> > > > > 30.06.2012
Montag, 14. Oktober 2019

'Falstaff' am Opernhaus Zürich

Ästhetisches Windsor

Es ist ein sehr ästhetisches Umfeld, in dem Sven-Eric Bechtolf Verdis Geschichte vom heruntergekommenen Ritter Falstaff zeigt: Die offenbar klinisch saubere weiße und von einem Scheunentor eingerahmte Bühne spart ganz in der Tradition des Shakespearschen Theaters realistische Bühnenaufbauten aus. Rolf Glittenberg kommt mit ein paar Stühlen, einem überdimensionalem Heuhaufen sowie einem projizierten Wald aus. Marianne Glittenbergs historisch angehauchte Kostüme bilden dazu einen beinahe opulenten Gegensatz. Zum Leben erweckt wird die Komödie durch Bechtolfs ausgeklügelte mit choreografischen Elementen arbeitende Regie.

Ambrogio Maestri hat die Titelrolle am Beginn seiner Laufbahn mit Riccardo Muti erarbeitet und dürfte in dieser Partie heute konkurrenzlos sein, wobei der Farbenreichtum seiner Stimme sowie die Phrasierung Erinnerungen an Tito Gobbi wecken. Lediglich im Übergangsbereich zwischen Forte und Piano zeigte sich die Stimme in dieser Aufführung etwas kantig. Massimo Cavalletti ist vor allem dank des Engagements als Marcello in Puccinis 'La Bohème' bei den diesjährigen Salzburger Festspielen mittlerweile international bekannt. Sein Ford hinterließ, wie schon der Marquis Posa in Zürichs neuem 'Don Carlo', einen zwiespältigen Eindruck. Der aus Lucca stammende Künstler verfügt zweifellos über bemerkenswertes Stimmmaterial, dem für Verdi aber der technische Feinschliff in Bezug auf die Geschmeidigkeit und Legato fehlt.

Keinerlei Wünsche ließ Barbara Frittoli als Alice offen. Man staunte, wie schlank und ruhig sie ihren häufig unsteten Sopran in dieser lyrischen Rolle zu führen vermag. Yvonne Naef singt die Mrs. Quickly äußerst wortdeutlich und differenziert, aber auch ohne profunde Tiefe, die den beiden Szenen mit Falstaff den entscheidenden Reiz verleiht. Dass die neue Direktion des Opernhauses Zürich auf ein Ensemblemitglied von der Qualität Eva Liebaus verzichtet, ist nach dieser Nanetta wiederum unvertsändlich. Javier Camarena ist mittelerweile ein Rossini-Tenor von Weltformat. Als Fenton wirkte er etwas kurzatmig und unflexibel, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass der Künstler am Abend zuvor den Belmonte sang. Von den übrigen Interpreten, die durchgehend hohes Niveau bewiesen, sei Judith Schmidt als Meg Page stellvertretend erwähnt.

Daniele Gattis Affinität zu bedächtigen Tempi und gewichtigen Orchesterklang ist bekannt und scheint mit Verdis Komödie im ersten Moment nicht ganz vereinbar. Doch was dieser Intertpretation an Esprit fehlt, kompensiert sie mit unaufdringlicher analytischer Durchsichtigkeit, die die Qualitäten des Orchester im besten Licht zeigt.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Verdi: Falstaff: Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Sven-Eric Bechtolf (Inszenierung), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Barbara Frittoli (Solist Gesang), Massimo Cavalletti (Solist Gesang), Ambrogio Maestri (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Johann Pachelbel: Passion - Ciaconna

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich