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Montag, 19. August 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Wolfgang Emanuel Schmidt spielt Dvorak

Großes Konzert für Orchester

Sie hatten einen guten Abend, die Musiker des Rundfunksinfonie-Orchesters Berlin. Es ist ja nicht jeder gleich, Instrumentalisten sind auch nur Menschen. Selten genug spielt das Ensemble im Konzerthaus Berlin. Meist ist die Philharmonie ihr von den Philharmonikern geliehenes Zuhause. Schade eigentlich, denn man soll die Qualitäten des Hauses am Gendarmenmarkt nicht gering schätzen und keinesfalls kleinreden. Dazu neigen Kunstfreunde in der Stadt leider. Sie finden die Architektur kitschig, weil sie nach Schinkel aussieht, aber aus DDR-Zeiten stammt. Entsprechend gilt die Akustik als ebenso wenig überzeugend - ein ungerechtes Urteil. Das andere Berliner Haus klingt, wenn man es zu nehmen weiß, hervorragend. Der Klang ist warm, rund und trotz der geringeren Abmessungen des Saals im Vergleich zur Philharmonie hält er einem Fortissimo durchaus stand. Es gibt heikle Sitzplätze, aber in welchem Haus dieser Welt gibt es die nicht? Ein besonderes Plus ist die Nähe zu Solisten, die akustische und die visuelle.

Wolfgang Emanuel Schmidt wusste schon, wo er seinen kleinen Sohn Leonhard hinsetzen musste, damit der möglichst viel von seinem Vater hat – nach oben, auf den mittleren Balkon. Dort saß und lauschte der Bub, manchmal aufmerksamer als eine in Anzüge und Kleidchen gezwängte Schulklasse, die auf den seitlichen Balkonen Platz genommen hatte. Seinem Sohn widmete Schmidt auch ein Werk des Abends, den Marsch für Kinder von Sergej Prokofjew – die Zugabe freilich. Die musste erst einmal erklatscht werden - was dem Publikum nicht schwer fiel, angesichts von Schmidts Interpretation von Antonin Dvoraks Cellokonzert in h-Moll. Marek Janowski schuf mit der langen orchestralen Einleitung die Voraussetzung dafür, dass Schmidt sich höchst emotional, teils energisch und mit großem Nachdruck durch den ersten Satz spielen konnte. Beide, Dirigent und Solist, waren sich vollends darin einig, dass es sich hier um große Musik im Breitwandformat handelt. Bisweilen hätte man Schmidt etwa im zweiten Thema etwas mehr Gelassenheit gewünscht; auch eine Spur weniger Vibrato hätte der Melodie mehr von ihrem verträumten Charakter bewahrt, den das Horn zuvor präsentiert hatte. Erst im zweiten Satz kam Schmidt dann zur Ruhe. Im dritten, der zwischen furios tänzerischen Momenten und solchen totaler Verinnerlichung kurios abwechselt, gelang dem Cellisten die Balance dann vollkommen überzeugend.

Acht Kontrabässe hatte das Orchester aufgeboten; normalerweise stehen sechs auf dem Podium, und oft werden für Solistenkonzerte die Bassinstrumente noch ausgedünnt. Janowski tat das Gegenteil, was dem Klang etwas sehr Bedeutungsvolles verlieh. Das Orchester klang nicht lauter als sonst, aber seine Farbe war eine andere, eine vollmundigere, erhabenere. Glänzend auch die Bläser, vor allem das Blech, wobei Janowski speziell die Trompeten immer wieder gleißend hervortreten ließ.

So viel Spielfreude macht sich bezahlt, gerade in Karol Szymanowskis Vierter Symphonie, op. 60. Das Stück kommt wie ein Klavierkonzert daher, aber es ist mehr ein Konzert für Orchester, in dem das Klavier eine wichtige, aber nicht die Hauptrolle spielt. Janowski mied allzu flotte Tempi, vielleicht ein Zugeständnis an das Publikum. Denn das Werk offenbart seine klare Struktur und seine melodische Eingängigkeit den Wenigsten beim ersten Hören. Und für die meisten dürfte das Werk neu gewesen sein, auch wenn es zuletzt im Rahmen des Young Euro Classic Festivals schon einmal am selben Ort erklang. Seine Rolle als Primus inter Pares spielte der ungarische Pianist Gergely Boganyi vorbildlich. Schon im Gestus vermied er jedes Virtuosengehabe. Streng, fast unbeweglich saß er geduckt auf dem Hocker. Er setzte Akzente, wo sie geboten waren. Dass er auch ganz anders konnte und ein Meister erstaunlicher Übergänge und sanftester Piani ist, zeigte er in der Zugabe, einem unbekannten Stück von Camille Saint-Saens. Schade, dass er das begeisterte Publikum nach dieser hundsschweren Mischung zwischen Chopin und Liszt so schnell entließ. Der kleine Leonhard Schmidt war da freilich schon lange im Bett.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Marek Janowski

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Antonín Dvorák, Karol Szymanowski

Mitwirkende: Marek Janowski (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester), Gergely Bogányi (Solist Instr.), Wolfgang Emanuel Schmidt (Solist Instr.)

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Detailinformationen zum Veranstalter Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

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