> > > > > 19.01.2012
Mittwoch, 17. August 2022

Gustav Mahler

Die Royal Flemish Philharmonic in Ludwigshafen

Von mäßig bis großartig

Seit 1998 sind unter dem Motto "The Big Four" pro Konzertsaison jeweils vier der größten Virtuosen einer Instrumentengattung (darunter in der Vergangenheit etwa Persönlichkeiten wie die Pianisten Alfred Brendel, Grigory Sokolov, Martha Argerich und Jean-Yves Thibaudet sowie die Geiger Gidon Kremer, Victoria Mullova, Midori und Julia Fischer) im Feierabendhaus der BASF in Ludwigshafen zu Gast. Anlässlich der aktuellen Jubliäumssaison – seit nunmehr 90 Jahren engagiert sich das Chemieunternehmen aktiv in kulturellen Belangen – liegt der Fokus der Konzertreihe ausnahmsweise nicht auf Einzelpersonen; vielmehr hat man vier europäische Spitzenorchester eingeladen, die sich durch unterschiedliche Klangtraditionen auszeichnen. Den Reigen dieser hochkarätigen Konzerte eröffnete am vergangenen Donnerstag in dem nach eineinhalb Jahren Renovierungszeit akustisch und visuell sehr postiv veränderten Saal des BASF-Feierabendhauses die Royal Flemish Philharmonic Antwerpen unter ihrem derzeitigen Chefdirigenten Edo de Waart.

Die erste Konzerthälfte war freilich nicht dazu angetan, die hoch gesteckten Erwartungen an den Abend zu erfüllen, denn der Dirigent und sein Orchester präsentierten zunächst eine Lesart von Wolfgang Amadeus Mozarts Sinfonie A-Dur KV 201, die eher durch Unauffälligkeit denn durch Originalität charakterisiert war. Zwar wirkte der Vortrag routiniert und sicher. Doch konnte dies aufgrund der primär flächigen und blockhaften Wirkung nichts am Eindruck von Behäbigkeit ändern, der die gesamte Wiedergabe bestimmte: Das Kopfsatzthema und sein Kontrapunkt zeigten kaum Bemühungen um eine Formung der melodischen Phrasen. Im 'Andante' setzte de Waart auf eine weiche, aber eindimensionale und daher profillose Kantabilität, das Menuett wirkte steif und ohne Elastizität, und das Finale litt unter einer klanglich etwas spröden Umsetzung. Viel zu stark war diesem Werk die Funktion als Einspielstück und Füllsel anzumerken, das offenbar vor allem dazu diente, das Konzertprogramm auf die richtige Gesamtlänge zu bringen.

Dass das Orchester demgegenüber in der zweiten Hälfte bei Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 5 cis-Moll wie ausgetauscht wirkte, verdeutlichte, wo die Prioritäten des Dirigenten eigentlich lagen. Schon der elektrisierende Beginn, der sich stufenweise am Leitfaden der klar gesetzten Trompetenfanfare vom solistischen Impuls bis hin zum gewaltigen Tutti entwickelte und danach ohne Spannungsbruch in die Diktion des Trauermarsches mündete, ließ aufhorchen. So wie hier, so galt de Waarts Ansatz generell dem Aufspüren und der zeitlichen Entfaltung von Spannungsbögen, was jedoch immer von der genauen Ausarbeitung der Einzelphrasen her seinen Ausgangspunkt nahm. Dass der Dirigent dabei zugleich viel Wert auf die Transparenz des Klangresultats legte und ständig dafür sorgte, dass kontrapunktisch gedachte Mittelstimmen hörbar blieben, gehörte zu den besonders positiven Aspekten seiner Mahler-Interpretation.

Die überzeugende kammermusikalische Ausgestaltung mancher Passagen wie etwa den Beginn des Finales mit seinen zart gezeichneten, pastoralen Farbwerten, in die das Ende des 'Adagietto'-Satzes organisch hineinragte, machte dem Dirigenten ebenso viel Ehre wie die schroffen, fast schon ins Geräuschhafte verschärften und aus der Streichergruppe herausgemeißelten akkordischen Attacken im zweiten Satz. Gleichfalls sehr angenehm war, dass de Waart bei der Temponahme zu einer gewisse Stringenz neigte, wodurch er weder bei der Orientierung an weit geschwungenen Atembögen im 'Adagietto' noch bei den Choralpassagen des Finales ins Schleppen geriet; zugleich erwies er sich aber in der Darstellung kleinräumiger Übergänge im Tempo auch als nachgiebig und geschmeidig, wodurch ihm etwa der Zusammenhalt des riesenhaften Scherzos außerordentlich gut glückte, ohne dass er an den Übergängen zwischen den einzelnen Abschnitten den musikalischen Faden verlor. Nach dieser fulminanten und schlüssigen Mahler-Umsetzung konnte man daher den mäßigen ersten Teil des Konzerts leichten Herzens verschmerzen.

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Kritik von Prof. Dr. Stefan Drees

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The Big Four: Royal Flemish Philharmonic Antwerpen

Ort: BASF Feierabendhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav Mahler

Mitwirkende: Edo de Waart (Dirigent), Royal Flanders Philharmonic Orchestra (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter BASF Kunst & Kultur

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