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Samstag, 24. August 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Maximaler Beethoven im Konzerthaus Berlin

Eine vertikale Saison

Das Konzerthaus Berlin enthält einen nach Ludwig van Beethoven benannten Saal, vor dem Haus auf dem Gendameriemarkt reckt eine Schiller-Statue das forsche Kinn in den Himmel: Der Ort scheint prädestiniert für heroische Unternehmungen. Als nichts weniger muss man den "Beethoven-Marathon" bezeichnen, der gestern den ganzen Tag über das Konzerthaus in seinem Bann hielt. Vom Vormittag bis in die Nacht hinein wurden alle Säle des Hauses mit knapp einstündigen Konzerten bespielt. Die Vielfalt, die sich so erleben und durchwandern ließ, ist eindrucksvoll: 235 Künstler, 35 Konzerte, 1 Tag. Die titanische Organisationsarbeit, die hinter dieser Veranstaltung steht, lässt sich nur erahnen – es scheint jedenfalls, als hätte das Konzerthaus eine ganze zweite Saison vertikal zur laufenden, horizontalen auf sich genommen. Dass dafür kein wohlfeiles Jubiläum in Anspruch genommen worden ist, spricht für die Intendanz. Ebenso wie - das sei gleich zu Beginn bemerkt - das durchgängig hohe Niveau, auf dem musiziert wurde. Die Qualität der Fülle wurde nicht durch bloße Quantität durchgedrückt, vielmehr bestach jedes Konzert für sich. So wurde der Beethoven-Marathon zu einem Höhepunkt im an Events beileibe nicht armen Kulturkalender der Musikhauptstadt Berlin. Warum aber ein so imposantes, wohl durchdachtes und hoch anspruchsvolles Konzertereignis mit einer derart infantilen PR beworben werden muss ("Da da da daaaaaaaaaaa kommt Beethoven" oder "Auf die Plätze. Fertig. Beethoven!" und ähnlich lauteten die Slogans der Flyer) - das hingegen verstehe, wer will.

Naturgemäß war es keinem Menschen möglich, das ganze Programm zu genießen; es sei denn vielleicht, man besäße die Gabe, die die Erzählung dem Philosophen Pythagoras zuspricht: sich an mehreren Orten gleichzeitig aufzuhalten. Jedenfalls begann der Tag, wie könnte es sein, mit einer Ouvertüre, namentlich der dritten Fassung der Leonoren-Ouvertüre op. 72a. Die Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Antonello Manacorda entfesselte hier in den besten Momenten kammermusikalische Feinheit, aber sowohl Finesse als auch Volumen des Klangs entfalteten sich erst mit dem zweiten Stück des ersten Konzertes voll, dem dritten Klavierkonzert c-Moll op. 37. Mit Andreas Staier, dem ersten Solisten des Tages, trat sogleich ein spiritus rector auf. Staier spielte auf einem modernen Flügel, und auch auf diesem Instrument öffnete er über der intrikaten Tragik des ersten Satzes sofort ein weitläufiges Farbspektrum. Was der "mathematisch-philosophische Zustand" ist, den Figuren Thoms Bernhards immer wieder als höchste Form des Musikgenusses beschwören, werden wir wohl nie exakt herausfinden; aber in diese Richtung muss es gehen. Alles bekam hier seinen Raum und saß auf dem Punkt, mit einer Nachdenklichkeit, die unversehens selbstverständlich den Puls weiter trägt. Das Ohr wurde nicht satt, und schon allein die Kadenz zum ersten Satz hätte man mehrmals da capo fordern sollen. Die teils unwirschen Bassläufe, die unerhörte Behutsamkeit in den oberen Stimmen, das weckte an diesem Vormittag nicht nur das Publikum restlos, sondern scheinbar auch die Kollegen. Vor diesem Spiel begann man Redensarten wie "bedeutender Beethoven-Interpret seiner Generation" zu begreifen, sinnlich zu erfassen. Wenn es in Sportmetaphern geschehen soll, lässt sich nichts anderes sagen als dass Andreas Staier die Fackel entzündete und den Staffelstab gehörig zum Glühen brachte.

