> > > > > 27.08.2005
Montag, 25. Oktober 2021

Die Pracht der Jesuiten

Ein krönender Abschluss

In diesem Jahr ließ das Ensemble ‘Les Arts Florissants’ unter der Leitung von William Christi mit Solisten, Chor und Orchester die Festwochen mit selten zu hörenden Kostbarkeiten ausklingen. Stimmungsvoller Ort war die barocke Jesuitenkirche mit ihrer phantastischen Akustik. Phantastisch war auch das unter dem Titel ‘Die Pracht der Jesuiten’ zusammengestellte Programm mit Musik des 17. Jahrhunderts aus Frankreich und England.

Lob der Weisheit

Man kennt kaum seinen Namen außerhalb der musikalischen Fachwelt. Marc-Antoine Charpentier, 1614(?) bis 1704, tritt als Person hinter seinem größtenteils den Jesuiten gewidmeten Werk zurück. Ein Stück jedoch schepperte bestimmt in unzähligen Wohnzimmern, ohne dass weitestgehend bewusst geworden ist, dass es sich bei der Eurovisionsfanfare des Fernsehens um Musik eben dieses französischen Komponisten handelt.
Für das Innsbrucker Konzert hatte William Christi ein ausgesprochen reizvolles Stück gewählt. Ein Oratorium, geschrieben für die feierliche Messe anlässlich der Eröffnung des französischen Parlaments, am 11. November 1702, mit dem Titel ‘Le Jugement de Salomon’. Natürlich, im Gewande des Lobpreises auf die Weisheit des biblischen Königs, eine Huldigung auf den absolutistischen Herrscher Ludwig XIV. Die Episode aus dem dritten Buch der Könige, die u.a. Bertolt Brecht als Anregung für sein Stück ‘Der kaukasische Kreidekreis’ diente, gehört zu den literarischen Grundmustern allegorischer Dichtung. Zunächst, so auch Charpentiers Werk, werden Weisheit und Reichtum des Königs gefeiert und gewürdigt. Ein weiser König herrscht über ein glückliches Volk. Welch schöne Utopie, welch harmonische Musik. Und Salomo selbst darf loben und preisen, elegant verzierter Gesang ist dem Interpreten hier aufgegeben. Eingebettet in Chorsätze und erzählende Passagen erleben wir so etwas wie ungetrübten Genuss barocker Melodienfülle in dezentem Maß und eleganter Ausformung. Instrumentalensemble und solistisch besetzter Chor nehmen sofort für sich ein. Paul Agnew hat den weichen Tenorklang für die melodische Verzierungskunst des salomonischen Lobgesanges.

Im zweiten Teil zeigt sich die Kunst der Dramatik und Charakterisierung des Komponisten. Er wird von einer Traummusik eingeleitet, die scheinbar nur zunächst friedlichen Schlaf beschreibt, denn spannungsfrei ist die Ruhe des Herrschers nicht. Zu jung fühlt sich der König und er erbittet von Gott nicht etwa langes Herrscherleben, sondern – Ludwig merke auf! – Weisheit und Ehrfurcht, Gut und Böse zu unterscheiden und somit vor dem Volke gottgefällig Recht zu sprechen. Gott spricht, bzw. singt dem Salomo die Erfüllung seines Wunsches ins träumende Ohr. Den Gottesgesang gibt Neal Davis mit seinem fließenden und schlanken Bass.

Und schon muss sich die Gabe der Weisheit bewähren, denn eben jener berühmte Streit der echten und der falschen Mutter um ein und dasselbe Kind wird dem König vorgetragen. Weiche und klare Töne hat Ana Quintans für den ruhigen und stark verinnerlichten Part der echten Mutter. Marc Molomont dagegen muss in geschärften Tenorhöhen fast keifend der Boshaftigkeit der falschen Mutter Ausdruck geben.
Nun, die Gerechtigkeit siegt, Salomos Urteil, grausam anmutend, denn in zwei Hälften soll das Kind geteilt werden, lässt die echte Mutter tränenreich verzichten und somit die falsche entlarven. Alles strahlt in C-Dur wie zu Beginn, das Parlament kann mit der Arbeit beginnen und bei allen Entscheidungen der Weisheit und der Gottesfurcht des Salomo gedenken.

Englisches Gotteslob, menschliches Maß

Teil zwei war einzig Henry Purcell, 1659 bis 1695, vorbehalten. In deutlicher Anspielung auf politische Verhältnisse um König James II. dürfte die knappe, Szene ‘In guiltry nigth’ – Saul and the Witch of Endor – zu verstehen sein. Geschildert wird wie Saul, gemäß einer Episode aus dem 28. Kapitel des ersten Buches Samuel, eine Hexe bittet, den Geist des toten Samuel zu beschwören, diesem sein Leid klagt, aber ungetröstet darin bestätigt wird, dass er unklug Herrschaft und Leben verspielt hat und seine letzte Frist begonnen hat. Das Werk bleibt unentschieden in der Form, noch Motette, Oratorium noch nicht ganz, doch bereits von szenischer und dramatischer Kraft.

‘My Beloved Spake’, folgt erotischen Motiven des Hohelieds Salomons. Man kann dieses Liebeslied als allegorische Christusverehrung deuten, als Liebes- und Preislied sehr menschlicher Freuden gehört es sicher ebenfalls zu den Schilderungen so praktischer wie genüsslicher Verehrungen des Schöpfers und seiner Werke, zu denen Mensch und Natur gehören. Purcells Musik, auch die sensible Deutung des ‘Ensembles Les Arts Florissants’ legen letztere Variante näher.

Viel Freude in der Innsbrucker Jesuitenkirche über die folgenden, stimmungsvollen und melodienreichen Anthems in musikalischer Vielfalt, wie ‘Since God so tender a regard’, ‘Oh all ye people clap your hands’ und ‘Oh sing unto the lord’. Deutlich italienischer Einfluss bei diesem im Stile von Psalmenvertonungen komponierten Stücken. William Christi führte, mit formenden Handbewegungen oder vom Tasteninstrument in der Continuogruppe aus, das Ensemble mit Solisten, Chor und Orchester zu sich steigernder Klangpracht, die nie in ausladende Üppigkeit geriet, sondern eher innerhalb vornehmer Maße auf Raffinesse und Feinheit setzte. Das Publikum honorierte diese exzellente Leistung mit starkem Beifall, dafür wiederum bedankte sich das gesamte Ensemble ‘Les Arts Florissants’ mit einem so prächtigen wie optimistischen Festgesang auf die Tugenden Gerechtigkeit und Frieden.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


29. Innsbrucker Festwochen: Abschied und Ausblick

Ort: Jesuitenkirche,

Werke von: Marc- Antoine Charpentier, Henry Purcell

Mitwirkende: William Christie (Dirigent), Les Arts Florissants (Orchester), Paul Agnew (Solist Gesang), Neal Davis (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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