> > > > > 27.07.2005
Sonntag, 15. September 2019

Händels Alcina szenisch entzaubert

Barockes Sängerfest

Die zweite Premiere der Münchner Opernfestspiele präsentierte, nach der szenisch wie musikalisch verunglückten „La forza del destino“ von Verdi, abermals eine Händel-Oper. Christof Loy, der mit Händels „Saul“ und Donizettis „Roberto Devereux“ bereits zwei erfolgreiche Inszenierungen an der Bayerischen Staatsoper abgeliefert hatte, war die Regie übertragen worden. Zusammen mit Herbert Murauer (Bühne und Kostüme) machte er aus Händels phantasievollem, abwechslungsreichen und bewußt auf den Kontrast von Affekten setzendem ‚Dramma per musica’ etwas, das man gerne als ‚psychologisches Kammerspiel’ beschreibt. Um es nüchterner auszudrücken: zwischen 18:30 und 22:50 stehen acht Sänger mehr oder weniger aktionslos in Rokoko-Kostümen und in einem sich von Akt zu Akt veränderndem Einheitsbühnenraum und verbreiten szenische Edellangeweile. Da ist es schon ein Höhepunkt, wenn plötzlich jemand während einer Arie eine andere Figur ansingt. All das ist optisch allerdings ansprechend schön verpackt, nett anzusehen mit den prachtvollen Kostümen, dem großen Wandtableau à la Fragonard im ersten Akt und dem Raritätenkabinett des zweiten Aktes. Allein diese Bildeinfälle tragen keinen ganzen Akt. Und Loys Peronenführung mag zwar detailliert ausgearbeitet sein, doch die ästhetische Vergewaltigung der dezidiert von Bühnenspektakel, Zauber und Effekten lebenden Partitur hin zu einem Goetheschen Wahlverwandtschaften-Surrogat macht nicht nur wenig Sinn sondern ist schlichtweg – und was könnte es schlimmeres im Theater geben? – langweilig! Da helfen auch keine Militäruniformen, Nebelschwaden und eine mit Getöse zu Boden krachende Bühnenwand im letzten Akt mehr. Wer diese Alcina ist, was für Kräfte sie leiten und wie das mehrfache Eindringen wahre Liebe in ihr Reich all das zerstört, bleibt mehr Absichtserklärung Loys (im Programmheft und diversen Interviews nachzulesen), die Inszenierung jedenfalls erzählt das nur ansatzweise.

Natürlich, nach der Flut, ja Überreizung von Händel-Inszenierungen à la Alden und Jones, die mit ihrem Brit-Pop freilich Maßstäbe gesetzt haben, sind alternative (ästhetische) Ansätze dringend notwendig geworden in München. So liegt darin denn auch ein großes Verdienst der Produktion und sicherlich auch eine Erklärung für den begeisterten Zuspruch bei großen Teilen des Publikums. Daß Loy und sein Team zu Händels Oper allerdings erheblich weniger zu sagen haben als Alden und Jones in ihren Produktionen, ja, daß sie gar gegen die dramaturgischen Intentionen des Librettos und der Musiksprache verstoßen, wird verdeckt hinter ästhetischer Gefälligkeit.

Sängersenssationen

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Kritik von Uwe Schneider



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Händel: Alcina: Insz.: C. Loy, Musikal.Ltg.: I. Bolton

Ort: Prinzregententheater,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Ivor Bolton (Dirigent), Bayerisches Staatsorchester (Orchester), Christopher Purves (Solist Gesang), John Mark Ainsley (Solist Gesang), Deborah York (Solist Gesang), Sonia Prina (Solist Gesang), Verònica Cangemi (Solist Gesang), Vesselina Kasarova (Solist Gesang)

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