Eine große Möglichkeit solch massiert marathontischen Musizierens ist es, auch unbekannte, ausgefallen besetzte oder schlichtweg zu kurze Werke auf die Bühne zu bringen, die im regulären Konzertbetrieb kaum eine Chance auf Aufführung haben dürften – das trifft naturgemäß vor allem die Kammermusik. Diese Möglichkeit wurde im Konzerthaus ergriffen, und man konnte neue Facetten des Meisters kennenlernen. Es erfüllt einen durchaus mit Wehmut, wenn man versucht sich auszumalen, wann man im alltäglichen, mit Standardrepertoire vollgepackten Konzertbetrieb einmal wieder das Trio für zwei Oboen und Englischhorn C-Dur op. 87 zu hören bekommen wird. Das verspielte, zierliche Werk wurde von Szilvia Pápai, Egbert Hirseland und Nadine Resatsch mit viel Humor und virtuosem Understatement musiziert. Spannung und gewitzte Täuschung herrschten, ein freies Spiel. Auch im Duo für Klarinette und Fagott F-Dur WoO 27 Nr. 2 (mit dem großartigen Fagottisten Michael von Schönermark) und den Variationen über 'La ci darem la mano' für zwei Oboen und Englischhorn WoO 28 zeigte sich plötzlich eine Sanftmütigkeit in Beethoven, eine weiche, versöhnliche Klarheit der Form, die nicht mit den Keulen "Frühwerk" oder "Gelegenheitswerk" zu erschlagen ist. Dass diese Musik trotzdem mit hohem Ernst und Anspruch zu nehmen und musizieren ist, zeigte sich durch das Verdienst der Mitglieder des Konzerthausorchesters. So auch im äußerst frühen Trio für Klavier, Flöte und Fagott G-Dur WoO 37, entstanden noch bevor Beethoven nach heutigen Maßstäben strafmündig wurde. Wunderlich und wunderbar ereignete es sich hier, wie die Musik eines Knaben unter den Händen von so routinierten und versierten Musikern (Pirmin Grehl, Flöte, Michael von Schönermark, Fagott und Angela Gassenhuber, Klavier) aufblühen kann: Die Feinheit des Klanges macht da alles. Das Trio WoO 37 mag simple, tastende Musik sein, aber die Substanz von Musik ist eben doch das Klangereignis, dass das Ohr rührt, und nicht nur eine ominöse Tiefe aus Alter und Komplexität. Ebenso erfreulich war es, dass in den Kammermusikaufführungen nicht nur die Stimmführer des Orchesters zum Zuge kamen. Die Sonate für Klavier und Horn F-Dur op. 17 etwa wurde von dem jungen Hornisten Cenk Sahin, erst seit Kurzem Mitglied des Orchesters, bravourös gegeben. Mit lyrischem Schmelz und wohl dosierter Kraft entstand hier das Panorama einer Waldeseinsamkeit, durch die bereits die Kunde Napoleons im Echo zu laufen beginnt.

