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Dienstag, 30. November 2021

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Verdis 'Un ballo in maschera' in der Semperoper

Die Masken des nackten Todes

Gute Stimmen, große Bilder und ein großartiges Orchester sind die Voraussetzungen für einen großen Opernabend. Diese sind gegeben und in der Neuinszenierung von Guiseppe Verdis 'Un ballo in maschera' in der Dresdner Semperoper zu erleben. In der Partie des Riccardo ist mit Wookyung Kim ein Tenor der Extraklasse dabei. Eine junge Stimme, klangvoll in allen Lagen, strahlend in den Höhen ohne jeden Anflug von Stimmakrobatik, und vor allem immer wieder betörend lyrische, tief verinnerlichte Passagen. In der tieferen Lage der Bariton Marco Vratogna als Renato stark und zerbrechlich zugleich; zerrissen, getrieben, am Ende der Einsamste unter den Einsamen dieses großen Schauerspiels, bei dem von Anfang an der Tod regiert und keine Maske vor dessen Unerbittlichkeit schützen kann. Majorie Owens singt die Partie der Amelia mit traumwandlerischer Sicherheit. Hell leuchten ihre Höhen, berührend vermag sie den Facetten der Verunsicherung, von der diese Frau bestimmt ist, überzeugende Töne zu geben - eine Lichtgestalt, die dennoch der Finsternis, die sie umgibt, nicht entkommen kann. Die Fülle ihrer dunklen Stimme setzt Tichina Vaughn als Ulrica erfolgreich ein, und Carolina Ullrich gibt den windigen Pagen Oscar mal stöckelnd im Röckchen oder klischeehaft als Kerlchen in Hosen.

Wer ist wer und wer will was mit wem?

Man nimmt es ja nicht gleich wahr: In dieser Inszenierung verschwimmen hinter den Masken die Grenzen. Mann oder Frau tragen eigentlich Ganzkörpermasken. Die Mitglieder des Staatsopernchores gemeinsam mit den Komparsen bilden oftmals so etwas wie einen maskierten Massenball, bei dem das Amüsement distanziert, bisweilen blasiert wirkt. Dann verschwimmen wieder die Grenzen; die grellen und auch schrillen Kostüme von Frank Lichtenberg zitieren die glitzernde Welt der Meterware des Musicals ebenso wie den changierenden Spaß einer Offenbachiade und spielen gerne mit den Mitteln der Travestie. Die Verwirrung ist perfekt, wenn die so ausstaffierten Damen und Herren des Chores (in der Einstudierung von Pablo Assante) hinreißend gut singen. Da hört man etwa bei den Herren Passagen im Piano, bekommt aber auch die geballte Kraft aller Sängerinnen und Sänger zu spüren.

Bei so viel gesanglicher Kompetenz und diszipliniertem Spiel gibt eine so gut wie leere Bühne den besten Rahmen für große Bilder, die bestenfalls wie an diesem Abend immer wieder zu Klangbildern werden. Rebecca Hingst und Annett Hunger lassen die Bühne leer. Ein großer schwarzer Kasten; gespielt wird mit den technischen Möglichkeiten des Hauses. Da fahren Segmente hoch und versinken wieder. Ein Himmel der Lichttechnik bleibt immer bedrohlich über der Szene, hinter der weitere Räume zu vermuten sind; denn immer wieder öffnen sich Längsstreifen, von denen eine Gesellschaft im Dauerstress ihres Maskenballs auf das Unglück der sonderbaren Dreiecksbeziehung zwischen Riccardo, Renato und Amelia herunterschaut und sich ebenso schnell wieder abwendet.

So eine richtige, durchgehend nachvollziehbare Geschichte will wohl die Regisseurin Elisabeth Stöppler mit ihrer Inszenierung der konfusen Geschichte aus Missverständnis, Leidenschaft, Eifersucht und Intrige, die sonderbarerweise dadurch geadelt wurde, dass sie einmal von politischer Brisanz gewesen sein sollte, gar nicht erzählen. Auch Zensoren können irren.

Der Tod ist nackt wie Adam einst im Paradies

Elisabeth Stöppler inszeniert, arrangiert und choreografiert mit einfachen Mitteln einen grellen Totentanz. In dessen Mitte tanzt der Tod längst bevor wir ihn wahrnehmen. Menschen schweben für Momente auf schwankendem Untergrund zwischen Himmel und Erde im Licht von Fabio Antoci und hängen doch wie Marionetten an Seilen, die von fremder Hand geführt werden. Auch wissen wir nicht in jedem Fall, was welche Maskierung bewirken, verbergen oder befördern soll. So agiert Riccardo als König in schwarzer Damenrobe, Renato stellt seine tätowierte Muskelkraft auch gerne mit freiem Oberkörper aus. Amelia versucht am konsequentesten Gesicht zu zeigen, gerät aber auch in den Sog allgemeiner Verhüllungen und Enthüllungen. Am Ende, wenn es ans große Sterben geht und die Menschen bei Verdi am schönsten singen, wenn der Tod nackt und bar jeder Maske zusieht, sieht noch ein Mensch zu, einsam, ohne Maske: Amelia und Renatos Sohn. Große Enthüllung zum Finale. Alle Masken fallen, alle Hüllen auch, die Nackten sind dem Tod sehr ähnlich, das Theater dechiffriert sich als Maskenball lebender Leichen.

Und die Musik spielt dazu. Und wie! Die Sächsische Staatskapelle unter der Leitung von Carlo Montanaro umhüllt diese tragikomischen Enthüllungen armseliger Kreaturen mit einem Schutzmantel aus kostbaren Klangflächen. Da waltet zärtliche Behutsamkeit, da wispern die kichernden Stimmen des Verrates im raffinierten Kammermusikklang und die Vehemenz der Verdrängung trumpft auf. Die Liebesvisionen klingen den Möglichkeiten der Menschen hinter ihren Masken weit voraus und klingen lange nach in der Erinnerung an diesen Dresdner Maskenball.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



Kontakt zur Redaktion


Verdi: Un basso in maschera: Sächsische Staatsoper Dresden

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Woo-Kyung Kim (Solist Gesang), Marco Vratogna (Solist Gesang), Tichina Vaughn (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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