> > > > > 01.07.2012
Freitag, 19. Juli 2019

Hindemiths 'Mathis der Maler' in Zürich

Unpolitische Interpretation

Für seinen ersten Sommer als Intendant der Salzburger Festspiele musste sich Alexander Pereira einige Kritiker-Schelte gefallen lassen. Die Auswahl der Opern sei zu offensichtlich mit Blick auf die Auslastung erfolgt, auch hätten die Besetzungen zu wünschen übrig gelassen, lauteten die häufigsten Vorwürfe. Wer erwartet hätte, Pereira würde sich bei seiner 321. und letzten Premiere von seinem Züricher Publikum mit einem leicht konsumierbaren Gourmetstück des Opernrepertoires verabschieden, wird zunächst kaum verstanden haben, wie die Wahl auf Paul Hindemiths 'Mathis der Maler' fallen konnte. Die Erklärung dafür findet sich in der Aufführungsgeschichte des Werks: Die Uraufführung fand am 28. Mai 1938 am Stadttheater Zürich statt, nachdem bereits mehr als vier Jahre zuvor Wilhelm Furtwängler in Berlin die Erstaufführung der Symphonie 'Mathis der Maler' dirigierte. Diese missfiel den Nationalsozialisten allerdings so stark, dass sie noch im selben Jahr ein Aufführungsverbot erwirkten.

Bei der Entstehung des Librettos spielten die politischen Veränderungen der 30er Jahre eine entscheidende Rolle: Ursprünglich beabsichtigte Hindemith, Johannes Gutenberg zur zentralen Gestalt seines neuen Werks machen; nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wandte er sich jedoch dem für seinen Isenheimer Altar weltberühmten Maler Grünewald zu. Im Vordergrund des auf fiktiven Episoden basierenden Librettos steht die Frage des Künstlers in der Gesellschaft. Den zeitlichen Hintergrund dafür liefern die Bauernkriege, die den Maler Mathis aus seiner künstlerischen Abgeschiedenheit reißen. Da seine Freunde aufseiten der Reformation gegen die katholischen Landesherren kämpfen, in deren Dienst aber Mathis steht, findet er sich plötzlich inmitten eines Interessenskonflikts. Noch prekärer wird die Situation, da ihn Ursula, die Tochter eines reichen protestantischen Mainzer Bürgers, liebt, ohne allerdings erhört zu werden. Als Reaktion auf die um sich greifende Gewalt der militärischen Auseinandersetzungen zieht sich Mathis zurück und akzeptiert das Malen als seine von Gott bestimmte einzige Lebensaufgabe.

Was nun die Partitur dieser für eine Oper komplexe Handlung betrifft, so erläuterte der Komponist selbst, dass "alte Volkslieder, Streitgesänge aus der Reformationszeit und der gregorianische Choral den nährenden Boden für die Mathis-Musik" bilden. Hindemith verband diese und andere Elemente der europäischen Musiktradition wie etwa das Concerto grosso, die Chaconne und Kirchenlieder bruchlos mit seiner an der Entwicklungen der 20er Jahre orientierten Kompositionstechnik. Vor allem aber ist die Partitur äußerst dicht instrumentiert, was vonseiten des Dirigenten eine ständige Rücksichtnahme in Sachen Lautstärke erfordern würde. Dass Daniele Gatti kein Garant für eine sängerfreundliche Dynamik ist, weiß man; dass er die Stimmen teils in dem von den Blechbläser dominierten Klangbild untergehen ließ und so ein permanentes Forcieren unumgänglich machte, enttäuschte dennoch.

Am meisten beeinträchtigt wurde von diesen Umständen Thomas Hampson in der Titelrolle, deren Dramatik ihn ohnehin schon an die Belastungsgrenzen seines Baritons führt. Auch könnte er seine am Liedgesang geschulte Wortdeutlichkeit bei einem subtileren Dirigat besser zur Geltung bringen. Emily Magee kommt mit den hoch und tief liegenden Passagen der Regina gut zurecht; manch angestrengte Höhen sind wohl auch auf das notwendige Dauerforte zurückzuführen. Reinaldo Macias zählt nicht zu den Tenören, die man mit dem deutschen Fach assoziiert; die wegen ihrer zahlreichen Spitzentönen von den meisten Tenöre gemiedene Rolle des Albrecht von Brandenburg meistert er bravourös, kann sich auch weitgehend gegen das Orchester behaupten und hat noch Spielraum für eine facettenreiche Phrasierung. Zu den Pluspunkten der Besetzung zählt auch Sandra Trattniggs raumfüllender sowie differenziertes Sopran als Regina.

Zahlreiche Inszenierungen stellten das Werk im Lauf seiner Rezeptionsgeschichte immer wieder in den Kontext der NS-Zeit. Matthias Hausmann hat dieser Versuchung ebenso widerstanden wie auch der Gefahr, eine ordentliche Portion Religionskitsch auf die Bühne zu bringen. Johannes Schütz' Bühnenbilder geben sich mit einem schwarz ausgehängtem Halbrund sowie einem weißen Quadrat als Spielfläche zufrieden. Der Fokus liegt so ganz auf der Gestaltung der Charaktere, die jedoch vor allem von der Persönlichkeit der Darsteller geprägt wurde; eine psychologische Personenführung schien kein Anliegen der Regie gewesen zu sein. Ihren packendsten Moment hat die Produktion, wenn Mathis die Inspiration für seinen Isenheimer Altar empfängt und dabei durch Videozuspielungen Teile des Originals sichtbar werden, das allerdings immer wieder von verzerrten Fratzen überlagert wird, die den Künstler von seinem Schaffen abhalten wollen.

Pereiras Nachfolger Andreas Homoki  wird alle Hände voll zu tun haben, den Stellenwert Zürichs als eines der interessantesten Opernhäuser Europas erfolgreich zu verteidigen.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Hindemith: Mathis der Maler: Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Paul Hindemith

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Mathias Hausmann (Inszenierung), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Reinaldo Macias (Solist Gesang), Emily Magee (Solist Gesang), Thomas Hampson (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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