Auch Gattungen, die von Beethoven nicht reich bedacht worden sind, fanden ihren Ort. So etwa Werke für Klavier zu vier Händen. Das GrauSchumacher Piano Duo, zwanzig fest aufeinander abgestimmte Finger, weckte eine Ahnung der Zeit, als der hauskonzertliche Salon noch eine so elegante wie hochkulturproduzierende Veranstaltung war – obwohl in einer kurzen Anmoderation durch das Duo auch die berühmte Anekdote referiert wurde, wie Beethoven eben beim Vortrag eines vierhändigen Werkes bei einem Hauskonzert vor unruhigem Publikum sein Spiel mit dem Satz beendete: "Für solche Schweine spiele ich nicht." Grau und Schumacher ließen keinen Zweifel an der Qualität dieser Musik und an der Schweinerei, sie zu unterbrechen. Acht Variationen für Klavier zu vier Händen C-Dur über ein Thema des Grafen von Waldstein WoO 67, 'Drei Märsche' für Klavier zu vier Händen op. 45 und die Große Fuge für Klavier zu vier Händen B-Dur op. 134 standen auf ihrem Programm. Die ersten beiden Werke sprudelten von Virtuosität und Witz, funkelnd, glitzernd, ein offenes Dialogisieren voller Scherzworte, voller Finten und Pointen. Wie sehr das Duo aber zu einem Organismus verschmolzen ist und wie unter vier Händen der Flügel über sich hinauszuwachsen beginnt, belegte vor allem die Große Fuge. Schroff, abgekühlt und kompromisslos vorgetragen entstand hier ein erratischer Block von Musik, hypnotisch interpretiert. Ist die Große Fuge schon für Streichquartett ein Mirakel, so wirkt sie fast surreal, wenn sie mit solcher Schlüssigkeit aus einem einzigen Instrument heraus klingt.

So wie es das Schöne einer solch riesigen Langstreckenveranstaltung ist, dass Seltenes zu Gehör kommt, so ist es fast noch schöner (und in jedem Falle ausgezeichnet gut für die Ohren), dass auch für die andere Seite der Medaille Raum ist: für die bekannte Kammermusik. So gab es das Bläserseptett, Streichquartette, Cellosonaten mit Alban Gerhardt und Markus Becker, ein Liedprogramm mit dem Tenor Werner Güra und eines mit der Sopranistin Anette Dasch – und im Musikclub erklangen den ganzen Tag über und bei freiem Eintritt die Klaviersonaten, interpretiert von Studenten der Musikhochschule Hanns Eisler. Im Kreis der üblichen Verdächtigen darf natürlich auch die sogenannte Kreutzer-Sonate für Klavier und Violine A-Dur op. 47 nicht fehlen. Der Geiger Kolja Blacher und der Pianist Özgür Aydin legten eine furiose Interpretation dieses Werkes hin. Gerade der erste Satz geriet unwirsch, zupackend, mit einer unglaublichen Dynamik nach vorne, mit einer prometheischen Wucht, die man fast als Zorn bezeichnen könnte. Das Duo schöpfte sichtlich aus Reserven, die sich wahrnehmen ließen und so der Musik zugleich Spannweite und Festigkeit im gewählten, harschen Ausdrucksspektrum verliehen. Im Furor, wie etwa im recht rasch gebotenen dritten Satz, konnten dann zwar manche Phrasen in kleine Episoden des Virtuosen zerfallen, gleichsam ein inhaltliches, wenn auch kaum akustisches Stocken; aber das ist Kritik auf höchstem Niveau.

Ganz anders spielte da das Klaviertrio aus Viviane Hagner (Geige), Claudio Bohórquez (Cello) und Jonathan Gilad (Klavier) und ließ die Klassiker Klassiker sein – im besten Sinne. Ohne bilderstürmerisches Neudeuten und ohne mageres Abliefern, wurde hier mit Verve, Geist und Handwerkskunst musiziert. Die Klaviertrios B-Dur op. 11 ("Gassenhauer-Trio"), D-Dur op. 70 Nr. 1 ("Geister-Trio") und Es-Dur op. 70 Nr. 2 sowie die Vierzehn Variationen für Klaviertrio Es-Dur op. 44 erstanden in einem warmen, runden Ensembleklang. Spielfreude auch hier. Gerade die Kammermusiker schienen froh zu sein, zu diesem gigantischen Huldigungsritus, zu diesen Kulturhekatomben zu Ehren Beethovens beizutragen. Gassenhauer- und Geister-Trio sind natürlich nicht von Beethoven selbst so genannt worden, aber das Trio ließ spontan nachvollziehen, dass der zweite Satz des op.70 Nr. 1 genau jene Spannung zwischen Heimlichem und Unheimlichem auslotet, dass der dritte Satz des op.11 den Nacken bewegt und im Ohr bleibt. Das Trio op.70 Nr. 2 geriet schwelgerisch und entspannt, ohne Allüre auch die Variationen op. 44 über jenes grotesk simple Thema. Unaufgeregte, routinierte Kammermusik war hier zu hören, ohne jede Spur von Betriebsblindheit.

