> > > > > 14.11.2011
Freitag, 22. November 2019

Drittes Philharmonisches Konzert

Haydn als aufregende neue Musik

Es gibt relativ wenige Komponisten, die zu Lebzeiten so gefeiert und nach ihrem Tode so schnell und gründlich missverstanden worden sind wie Joseph Haydn. Und - man muss es leider noch immer konstatieren - die Missverständnisse haben bis heute noch nicht aufgehört. Seinen Zeitgenossen war der kompositorische Rang dieses Komponisten wohl bewusst. Johann Wolfgang von Goethe sah in den Kompositionen des Zeitgenossen die "ideale Sprache der Wahrheit" entfaltet.

Markus Poschner und die Bremer Philharmoniker - das ist eine spannende Kombination. Im Jahre 2007 wurde er zum Generalmusikdirektor berufen, und seitdem ist es deutlich zu "erhören", dass in Bremen ein frischer Wind weht. Markus Poschner gehört zu einer jungen Reihe von erfolgreichen Dirigenten, die spannende Programmkonzeptionen vorlegen. Wenn nun beim dritten Philharmonische Konzert unter dem Titel "haydn pur" an zwei aufeinanderfolgenden Konzerten im großen Saal der Glocke ein Programm fast ausschließlich mit Werken von Joseph Haydn präsentiert wurde, so konnte man davon ausgehen, dass das eine reizvolle Sache werden und Markus Poschner sich interpretatorisch interessante Gedanken gemacht haben würde.

Dass es bei Haydn durchaus noch einiges zu entdecken gibt, zeigte die scharfsinnige Wiedergabe der Sinfonie Nr. 60 in C-Dur mit dem Beinamen "Il distratto" (Der Zerstreute), die so ziemlich alles beinhaltete, was sich der Kenner unter der Marke Haydn vorstellt: rasante Tempi, subtile langsame Sätze, witzige Überraschungen, ironische Formverläufe, die den Zuhörer in die Irre führen können, wie zum Beispiel die metrischen Verschiebungen im ersten Satz. Dass das alles so neuartig, ja modern klang, dafür sorgte nicht nur ein ausgefeiltes Interpretationskonzept, sondern auch eine klug disponierte Phrasierung- und Artikulationsgestaltung.  Und natürlich auch eine Sitzordnung des Orchesters, die sich an den damaligen historischen Gegebenheiten orientierte. All das galt natürlich auch für die anderen Sinfonien, wie zum Beispiel die berühmte Sinfonie Nr. 92 in G-Dur ("Oxford").

Wie aufregend lebendig Haydns Arien und die seines spanischen Zeitgenossen José de Nebra klingen können, zeigte die Sopranistin Nuria Rial, die stimmlich so ziemlich über alle Qualitäten verfügt, die man sich bei Haydn wünscht. Und es wurde schlagartig einsichtig, was der Schriftsteller Helmut Heißenbüttel mit seiner Feststellung, dass in den Opern von Haydn in einem Vorgriff auf Richard Wagner das "Vernichtende der autonom und frei gesetzten Emotionalität" zu entdecken sei, gemeint hat.

Fast unnötig zu bemerken, dass die Bremer Philharmoniker insgesamt glänzend disponiert waren und gemeinsam mit Markus Poschner ein quirlig-lebendiges Musizieren boten, an dem es nicht zu deuteln gab, sondern das gleichsam eine selbstverständliche Vorgabe für eine vorurteilsfreie Herangehensweise war.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Bremer Philharmoniker: 3. Philharmonisches Konzert

Ort: Die Glocke (Grosser Saal),

Werke von: Joseph Haydn

Mitwirkende: Markus Poschner (Dirigent), Bremer Philharmonisches Staatsorchester (Orchester), Nuria Rial (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Bremer Philharmoniker

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