> > > > > 26.08.2005
Donnerstag, 13. August 2020

 Akademie für Alte Musik Berlin

Ist ?Don Quijoterie? therapierbar?

Träumen darf man, aber nicht als Träumer leben

Gleich vorweg, das ist ein Erfolg, ein großer sogar. Gute vier Stunden vergehen wie im Fluge. Erlebt man die so intelligente wie heitere und daher so sympathische Produktion meistens mit einem lachenden und einem weinenden Auge, so stehen am Ende die Tränen in beiden. Glück und Berührung halten die Waage. Dies bei einem Stück, das den Erfolg der Wiener Karnevalssaison von 1719 ausmachte, und sich in ungewöhnlicher, ziemlich modern anmutender Weise, mit der Figur eines gesellschaftlich so unangepassten Fantasten und Weltflüchters wie Don Quijote, aus dem nunmehr 400 Jahre alten Roman des Miguel de Cervantes, auseinandersetzt.

So, da kommen sie alle zusammen, in der Sierra Morena, einer Wüstengegend in Spanien. Wie so oft in der Oper, am ungewöhnlichen Ort, zur ungewöhnlichen Zeit, kommen ungewöhnlicher Weise Menschen zusammen, die auf ungewöhnlichen Wegen ins Glück oder Unglück stürzten, und am Ende kraft ganz und gar ungewöhnlicher Wendungen glücklich oder unglücklich sind. Für die einen wendet sich das Unglück ins Glück, für die anderen ist es umgekehrt und für einige bleibt alles wie es war.

Nach der zu Herzen gehenden Oper von Francesco Conti mit dem intelligenten Libretto von Pietro Pariati, frei nach Miguel de Cervantes, kommt man gar nicht auf die Idee, zu fragen, wozu denn das alles gut sein soll. Wir kommen ja aus dem Staunen nicht heraus. Sonderbar sind die Wege des Gehirns. Sie führen in Wüsten und Konflikte wenn das Herz Tempo und Rhythmus vorgibt. Aber der Reihe nach.

Die Geschichte

Cardenio ist ein junger Mann. Fernando war sein besten Freund, bis er ihm seine Geliebte, Lucinda raubte. Jetzt dreht Cardenio fast durch. Die Wüste ist dafür ein idealer Ort. Franco Fagioli, der wunderbare Countertenor, sieht in seinem Liebeswahn auch ziemlich wahnsinnig aus. Im Laufe der schönen Handlung entpuppt er sich wieder zum flotten Kerl mit lässiger Haltung und coolem Blick. Solcher Liebeswahnsinn, dazu koloraturenreich besungen, gefällt Don Chisciotte. Von Cardenios Theater inspiriert, gibt er ein paar Szenen aus dem ?Orlando furioso? zum Besten. Das ist komisch und auch wieder nicht. Der lange Mann mit dem traurigen Blick ist immer etwas einsamer als die anderen Wüstenhasen hier. Sein Kopf birst von all den Abenteuern, die er in Ritterromanen gelesenen hat. Sancho, sein kürzer und einfacher ausgefallener Knappe vertritt das Publikum.

Auch Freund Lope ist schon in der Wüste. Er will den Ritter zurückholen. In die geordnete Zivilisation. Zu viel Fantasie, großes Theater dazu, darf der verwaltete Mensch sich nicht mal in der Wüste gestatten. Ein Ordnungshüter kommt selten allein. Lope, den Johannes Chum mit virilem Tenor gibt, bringt Ordogno mit. Die Beiden sind Don Chisciotte so eisern auf der Spur, dass es logisch und lustig ist, wenn als Sherlock Holmes und Doktor Watson auftreten. Mit Sancho im Bunde wird ein ziemlich böser Plan ausgeheckt. Eine falsche Dulcinea soll den Ritter aus der Wüste locken. Man weiß ja aus der folgenden Geschichte heiterer Opern, wie gern man sich einen groben Spaß mit der zarten Liebe älterer Herrn erlaubt. Dem Alten muss eine Lektion erteilt werden heißt es dann. Dabei haben wir es gerade hier mit einem Beispiel dafür zu tun, wie schwer es den Jungen fällt, ihre Gefühle auf die Reihe, bzw. in die richtige zu bekommen. Ein Klagegesang kündigt Dorotea an. Das ist Fernandos Verlobte, die einsam durch die Wüste ? wo sonst ? irrt. Fernando, ihr Verlobter, hat Lucinda, nach der sich, wie bereits gesehen und gehört, Cardenio verzehrt, vor den Altar geschleift und will von Dorotea nichts mehr wissen. Inga Kalna singt ihre Klage und alle weiteren Arien betörend schön. Das kann man von der flotten Olga Pasichnyk auch sagen, die als Lucinda, geradewegs vom Altar weg, in die Wüste floh. Es dauert nicht lange und auch Fernando erreicht die Wüste. Er kommt gerade recht um seiner angebeteten Lucinda, die sich als kesse Lolita sonnt, den Rücken einzureiben. Mehr ist nicht drin. Maria Streijffert singt den Macho mit den Allüren eines Kampfgockels. Zum kräftigen Auftritt klingt ihr satter dunkler Mezzosopran durch die Wüste.

