> > > > > 26.02.2012
Sonntag, 21. Juli 2019

Rossinis 'Otello' am Opernhaus Zürich

Aufstieg und Fall eines Immigranten

Gioacchino Rossinis 1816 für Neapel geschriebener 'Otello' war durchaus erfolgreich bis er von Giuseppe Verdis 1887 uraufgeführtem Werk von den Bühnen gefegt wurde. Doch auch auch ohne Giuseppe Verdis 'Otello' hätte sich Rossinis Opernversion des Stoffs kaum auf Dauer behaupten können: Dies liegt zu einem an Francesco Berios in Venedig und nicht auf Zypern spielendem Libretto, das sich primär an dem damals erst drei Jahre alten Bühnenstück des Aristokraten Baron Carlo Cosenza orientiert, in dem die Figur des Jago in den Hintergrund gerückt wird, da die offene Feindschaft zwischen dem bereits heimlich verheirateten Mohren und Rodrigo, dessen Liebe zu Desdemona nicht erwidert wird, den Kern der Handlung bildet. Das alles entscheidende Taschentuch wird hier durch ein Liebesbillett ersetzt, das der eigentliche Empfänger Otello an einen Rivalen gerichtet glaubt. Mit Desdemonas Vater, hier Elmiro genannt, besteht bei Rossini allerdings eine Parallele zu Shakespeare, die bei Verdi fehlt.

Und nicht zuletzt gibt es einen besetzungstechnischen Grund, der die Intendanten einen weiten Bogen um das Werk machen lässt: Rossini hatte in Neapel überwiegend Tenöre zur Verfügung und so schrieb er die Hauptrollen mit Ausnahme des Emilio eben für diese Stimmlage. Das Züricher Opernhaus bringt dieser Umstand in keinerlei Verlegenheit, vielmehr zeigt sich, dass man heute in diesem Repertoire aus einem erstaunlich großen Pool an hervorragenden Sängern schöpfen kann. Da ist zunächst John Osborn, der die Titelrolle ebenso höhen- wie stilsicher interpretiert und ein eher dunkel getöntes Timbre mitbringt, das sich hervorragend von dem hellen Klang Javier Camarenas als Rodrigo abhebt. Auch in dieser Produktion zeigt wieder, dass der Mexikaner gemeinsam mit Juan Diego Florez zu den zwei besten tenori di agilità der Gegenwart zählt, da auch er über eine klangvolle Mittellage verfügt.

Der aus Uruguay stammende Edgardo Rocha präsentiert als Jago einen technisch noch nicht ganz gefestigten Tenor, der aber angenehm timbriert ist, so dass der Weg für eine internationale Karriere geebnet sein sollte. Die tenorale Leistungsschau ist für die meisten Besucher wohl nicht die eigentliche Hauptattraktion der Produktion - diese bildet Cecilia Bartoli als Desdemona. Über Bartolis Koloraturfertigkeit wurde im Lauf ihrer bereits über zwanzig Jahre dauernden Karriere beinahe ebensoviel diskutiert wie über das eher kleine Volumen ihres dunkel schimmernden Mezzos, der sich auch schon in Sopranrollen bewährte. Abseits der dramatischen Ausbrüche, die Bartolis Grenzen zeigen, erlebt man emotionalen Rossini Gesang vom Feinsten, bei dem stimmliche Akrobatik nie zum Selbstzweck wird.

Weitaus weniger Raffiniertes hört man diesmal aus dem Orchestergraben. Das mit einer kleinen Streicherbesetzung spielende Originalklangensemble La Scintilla klingt unter Muhai Tangs Leitung uncharmant, hart und trocken. Die nicht unbedingt lupenreinen Hornkantilenen trugen auch nicht zu einem erfreulichen Gesamteindruck bei.

Moshe Leiser und Patrice Caurier erarbeiteten am Züricher Opernhaus zuletzt eine wenig überzeugende, radikal modernisierte Sicht von Rossinis 'Moise in Egitto'. Auch ihr 'Otello' verlässt in den realistischen Bühnenbildern Christian Fenouillats den historischen Kontext der Handlung. Gezeigt wird die Geschichte eines farbigen Immigranten, dem die rassistische Upper class nach den militärischen Erfolgen den Respekt nicht mehr versagen kann, was der Feindschaft mit Rodrigo einen zusätzlichen brisanten Aspekt verleiht. Wie man über Otello wirklich denkt, bricht nach seinem Selbstmord hervor: Elmiro und Rodrgo beginnen voller Verachtung seinen Leichnam zu misshandeln. Dieser Moment macht betroffen und sichert der psychologisch schlüssigen Inszenierung einen eindringlichen Schlusspunkt.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Rossini: Otello: Opernhaus Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Muhai Tang (Dirigent), La Scintilla (Orchester), Moshe Leiser (Regie), Juan Diego Flórez (Solist Gesang), John Osborn (Solist Gesang), Cecilia Bartoli (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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