> > > > > 25.10.2012
Samstag, 7. Dezember 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Julian Steckel im Berliner Konzerthaus

Delikate Kontrastmittel

Das Konzerthaus Kammerorchester unter der Leitung von Michael Erxleben stellte lange Entwicklungslinien in Aussicht. Das in Programm- wie Besetzungswahl freie Ensemble präsentierte in seinem Heimathaus die Symphonien Nr. 1 und 80 von Joseph Haydn sowie dessen Cellokonzert C-Dur und Edison Denissows 'Variationen über ein Thema von Joseph Haydn' für Violoncello und Orchester, die den bestimmenden Vers des Themas in den Titel aufgenommen haben: "Tod ist ein langer Schlaf". Solist des Abends war Julian Steckel, der nach Monaten reger Konzerttätigkeit endlich einmal wieder in Berlin zu hören war.

Die programmatische Strategie der zwei Kontrastblöcke ging auf. Die nicht nur numerisch, sondern wohl auch chronologisch erste Symphonie Haydns, die jeden Sympathisanten der Maxime "Ad fontes!" als Ursprung und Quelle aus Prinzip erfreuen muss, zeigte zwar noch nicht den genialischen, ja prophetischen Schöpfer – aber dafür bereits umso deutlicher den Esprit der formalen Anordnung, des Ablaufs, der konzisen Gliederung. In diesem Sinne und in solcher Musik kann man kaum etwas oder aber sehr vieles falsch machen – und das Kammerorchester machte vieles richtig, von der schlanken Besetzung bis hin zum schlanken, direkten Klang. Mancher forsche Ausdruck hätte vielleicht etwas mehr Understatement vertragen können. Aber es herrschten Licht und Deutlichkeit, und in den klaren, gut durchgearbeiteten Sätzen lernte man erneut den großen Effekt kleiner Verschiebungen in der Musik schätzen, etwa die schlichte Verpflanzung eines Themas von Dur nach Moll.

Im Sinne dieser Wechsel- und Mischverhältnisse ist Haydn 79 Symphonien später freilich nicht nur weiter, sondern in anderen Sphären. Die d-Moll-Symphonie, die das Konzert beschloss, hebt mit großem tragischen Tremolo-Gestus an - und wird sogleich durch ironische Einwürfe und Passagen vom Meister souverän und billigerweise auf das Theater verwiesen. Hier leuchtet ein großartiges genus mixtum aus reinen Elementen, die vermischt und zur Zündung gebracht werden. Das Ensemble arbeitete die Intensität des Einzelnen und die Spannung der Kontraste deutlich heraus. Wie sich im ersten Satz Kothurn und Schellenkappe begegneten, trafen im zweiten sanfte, nächtliche Liedhaftigkeit und der Splendor vieler Kerzen und Spiegel aufeinander. Man konnte sich die lieblichsten Szenen zu diesem 'Adagio' vorstellen, durchgefärbt von den schrägen Befindlichkeiten des Rokoko. Das Finale der Symphonie schließlich schickte den Hörer in einen Irrgarten aus Synkopen. Das gelang und grenzte in seiner hingehaltenen rhythmischen Ordnung an Menschenversuch und Selbsterfahrung (aber so machen es eben nicht alle!). Hier wurde mit Charme musiziert; und wenn man einen etwas lebhafteren, schärferen Witz, spitzere, brillantere Pointen fordert, muss man sich im Klaren sein, dass man daran bei solcherart ausgedachter Musik nie genug haben wird.

Haydns Cellokonzert, ein Evergreen des Cellorepertoires nicht nur in Bezug auf das ephemere Laub, sondern auch auf das lebendige Mark im Baumstamm, setzte zwischen den Symphonien eine Mitte in der Chronologie wie im Programm. Aber wer sich in klassizistischer Mitte hätte ausruhen wollen, der hätte seinen Kunstgenuss verschenkt. Julian Steckel griff zu. Man könnte sagen: Niemand sollte in der Kulinarik altbekannter Melodien schwelgen und schunkeln. Das war nicht der Fall – aber auf der anderen Seite war in Steckels Interpretation auch nichts Raubeiniges, solistisch Überdrehtes. Die Nonchalance und Direktheit im Zugriff auf Vertrautes, Eingewachsenes, tongesättigte Melodiebögen zwischen markigen Akkordblöcken, über die kleinen Noten rasch hinweg - das alles von einer Unmittelbarkeit, die sowohl einem Solo- als auch einem Kammerkonzert wohl ansteht. Allein, in den zweiten Satz hätte etwas mehr Ruhe im Ganzen einkehren können, um die überwältigenden Momente im Einzelnen weiterziehen zu können.

Sowohl-als-auch-Rhetorik ist wohlfeil, zumal wenn man einen dritten Satz, der fünfhundert Meter vom nächsten Hegel-Denkmal gespielt wird, als Synthese hinstellt. Aber hier stimmt es. Zudem merkt man ja, wenn es nicht stimmt, sprich, wenn Künstler so sehr ihre Authentizität vor sich herschieben, dass es geschmäcklerischer nicht mehr geht, wenn Rustikalität sich in Hochglanz einnisten will. Drum also in Weder-noch-Gangart: Der rasche Finalsatz von Haydns Konzert verwehrte sich unter Steckels Händen jenem geschmäcklerischen Hochglanz. Gewiss entfesselte der Solist die makellose Pyrotechnik seiner Virtuosität, aber ehrlich und mit hohem Zweck (wahrscheinlich: jener "hohe Zweck" aus "Bei Männern, welche Liebe fühlen"). Zwar vivaldisierte sich mancher Moment ein wenig. Aber aufatmend und beglückt fragte man sich als Hörer: Was brauche ich falschen Hochglanz, wenn ich adjektivlosen Glanz haben kann? Und glanzvoll, fulminant gespielt, souverän interpretiert und mit dem Kammerorchester musiziert, das war es.

Blieb noch die tiefe, ruhige Unruhe von Denissows "Tod ist ein langer Schlaf". Der Titelvers stammt aus den Sinngedichten von Friedrich von Logau (1605-1655). Diesen Dichter gilt es kurz zu Wort kommen zu lassen, da seine Sammlung von mehreren tausend aphoristisch-epigrammatischen Kurzgedichten von heutigen Programmzettel- oder Lexikonschreibern gerne als monumentales Werk tiefsinniger protestantischer Zerknirschungsweisheit hingestellt wird, wo es hauptsächlich heißen solle: "Tod ist ein langer Schlaf, Schlaf ist ein kurzer Tod. / Die Not, die lindert der, und jener tilgt die Not." Aber in den Sinngedichten geht es auch ganz anders, Logau kann auch die antikengeschulte Moralistik aufdrehen, dass es eine Freude ist. Schließlich wissen wir aus der Malerei, dass, wo barocke Vanitas sich breitmacht, auch der triefende Granatapfel und das Glas goldenen Weines nicht fern sind. Beispielsweise: "Einer lobt der Keuschheit Gaben; / Denn es will ihn keine haben" oder mit hofkritischer Note: "Alles, alles, was man tut, soll französisch sein geschehen; / Wie man Kinder zeugen mag auf französisch, möcht ich sehen." Dass auch das Jenseitigste diesseitig gedacht wird zeigt schießlich: "Schlaf und Tod, der macht Vergleich / Zwischen arm und zwischen reich, / Zwischen Fürst und zwischen Bauer, / Zwischen Biedermann und Lauer."

Denissows Komposition jedenfalls wurde 1982 zu Haydns 250. Geburtstag komponiert und hat wohl doch mehr mit dem Jubilar als mit Friedrich von Logau zu tun. Die Unruhe kommt hier in seltsamer Art und Weise und langsam zum Vorschein: als meditativer Strom von Dissonanzen, eine sinistre Prozession, die irgend im Ganzfeld verschwindet. Hier bestach Steckels Ton durch Fülle und Eindrücklichkeit, nussig und würdig schwingend. In den plötzlichen Stromschnellen des Werkes, wo der Honig des Kanons plötzlich erhitzt und verflüssigt erscheint, überzeugte vor allem die Legierung des Solisten- und Ensembleklangs. Wie die klar rollenden Läufe des Cellos unter das Gespinst der langsamen, flirrend sich kreuzenden Stimmen sank, und am Rande gespenstischer Schweigsamkeit fast verschwand, das klirrte wie Hölderlins Fahnen im Winde. Das war schlichtweg bedrückend. Aber zum Glück war es Kunst und zudem gute Kunst, und da lässt sich eine berückende Bedrückung recht schwelgerisch genießen.

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Kritik von Tobias Roth



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Haydn, Denissow: Steckel, Konzerthaus Kammerorchester

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Edison W. Denissow, Joseph Haydn

Mitwirkende: Michael Erxleben (Dirigent)

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Detailinformationen zum Veranstalter Konzerthaus Berlin

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