> > > > > 22.01.2012
Sonntag, 21. Juli 2019

Wagners 'Meistersinger' in Zürich

Exemplarische Personenführung

"Spenden für die Renovierung" ist ein kleines, aber unübersehbares Schild in der gotischen Kirchenruine, in der die Nürnberger der 1950er Jahre zusammenkommen. Wer nun orakelt, Harry Kupfer versuche so eine Brücke zur ideologischen Rezeptionsgeschichte von Wagners Werk zu bauen, wird je nach Erwartungshaltung enttäuscht sein oder erleichtert aufatmen. Denn wie 1998 bei seinen 'Meistersingern' an der Berliner Staatsoper unter den Linden konzentriert sich Kupfer wieder auf den Aspekt Erneuerung versus Tradition und vor allem auf eine Personenführung, die nichts dem Zufall überlässt. Sie wirkt dennoch so spontan und emotional, dass man etwa glaubt, Evchens Hin-und-hergerissen-Sein zwischen Stolzing und dem noch recht attraktiven Sachs niemals nachvollziehbarer gesehen zu haben. Unpolitisch bleibt auch der Schlussmonolog mit seiner Forderung, die deutschen Meister zu ehren; denn Sachs enthüllt den bis dahin unsichtbaren Johannes des (spätgotischen) Bildhauers Tilman Riemenschneider und verlässt daraufhin mürrisch die Bühne. So kreativ Kupfers Ideen zu dem Beziehungsgeflecht der Figur sind, so fragwürdig präsentiert sich Hans Schavernochs Bühnenbild, das in allen drei Akten nur marginal verändert wird. Im zweiten Akt verhüllen Plastikplanen einen Teil der Ruinen, auf der Festwiese dienen sie als Tribüne für die Zuschauer.

Michael Volle hat in dieser Premiere geschafft, was in der Aufführungsgeschichte des Werks noch wenigen gelungen ist: Er singt nach seinem brillanten Beckmesser in der Vorgängerproduktion nun einen souveränen Sachs, dem man nicht anmerkt, dass es sich hier um ein Rollendebüt handelt. Der runde, tragfähige und nur in der Tiefe etwas unergiebige Bassbariton hält den Anstrengungen dieser Marathon-Partie ohne nennenswerte Ermüdungen stand und wird zu dem äußerst wortdeutlich geführt. Martin Gantner ist als Beckmesser eine Idealbesetzung auf gleicher Augenhöhe, der im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen nie in die Verlegenheit kommt, Phrasen deklamieren zu müssen. Matti Salminen ist in diesen 'Meistersingern' wohl zum letzten Mal als Pogner zu erleben und kann vor allem im ersten Akt nicht mehr kaschieren, dass ihn die hohe Tessitura in Bedrängnis bringt.

Von den beiden Tenören der Vorstellung ist eindeutig dem Interpreten des David der Vorzug zu geben: Peter Sonn begeistert mit seinem persönlich timbrierten Tenor vom ersten Moment an und lässt auch einen dramatischen Kern erkennen, der in weiter Zukunft auch Lohengrin und Stolzing vorstellbar macht. Roberto Saccas Debüt als Stolzing ist durchaus ein Gewinn für diese Produktion. An großen Häusern dürfte sich der Italiener als Wagner- aber auch Strauss-Interpret nicht durchsetzen, dafür fehlt es seinem eher kleinvolumigen und vor allem kehligen Tenor an Durchschlagskraft, die er auch nicht durch sensible Phrasierung zu kompensieren vermag, da die Stimme nur im Forte klingt. Juliane Banse versucht nun schon seit geraumer Zeit in einem dramatischeren Repertoire Fuß zu fassen. Ihr Evchen lässt an der Sinnhaftigkeit dieses Weges mehr denn je zweifeln. Die Reserven ihres Soprans sind nach den ersten beiden Akten aufgebraucht, sodass die zentrale Szene in der Schusterstube mit dem abschließenden Quintett zunehmend an der Ermüdung der Stimme zu leiden hatte. Die Besetzung der kleineren Rollen beweist ein überwiegend hohes Niveau, besondere Erwähnung verdient Wiebke Lehmkuls Magdalena.

Daniele Gatti lässt am Dirgentenpult den musikalischen Fluss nie abreißen. Den ersten Akt scheint der Chefdirigent des Hauses eher als symphonische Dichtung aufzufassen, was die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben in Mitleidenschaft zieht. Markante Akzente hört man vor allem im dritten Ak. Gatti rückt ihn ganz gezielt vom Klischee des deutschen Pathos weg und lässt vor allem rhythmisch akzentuiert und straff musizieren. Auch den Chor lotst er, wie schon in der heiklen Prügelfuge, sicher durch die Partitur.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Wagner: Meistersinger: Oper Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Juliane Banse (Solist Gesang), Roberto Saccà (Solist Gesang), Matti Salminen (Solist Gesang), Martin Gantner (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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