> > > > > 29.09.2011
Sonntag, 20. Oktober 2019

Gustav Mahler

Ernst Theis dirigiert 'Das Lied von der Erde'

Mahler beim Brucknerfest in Linz

Im November vor 100 Jahren, nach Gustav Mahlers Tod am 18. Mai 1911, wurde 'Das Lied von der Erde' uraufgeführt. Der Komponist hat die Uraufführung seines Werks, das er für sein persönlichstes hielt, nicht mehr erleben können. Obwohl bereits 1908 vollendet ist es ein Werk der Rückschau, der Verzweiflung, wild, aufbegehrender Lebenslust ebenso - vor allem aber des Abschieds. Mahler vertonte für Singstimmen - Tenor und Mezzosopran oder Bariton - und großes Orchester in je unterschiedlicher Instrumentierung sechs Gedichte aus der Sammlung "Die chinesische Flöte": schwermütige Lyrik des siebten und achten Jahrhunderts aus dem Reich der Mitte in Nachdichtungen Hans von Bethges, die wiederum einer französischen Übersetzung folgen.

Anlässlich des Brucknerfestes in Linz hat der Dirigent Ernst Theis Mahlers vermächtnishaftes Werk mit der Slowakischen Philharmonie Bratislava, der Mezzosopranistin Brigitte Pinter und dem Tenor Herbert Lippert aufgeführt. Im Linzer Konzertsaal mit der hervorragenden Akustik war eine so sensible wie spannende Aufführung zu erleben. Zu hören war eine Interpretation, die dem wilden Aufbrausen, den leidenschaftlichen Schilderungen von Naturstimmungen als Abbilder seelischer Empfindungen ebenso wie den zerbrechlich zarten Passagen des Abschieds und der Einsamkeit jeweils angemessenes Maß verlieh. Jeglicher Anflug von Sentimentalität ist ausschlossen. Theis verschafft den Solisten bei ihren so unterschiedlich gestalteten Parts jeweils den nötigen Raum im Klanggeschehen, was gleichzeitig beste Textverständlichkeit gewährleistet. Er hüllt die Stimmen aber auch – dies wohl ganz im Sinne des Komponisten – ein, lässt die individuellen Farben der Sängerin und des Sängers zu charakteristisch geführten Instrumenten sinnlich schwingender Passagen werden.

Diesen Vorgaben folgen die Musikerinnen und Musiker aus Bratislava bestens. Zum ausgewogenen Klang der großen Streicherbesetzung kommen die gut abgestimmten Passagen der von Mahler besonders bedachten Holzbläser ebenso wie die tiefromantischen Einsätze der Blechbläser im Verein mit unterschiedlich besetztem Schlagwerk; nicht zu vergessen die Harfen, eine Mandoline und die Celesta im ergreifenden Schlusssatz. Mit Herbert Lippert und Brigitte Pinter stellen sich exzellente Sänger den enormen Anforderungen ihrer Partien. Dem Tenor mit seiner sicher geführten Stimme gelingen jeweils höchst individuelle Interpretationen sowohl des wilden Trinkliedes vom Jammer dieser Erde, der spielerischen Versonnenheit in den verklärenden Erinnerungen an die Jugend oder im bacchantisch, melancholisch und galgenhumorigen 'Lied des Trinkers im Frühling'. Brigitte Pinter verfügt über eine weit schwingende Mezzostimme, die sich gerade auch in dramatischen Höhenregionen bewährt. An der Pariser Oper singt sie die Partien der Brünnhilde in der neuen 'Ring'-Produktion; für Mahlers Melodik der Seelenstimmung hat sie den nötigen Reichtum an Facetten und Farben. Das reicht von der hauchfeinen, beinahe fröstelnden Herbststimmung zu Beginn über Klangbilder von der Schönheit und ihrer wilden Zerstörung bis hin zur letzten Erdenwanderung in den ewigen Abschied. Der Gesang ist stark und zerbrechlich, die verlöschenden Abschiedstöne leuchten in mildem Abendlicht. Erst nach langer Stille bedankt sich das Publikum begeistert für diese höchst persönliche Interpretation von Mahlers persönlichstem Werk.

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Kritik von Boris Michael Gruhl



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Brucknerfest Linz 2011: Gustav Mahler: 'Das Lied von der Erde'

Ort: Brucknerhaus,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Ernst Theis (Dirigent), Herbert Lippert (Solist Gesang), Brigitte Pinter (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Brucknerfest Linz

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