> > > > > 18.09.2011
Mittwoch, 18. September 2019

Friedemann Herz beim Russischen Kammermusikfest

Neue Farben und Effekte der Orgel

Russische Orgelmusik – gibt es doch gar nicht! Nun ja, kein Wunder. In orthodoxen Kirchen spielen keine Instrumente, und wer schreibt Orgelmusik, wenn sie nicht gespielt werden kann? Dennoch konnte man sich in Hamburg davon überzeugen, dass trotz der fehlenden Tradition russische Komponisten des 20. Jahrhunderts eine spannende, neuartige Orgelmusik entwickelten. Obwohl Orgelliteratur eigentlich nicht zur Kammermusik gehört, war das Konzert in der Kulturkirche Altona Teil des 2. Russischen Kammermusikfests Hamburg, das am Sonntag mit zwei Konzerten zu Ende ging. Für ein Orgelkonzert war das Programm von Friedemann Herz mit knapp 90 Minuten ungewöhnlich lang, langweilig hingegen keine Minute.

Insgesamt acht Komponisten standen auf dem Programm, darunter Namen wie Igor Rekhin, Alexander Wustin, Viktor Suslin oder Yuri Falik, alle zwischen 1936 und 1943 geboren. Die Orgelwerke dieser Komponisten sind absolutes Nischenrepertoire, umso spannender allerdings ihre Entdeckung. Der Orgel gewinnen sie teils neue Farben und Effekte ab, die staunen lassen. Igor Rekhins Suite griff zu Beginn noch auf alte Formen zurück und erklang in der Registrierung von Friedemann Herz in eher gedeckten Farben, aus denen immer wieder markante Zungenregister als Soli hervorstechen. Yuri Faliks Partita gehörte zu den dissonantesten Werken des Programms, gelangte jedoch schließlich zu versöhnlicheren Klängen, die Friedemann Herz mit den weichen Farben der streichenden Register und Schwebungen darstellte. Die Orgel der Kulturkirche Altona wurde von der schweizer Firma Kuhn den französischen romantischen Orgeln nachempfunden, für die solche Register besonders typisch sind.

Die etwas längere 'Weiße Musik' Alexander Wustins wurde im Programmheft als Hommage an Olivier Messiaen beschrieben, und man mag die hohen, einzeln stehenden Töne als Anspielung auf dessen Verarbeitung von Vogelstimmen verstehen. Als besonderen Effekt schlug der Registrant einen kleinen Gong, vielleicht die Darstellung einer Uhr, vielleicht sogar ein Bezug zu manchen Spielereien barocker Orgelwerke.

Unter den stark dissonanten Werken des Programms fiel Aleksandr Glasunows Präludium und Fuge op. 93 aus dem Rahmen. Der wesentlich ältere Glasunow behält in dem Werk der 30er Jahre die Tonsprache des 19. Jahrhunderts bei. Das Geschehen entfaltet sich oft über langen Orgelpunkten. Etwas mehr Glanz hätte man sich bei diesem Werk vorstellen können, doch Friedemann Herz hielt sich auffällig lange an grundtönige Stimmen der Normallage, 2' oder Aliquoten kamen wenig zum Einsatz. Erst kurz vor Schluss ließ er den Klang durch zusätzliche Register etwas aufblühen, endete jedoch mit Diminuendo und schließendem Schwellwerk.

Wie hier konnte man an einigen Stellen den Eindruck gewinnen, der 1998 erbauten Orgel könnten einige PS mehr gut tun. So auch bei der Passacaglia op. 29 von Dmitrij Schostakowitsch, die mit Akkorden des Plenum beginnt und zwischendurch immer wieder kräftige Klänge verlangt. Dazu fehlen womöglich entsprechende Züge wie Pedal-Mixtur. Die der Manuale sorgen allerdings für ein zwar nicht übermäßig starkes, aber klanglich überzeugendes Brausen, dass sich Friedemann Herz bis zu Schostakowitschs am Schluss des Programms stehenden Passacaglia aufgespart hatte.

Besonders interessant jedoch die Werke von Alfred Schnittke und Sofia Gubaidulina. Schnittkes 'Zwei kleine Stücke', sehr dissonant angelegt, konzentrieren sich auf wenige Elemente. Ein hohes Schwirren über langen Orgelpunkten oder auch lang liegenden Sekunden faszinieren im ersten Stück, unterstützt von der sehr stark ausgeprägten Wirkung des Schwellwerks der Kuhn-Orgel. Das zweite baut Cluster auf, ausgehend entweder von kräftigen Pedaltönen oder auch von oben absteigend. Die Dissonanzen lösen sich jedoch beispielsweise in archaisch wirkende leere Quinten.

Gubaidulinas 'Helles und Dunkles' beginnt mit gedeckten Farben, bevor lautstark das Chaos hereinbricht. Verschiedene Effekte werden verwendet, so zum Beispiel ein Laut, der kaum noch als Ton zu bezeichnen ist, vielmehr als tiefes Wummern. Wie auch immer Friedemann Herz diesen Effekt erzeugt hat, er zeigte in seinem Konzert, wie vielfältig und spannend zeitgenössische Komponisten aus Russland die Orgel einsetzen.

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Kritik von Jan Kampmeier

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2. Russisches Kammermusikfest Hamburg: Neue russische Orgelmusik

Ort: St. Johanniskirche,

Werke von: Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina, Alexander Glasunow, Viktor Suslin, Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Friedemann Herz (Solist Instr.)

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