> > > > > 18.09.2011
Donnerstag, 13. August 2020

Abschluss des Russischen Kammermusikfests Hamburg

Die Stimmungen ausgereizt

Samuil Feinberg stand im Mittelpunkt des 2. Russischen Kammermusikfests Hamburg – als bestehe ein solches Festival nicht ohnehin schon aus Nischenrepertoire, interessant hauptsächlich für wenige Spezialisten. Umso erfreulicher, dass zum Abschlusskonzert mit der Pianistin Lilya Zilberstein und der Violinistin Tanja Becker-Bender zwei hochkarätige Künstlerinnen für eine fast voll besetzte Kulturkirche Altona sorgten. Und das, obwohl das Programm durchweg Werke des 20. Jahrhunderts enthielt.

Man mag Samuil Feinberg heute beurteilen wie man will, als "Kleinmeister", als Unzeitgemäßen oder schlicht als von der Geschichte Vergessenen. Zu Lebzeiten (1890-1962) war er nicht nur als Komponist, sondern vor allem als Pianist und Pädagoge eine bedeutende Figur des russischen Musiklebens. Tanja Becker-Bender und Lilya Zilberstein beginnen ihr Programm mit seiner Violinsonate op. 46, ein fünfsätziges Alterswerk des 70-jährigen. Die Violine anfangs solo, und bei Tanja Becker-Bender wirkt das kaum wie ein Beginn, eher als sei die Musik eigentlich schon die ganze Zeit da gewesen. Man ist mittendrin in einem abgeklärten Präludium. Es entfaltet sich ein umfängliches Werk, dessen Struktur als Ganzes etwas schwierig ist, dabei jedoch voller stark gegensätzlicher Stimmungen. Motorisch-toccatenhaft im Scherzo, sehr süffig im Finale, zwischendurch jedoch immer wieder zart und sanglich. Und besonders hier verzaubert Tanja Becker-Bender mit ihrem zarten Ton, dem sorgsam dosierten Vibrato. Und dann: Die Melodie wiederholt sich, und es geht noch zarter und leiser – wunderbar. Aber das Ende ist damit noch immer nicht erreicht. Mehrfach wiederholt sich dieses Spiel, und immer inniger entströmt die Melodie der Violine.

Die Akustik einer Kirche ist natürlich etwas problematisch für die Besetzung, und so droht die Violine stellenweise vom Flügel fast erdrückt zu werden, zumal Lilya Zilberstein bei entsprechenden Stellen (völlig zu recht) beherzt in die Tasten greift. Dennoch lässt man sich diese gerade einmal 50 Jahre alte Musik in einer so gelungenen Interpretation gerne gefallen.

Nur drei Jahre später als Feinberg komponierte Alfred Schnittke seine erste Violinsonate, doch natürlich herrscht hier eine ganz andere Ausdruckswelt. Im Mittelteil des zweiten Satzes etwa langen die beiden Musikerinnen ordentlich zu, ein sehr engagierter Einsatz. Generell reizen sie die Stimmung eher in diese Richtung aus, während die gesanglichen Stellen, die es durchaus auch gibt, herber bleiben als bei Feinberg. Die Musik ist wuchtig und zupackend, mit einem rhythmisch mitreißenden Finale. Das Werk des noch nicht Dreißigjährigen wirkt damit viel direkter als die abgeklärte Musik des alten Feinberg, trotz der dissonanteren, "moderneren" Anlage.

Drei Nocturnes von Nikolaj Medtner erweisen sich als ungewöhnlich virtuos und stürmisch für diese Gattung. Besonders im zweiten Satz schwelgen Lilya Zilberstein und Tanja Becker-Bender in den hemmungslos romantischen Klängen. Den fulminanten Abschluss bildet die erste Violinsonate von Sergej Prokofjew, ein echter Kracher. "Freddo", kalt, lautet die Spielanweisung an einer Stelle, und so klingt Tanja Becker-Benders Ton über weite Strecken, verschwunden ist über weite Strecken der Schmelz, der gerade noch zu hören war. Lilya Zilberstein gestaltet die tiefen Akkorde des Klavierparts mit Wucht. Im 'Allegro brusco' geht es bei den beiden Musikerinnen ums Ganze; intensiv kosten sie die virtuose Struktur aus. In Prokofjews Werk ist alles drin, und bei Lilya Zilberstein und Tanja Becker-Bender bleiben kaum Wünsche offen.

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Kritik von Jan Kampmeier

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2. Russisches Kammermusikfest Hamburg: Tanja Becker-Bender und Lilya Zilberstein

Ort: St. Johanniskirche,

Werke von: Samuel Feinberg, Alfred Schnittke, Nikolai Medtner, Sergej Prokofieff

Mitwirkende: Lilya Zilberstein (Solist Instr.)

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