Wir sind noch nicht am Ende. Denn darüber hinaus kam auch das symphonische Werk auf die Bühne, die Symphonien Nr. 1, 4, 7 und 8, die Ouvertüre "Zur Namensfeier", die Konzertarie 'Ah perfido' op. 65, das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61. Letzteres erhielt mit den Dresdner Philharmonikern unter der Leitung von Michael Sanderling einen eingedunkelten Klang, als wäre noch über den lieblichsten Passagen eines fernes Wetterleuchten zu sehen. Dazu passte sich der kühle, gefasste Gestus der Solistin Isabelle Faust wunderbar, mattsilbern, niemals zimperlich. Dem fraglos heroischen Gang des Orchesters setzte sie eine weniger heldenhafte Nüchternheit entgegen, dem Zarten das Harte und Trotzige – Kontraste und Bezüge, die durchaus überzeugten. Hier stand Beethovens seherisches Potenzial über seinem empfindsamen Ausdrucksverlangen. Im zweiten Satz, leiser und immer leiser, stellte sich der angenehme Eindruck einer Ruhe und Menschenleere ein, verlassene aber blühende Landschaften, vor der furchtlosen Festlichkeit des Finalsatzes.

Ganz im Zeichen des Festlichen, ja Apotheotischen stand auch die Sinfonie Nr. 7 A-Dur op. 92, die von den Hausherren, dem Konzerthausorchester unter der Leitung von Ivan Fischer, zum Beschluss des Tages gegeben wurde. Nach der sachten Vorbereitung im ersten Satz entfesselte Fischer großen, feierlichen Schwung. Auch hier gab Pirmin Grehl Anlass zur schieren Freude. Trinken Sanftmut Kannibalen. Das Konzerthausorchester zeigte sich in hoher Form, schneidig, reaktionsschnell, mit sattem Klang und eindringlichem Piano. So in der kompakten graustichigen Fläche des 'Allegretto', so in der Ausgelassenheit der beiden Schlusssätze. Gewiss hätte es mancher Fanfarenstoß weniger grell auch getan. Aber als Abschluss eines solchen Tages hatte das seine Berechtigung. Der sehr rasche und stürmische vierte Satz mit seinem Nachdruck betonte nicht nur die Feier unseres Kulturhelden, sondern zeigte auch ein Konzerthausorchester, das immer bravouröser spielt.

Nun sind freilich einige Konzerte unerwähnt geblieben, was zu bedauern ist. Auch einige der Aktionen, die den Marathon begleiteten und vermutlich auf eine heitere Massenwirksamkeit angelegt waren, werden unerwähnt bleiben, was nicht zu bedauern ist. Der Tag hatte reichliche Besucher gesehen, und es ist wundervoll, dass von Organisatoren- wie von Publikumsseite dem Komponisten solche Ehre zuteil wurde. Daran ließ sich auch ablesen, wie schräg der Slogan "Beethoven für alle" im Grunde ist. "Beethoven für die, die Beethoven hören wollen" genügt völlig – und es sind auch genügende.

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Kritik von Tobias Roth



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Beethoven-Marathon: Ganztags im Konzerthaus

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Iván Fischer (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Werner Güra (Solist Gesang), Annette Dasch (Solist Gesang), Götz Schumacher (Solist Instr.), Andreas Grau (Solist Instr.), Kolja Blacher (Solist Instr.), Markus Becker (Solist Instr.), Alban Gerhardt (Solist Instr.), Andreas Staier (Solist Instr.)

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