Das Spiel wird ernst

Dann nimmt das Spiel seinen Lauf. Es schrammt an Mord und Totschlag hart vorbei. Die liebestollen Kerle zücken die Messer. Dorotea will lieber sterben als ohne Fernando leben. Freund Sancho verwickelt und vertanzt sich in amourösen Abenteuern und spritzigen Intermezzi. Zufällig ist seine gute Bekannte Maritorne auch unterwegs. Fulvio Bettini, ein spielflinker Bursche mit lustigen Augen lässt seine buffonesken Baritonkaskaden nur so dahin perlen. Gaele La Roi setzt mit kessem Spiel und sehr reizendem Gesang noch eins drauf. Dorothea spielt Dulcinea. Es gibt rührende Szenen zwischen ihr und Don Chisciotte, der lässt, sehr zum Ärger des Wirtes, den Titus Hollweg singt und spielt, im Kampf mit einem vermeintlichen Riesen tatsächlich Blut in Strömen fließen. Leider fließt der Wein aus zerstochenen Schläuchen. Den Riesen gibt der quirlige Dominique Visse im Schattenspiel. Und irgendwann wird uns ein wenig mulmig. Spätestens dann, wenn Dr. Watson, alias Ordogno, erst zur gestrengen Krankenwärterin mutiert, um letztlich als Harry Potter den letzten Kampf mit Don Chisciotte zu führen und wie wir alle wissen, siegen muss. Die zarte Sunhae Im gibt dem gerissenen Rollentauscher eine so anmutige wie gefährliche Gestalt. Dem großen Träumer wird das Spiel gründlich verdorben. Die Ritterrüstung wird ihm genommen, verknittertes Nachtzeug samt nachlässigem Morgenmantel erhält er, das ist die Uniform der wüsten Anstalt. Stars in Weißkitteln umkreisen ihn.

Ein Schluss zum Heulen

Don Chisciotte, Nicolas Rivenq, der hochgewachsene, hagere Mann allein unter dem Himmel seiner Träume. Als wollte ihn auch dieser für immer verlassen, entschwinden die weißen, schön geschwungenen Wolken aus Buchseiten in den Schürboden. Rivenq, dessen Fantasien und Verrücktheiten ein solches Spiel gedeihen ließen, wird von denen, die das Spiel durch die Wüsten und die Oasen ihrer Gefühle führte, bestraft. Als wollte ein ganzes Auditorium um Verzeihung bitten gelten ihm die Ovationen zum Schluss. In einer halsbrecherischen Partie, die von den unteren Lagen der Baritonstimme bis in die Höhen des Tenors führt, war er der große Zauberer und Fantast. Er hat die Kindheit in der Tasche, das Herz auf der Zunge, und wie die großen Immigranten aller Zeiten den fantastischen Kosmos seiner Bibliothek im Kopf.

Musik, Spiel, Bild und Gesang aus einem Guss

Stephen Lawless´ Regie bezieht sich von Beginn an auf den ernsten Untergrund des Spiels. Benoit Dugardyns Bühne ist zunächst eine Welt voller Bücher. Da muss das Spiel auf dem schwingenden Bogen einer riesigen, umgeschlagenen, Buchseite ausbalanciert werden. Die Figuren, allesamt Kopfgeburten des Ritters selbst, entsprechen den Titeln der riesigen Bibliothek. Die Welten zwischen den Buchdeckeln gelangen in den Kopf eines Menschen. Er liest sich das Märchen seines Lebens in den Kopf. Das Spiel mit Büchern und Bildern, mit denen die lesen, und denen, die erlesen werden, hält den ganzen Abend über die Spannung wie ein gutes Buch.

Und welche Spannung erst durch die Musik entsteht! Die Mitglieder der Akademie für Alte Musik musizieren galant und schwungvoll, die Musik illustriert und pointiert, zart und genau erfahren Affekte, tiefe Gefühle, humoristische Szenen und phantastische Begebenheiten ihre klangliche Entsprechung. René Jacobs am Pult, dem auch die glückliche Bearbeitung der Oper zu verdanken ist, entfaltet den ganzen Zauber eines tragikomischen Stückes, das uns zutiefst berührt.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


29. Innsbrucker Festwochen: „Don Chisciotte in Sierra Morena" von F. Conti

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Francesco Bartolomeo Conti

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Johannes Chum (Solist Gesang), Fulvio Bettini (Solist Gesang), Sunhae Im (Solist Gesang), Nicolas Rivenq (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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