller posieren am Eingang, dahinter trägt der Besucherservice Frack. Hoch oben im 4. Rang sammelt sich das junge Publikum auf den Bankplätzen, während man tief unten im Parkett die Garderobe zur Schau trägt – hier steht die Uhr still. Damit der Zeiger nicht fällt, müssen in einer solch ehrwürdigen Institution die Werke zeitgenössischen Komponisten uraufgeführt werden.

Als Auftragswerk der Semperoper vertonte der Vielschreiber Wolfgang Rihm mit sinfonischem Gestus den Gedichtzyklus ,Europa nach dem letzten Regen' von Durs Grünbein. Die elf Gedichte sind ein Abschied vom alten barocken Dresden, eine bisweilen sarkastische Evokation des Grauens. Aber dennoch: die Stadt als Ensemble von Gebäuden ist ausgelöscht, aber der Geist des Ortes, das Wesen der Stadt, lebt trotz des Infernos, in den Bürgern weiter. Die bildhafte Sprache lädt ein zur Tonmalerei, und Rihm nahm die Einladung an. Da zerfurchen die Kontrabässe begleitet vom Donnergrollen in den Pauken bei der Zeile ,gepflügt wird hier mit Bomben' die Erde, da schillern die Streicher ,in Phosphorpracht'. Entgegen der Erwartung (,bevor aus allen Wolken die Posaunen bliesen') komponierte Rihm gelegentlich Stille. Nur selten versah Rihm die Gedichte mit einer zusätzlichen Dimension, etwa wenn in der Zeile ,Und nachts die stille deutsche Stadt ... setzte mit jeder Straßenlampe neue Fragezeichen und hinter jedem Satz den Punkt' gleichförmige Schläge eine Totenuhr heraufbeschwören.

Die Aufführung litt unter dem Dirigat von Kent Nagano. Die durch die Instrumente wandernden Melodielinien, die das durchgehend komponierte Werk verbinden sollten, hat Nagano in keinster Weise herausgearbeitet. Dynamische Differenzierungen scheinen ihm ziemlich fremd zu sein. Das groß besetzte Orchester (allein acht Kontrabässe, zusätzlich ein integriertes Klavier) überdeckte die sich redlich mühenden Solisten völlig. Das Zusammenspiel zwischen Orchester und Solisten war dürftig, die Staatskapelle schien einige Stellen vom Blatt zu spielen. Selbst der gestandene Tenor Christoph Prégardien wirkte vom Tönen des Orchesters regelrecht erschlagen. Heraus kam ein dürftiger Klangbrei, der beim Hörer allenfalls als Hintergrundgeräusch ankam. Der hatte dann genügend Zeit, den Gedichtzyklus im Programmheft lesend zu erfahren.

Genauso undifferenziert dirigierte Nagano die beiden anderen Stücke des Abends, den 100. Psalm von Heinrich Schütz und Mozarts ,Exsultate, jubilate'. Statt jubelnder Freude erklang nur ein recht gedämpfter, wenig überzeugender Freudenversuch, auf den der Rezensent hier verzichtet.
Zum 2. Sinfoniekonzert wird die Semperoper die Museumsvitrinen wieder öffnen. Dann gibt es zum tausendsten Mal Beethovens ,Pastorale' und zum hundersten Mal Igor Strawinskys ,Le Sacre du Printemps'.

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Kritik von Patrick Beck



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Sächsische Staatskapelle Dresden: 1. Sinfoniekonzert

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Heinrich Schütz, Wolfgang Amadeus Mozart, Wolfgang Rihm

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Christoph Prégardien (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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