> > > > > 30.03.2012
Samstag, 24. August 2019

1 / 5 >

Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Jaromir Weinberges 'Schwanda der Dudelsackpfeifer'

Erfolg mit kurzer Halbwertszeit

Das Jahr 1927 war für die Gattung Oper nicht übermäßig ertragreich. Im Februar brachte man in Leipzig erstmals Kreneks 'Johnny spielt auf' auf die Bühne, im Juli stellte man in Baden-Baden Kurt Weils Songspiel 'Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny' dem Publikum vor, im Herbst bot sich in Hamburg erstmals die Gelegenheit Korngolds bald wieder vergessenes 'Wunder der Heliane' zu hören. Am 27. April desselben Jahres gelangte in Prag 'Schwanda, der Dudelsackspfeifer' zur Uraufführung, eine zweiaktige Volksoper des jüdischen Komponisten Jaromir Weinberger.

Miloš Kareš verarbeitete in seinem Libretto eine tschechische Sage: Der Dudelsackpfeifer Schwanda führt mit seiner Frau Dorotea ein beschauliches Leben auf dem Land. Diese Idylle bekommt jedoch gewaltige Risse, als der flüchtige Räuber Babinsky auftaucht. Nicht nur, dass er mit Dorotea zu flirten beginnt; er überzeugt Schwanda noch dazu, eine verzauberte Königin zu befreien, zu der sie, ohne sich von Dorotea zu verabschieden, aufbrechen. Mit seinem Spiel kann Schwanda den Zauber brechen, doch als plötzlich Doroteas Stimme erklingt, die Schwandas Namen ruft, erstarrt das Herz der Königin wieder zu Eis, worauf der Musiker zum Tod verurteilt wird. Babinsky vereiltelt jedoch die Hinrichtung, in dem er das Richtbeil durch einen Besen vertauscht, was ihm zwar das Leben rettet, ihn aber nicht vor der Hölle bewahrt, da er Dorotea versicherte, ihr treu gewesen zu sein. Mit Babinskys kann er der Unterwelt wieder entkommen und zu Dorotea zurückkehren, die er allerdings als alte Frau vorfindet, da sein Aufenthalt, in irdischer Zeit gemessen, Jahrzehnte dauerte.

Trotz dieses bühnenwirksamen Sujets und der eingängigen und rhythmisch prägnanten Musik konnten sich die Opernbesucher außerhalb der damaligen Tschechoslowakei weit mehr für das Stück erwärmen als die im Heimatland des Komponisten. Nach der Uraufführung in Prag erstellte Max Brod eine deutsche Übersetzung, die in Breslau bei der dortigen Erstaufführung der Oper für Begeisterung sorgte und dem Stück den Weg an die wichtigesten europäischen Bühnen ebente. Er fühnrte darüber hinaus bis 1931 auch über den Atlantik an die Metropolitan Opera. Doch das Interesse kam bald zum Erliegen: In Prag gab man Weinbergers Stück letztmals 1933. Wegen der Ausbreitung des Nationalsozialismus verschwand das Werk des 1938 emigrierten Komponisten auch von den deutschen und österreichischen Spielplänen.

An der Dresdner Semperoper ist das Werk zurzeit in einer von Axel Köhler inszenierten Neuproduktion zu sehen, die dem Stück den volkstümlichen Charakter belässt, gleichzeitig aber auf eine pointierte Personenführung achtet. Sie konzentriert sich vor allem auf Babinsky und deutet diesen zu einer Art im Frack auftretenden Mephisto um, der sein Umfeld primär durch sein elegantes Auftreten manipuliert. Arne Walthers Bühnenbild spart nicht an optischen Effekten. Als Grundkonzept dient ein hallenähnliches Gebäude, das zunächst - kleindimensioniert - als Schwandas Heim dient, im weiteren Verlauf auf die gesamte Bühne ausgeweitet auch als Schauplatz für Palast und Hölle dient.

Christoph Pohl verkörpert den Musikanten von Beginn an glaubhaft und singt ihn mit angenehm timbrierten Bariton, der allerdings spezifische Qualitäten schuldig bleibt. Die Partie des Babinsky bietet zahlreiche Möglichkeiten für strahlende Phrasen, die Ladislv Elgr allerdings nicht für sich nutzen kann, da es seinem durchaus tragfähigen Tenor in allen Lagen an klanglicher Entfaltung fehlt. Majorie Owens jugendlich dramatischer Sopran ist für die Dorotea optimal geeignet. In den Charakterpartien des Zauberers und Teufels sind Tilmann Rönnebeck beziehunsgweise Michael Eder rollendeckend eingesetzt. Einziger wirklicher Minuspunkt der Besetzung ist Tichana Vaughns spröder und unsteter Mezzo in der Partie der Prinzessin.

Orchestral hätte die Produktion sicherlich einen bleibenderen Eindruck hinterlassen, wenn Constantin Trinks die Staatskapelle weniger plakativ lärmend und mit mehr Interesse für die instrumentalen Details durch die Partitur geleitet hätte. Bleibt zu hoffen, dass er bei der Neuproduktion von Wagners 'Fliegendem Holländer' in der nächsten Spielzeit mehr gestalterische Sensibilität beweist.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Weinberger: Schwanda, der Dudelsackpfeifer: Semperoper Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Jaromir Weinberger

Mitwirkende: Staatskapelle Dresden (Orchester), Axel Köhler (Regie), Tichina Vaughn (Solist Gesang), Tilmann Rönnebeck (Solist Gesang), Christoph Pohl (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte) Class aktuell (2/2019) herunterladen (4851 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Antonín Dvorák: String Quartet B 57 in E major op.80 - Finale. Allegro con brio

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich