> > > > > 17.10.2011
Mittwoch, 13. November 2019

Philharmonisches Konzert der Bremer Philharmoniker

Bereicherung

Endlich!, möchte man emphatisch ausrufen. Endlich steht die Dritte Sinfonie von Peter I. Tschaikowsky einmal auf dem Programm. Wenn es um den Komponisten Tschaikowsky geht, existiert noch immer ein Tunnelblick, der ein umfangreiches Schaffen auf wenige Werke reduziert, zumeist mit fadenscheinigen Begründungen. Der Geiger und Kammermusiker Thomas Zehetmair hat Geschmack, Klangsinn und Freude am Virtuosen. Als Dirigent neigt er nicht dazu, sich mit Eigenwilligkeiten vor das Werk zu stellen. Er gehört nicht zur Gattung "willensbetonter" Dirigenten, sondern gestaltete gemeinsam mit dem Orchester, so, als verstehe er sich auch in der Funktion als Dirigent als kammermusikalischer, intelligenter Partner. Dabei entwickelt er so etwas, was man als diskrete Meisterschaft bezeichnen könnte. Eben genau das ist es, was die Konzerte mit ihm so außerordentlich interessant machen.

In der Dritten Sinfonie von Tschaikowsky vermied er fettes Klangvolumen. Kraftvoll und ohne viel Emphase wurden Tschaikowskys sinfonische Zauberwelten erkundet. Die konstruktivistische und die expressive Seite wurden genau ausgelotet, die Satzproportionen stimmten. Im rhythmisch komplexen ersten Satz führte Zehetmair dosiert Temperament und Pathos zusammen, um die musikalische Struktur sich entfalten zu lassen. Gespannte, wache Ruhe lag über dem hochexpressiven langsamen Satz. Fadenscheinige Effekte traten in den Hintergrund. Zehetmair vertraute auf die Sprachkraft der genau und ruhevoll austarierten Musik. Auch beim Scherzo und beim Finale mit der wundervollen Fuge legte er Steigerungen ökonomisch mit Sinn für die großen Bögen und Zeitverläufe an.

So wurde einsichtig, dass diese Dritte Sinfonie von Tschaikowsky durchaus gleichberechtigt neben den anderen stehen kann. Bleibt zu hoffen, dass bald auch die ersten beiden zu hören sind. Beinahe überflüssig zu betonen, dass die Bremer Philharmoniker dieser Musik nichts schuldig blieben. Das Märchen von der schönen Nixe Melusine, zu dem Felix Mendelssohn-Bartholdy eine gewitzte Ouvertüre verfasste, ist ein prächtiges musikalisches Stöffchen, dem sich die trefflich präparierten Bremer Philharmoniker mit hörbarer Lust widmeten, wobei aber auch hier das Stimmgefüge stets transparent blieb.

Johann Sebastian Bachs Violinkonzert in E-Dur hat man schon so oft gehört, dass es schon einer besonderen Herangehensweise bedarf, um begeistern zu können. Aber unter der Führung Thomas Zehetmairs vibriert diese Musik so, als ob man sie zum ersten Male hören würde. Dabei nutzte Zehetmair als Solist interpretatorische Freiräume, versagte sich aber alle Eitelkeiten. So entstand eine überraschend plausible Übersetzung der Partitur in Klang. Das Publikum des zweiten Philharmonischen Konzerts im großen Saal der Bremer Glocke quittierte ein besonderes Konzert mit begeistertem Beifall.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Zweites Philharmonisches Konzert: Bremer Philharmoniker

Ort: Die Glocke (Grosser Saal),

Werke von: Peter Tschaikowsky, Johann Sebastian Bach

Mitwirkende: Thomas Zehetmair (Dirigent), Bremer Philharmonisches Staatsorchester (Orchester)

Detailinformationen zum Veranstalter Bremer Philharmoniker

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