> > > > > 14.08.2011
Montag, 21. Oktober 2019

Georg Philipp Telemann

'Flavius Bertaridus' in Innsbruck

Umjubelter Telemann

Nur wenige an klassischer Musik Interessierte werden wissen, dass Georg Philipp Telemann ein durchaus bedeutender Opernkomponist gewesen ist und an die 70 Opern komponiert hat. Telemanns Opernschaffen ist allerdings weithin unbekannt, wahrscheinlich auch deswegen, weil von seinen Opern gerade einmal acht erhalten sind, und unter diesen acht gibt es lediglich eine Opera seria, jenen 'Flavius Bertaridus', der in einer Koproduktion mit der Hamburger Staatsoper von den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik  2011 in einer begeistert gefeierten Produktion aufgeführt worden ist.

Der Sturz des Tyrannen

Die Handlung ist, wie oft bei Barockopern, komplex und lässt viel Raum für wechselnde Affekte. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Titelfigur Flavius. Er ist der rechtmäßige König der Langobarden, wurde aber vom Diktator und Tyrannen Grimoaldus in einer Schlacht besiegt und ins Exil verbannt. Die Oper zeigt uns, wie er sich gegen den grausamen Machtmenschen, der nur seinen Trieben lebt, durchsetzen kann und wieder den Thron zurückgewinnt. Mit diesem Handlungsstrang ist die Geschichte der Schwester von Flavius, Flavia, verbunden, die Grimoaldus heiraten musste und am Ende der Oper, nachdem Grimoaldus gestorben (bzw. in  der Innsbrucker Version ermordet worden) ist, keine neue Freiheit gewinnt, sondern einen neuen Ehemann, den sie nicht liebt, heiraten muss: den brutalen General Orontes. Ein dritter Handlungsstrang rankt sich um Rodelinda, die Frau des Flavius, die zunächst mit ihrem Sohn von Grimoaldus in den Kerker geworfen wurde, aus diesem aber entflieht, sich auf die Suche nach ihrem Mann macht, ihn erst nach Aufklärung einiger Missverständnisse erkennt und mit ihm am Ende der Oper gemeinsam den Thron besteigt.

Telemann ist anders

Telemanns Oper hat einige Besonderheiten, durch die sie sich nicht unerheblich von anderen Barockopern, etwa denen Händels, unterscheidet: So sind beispielsweise alle Rezitative und einige der Arien in deutscher Sprache komponiert, wobei die Rezitative oft mehr schlecht als recht gereimt worden sind. Dazu muss man wissen, dass Telemann sich seine Libretti häufig aus Venedig besorgte und sie dann für seine Bedürfnisse umarbeitete. Nur bei den besonders affektvollen Arien hielt Telemann am italienischen Original fest – offenbar aus dem Gefühl heraus, dass sich das Italienisch doch besser als die deutsche Sprache für einen intensiven Gefühlsausdruck eignet. Am Libretto des 'Flavius Bertaridus' hat Telemann mit Christoph Gottlieb Wend gemeinsam unter Hochdruck gearbeitet, und die Eile merkt man der mangelnden literarischen Qualität des Textes deutlich an.

Eine zweite Besonderheit der Oper liegt in der Orchestrierung. An der Oper am Gänsemarkt in Hamburg, in der 'Flavius' 1729 uraufgeführt wurde, gab es ein großes Holz- und Blechbläserensemble und nur wenige Streicher. Als Alessandro De Marchi, der umjubelte musikalische Leiter der Produktion, vor der Aufgabe stand, die nur notdürftig festgelegte Partitur, die außer der Singstimme und dem Generalbass oft nur die Hauptbegleitungsstimmen des Orchesters ohne Instrumentenangabe enthält, zu orchestrieren, hat er die Möglichkeiten einer großen Bläserbesetzung voll ausgenutzt. Herausgekommen ist ein unglaublich packendes und vielfältiges Klangbild, das von dem Orchester der Academia Montis Regalis prachtvoll ausgebreitet wird. Ferner weisen die Arien formal eine deutlich größere Vielfalt auf, als es in Barockopern sonst üblich ist. Viele Arien sind für die Stimme und ein Soloinstrument geschrieben, so dass allein dadurch schon unterschiedliche Stimmungen entstehen. Insgesamt fällt auf, dass die Partitur an vielen Stellen dicht gearbeitet ist. Telemann arbeitet motivisch kompakter und deutlich kontrapunktischer als seine zeitgenössischen Opernkollegen.

Phantasievolle, detaillierte Regie

Für die Regie des Stückes zeichnet Jens-Daniel Herzog, ein Schüler Dieter Dorns, verantwortlich. Herzog verlegt die Handlung irgendwann in das 20. Jahrhundert. Die Bühne besteht im Wesentlichen aus sechs verschiebbaren Wänden, so dass schnell unterschiedliche Räume entstehen können. Die Handlung spielt entweder in den Räumen eines bereits leicht heruntergekommenen Palastes, in dem man üppige Feste feiert, oder in Kontrast dazu auf tristen Plätzen, die man mit Einsamkeit, Heimatlosigkeit und Warten assoziieren kann: eine Bahnhofshalle, eine Art Bushaltestelle usw. Dabei schreckt Herzog vor wirklich brutalen Bildern zurück. Grimoaldus bleibt bei Herzog eher eine Karikatur eines Tyrannen, und selbst dann, wenn der Diktator aus reiner Freude auf einer seiner Feiern erst einmal einen Gefangenen abknallt, wirkt das nicht wirklich gefährlich. Die Stärke Herzogs liegt in einer ausgefeilten psychologischen Darstellung der Figuren, die bis in die Nebenrollen hinein ausgesprochen intensiv spielen. Besonders berührend ist seine Behandlung der beiden Kinder der Oper: Cunibert, der Sohn von Flavius und Rodelinda, für den Telemann einige der schönsten Arien geschrieben hat, die von Katerina Tretyakova auch mit klarem, ausdrucksstarkem Sopran gesungen werden, hadert mit seinem Vater und versucht, einen Platz für sich in der Gesellschaft zu finden. Regimbert, der Sohn von Grimoaldus und Flavia, von Mélissa Petit intensiv gespielt und mit glockenreiner Stimme gesungen, nimmt bedrohlich die Züge seines Vaters an und phantasiert am Ende der Oper den eigentlich ermordeten Tyrannen als Geist in der neuen Welt von Flavius. Die Inszenierung ist handwerklich ausgesprochen gut gemacht, es gibt viel zu sehen, und die knappen fünf Stunden vergehen wie im Flug - auch wenn wirklich neues und innovatives Theater auf der Bühne nicht stattfindet, weil sich Herzog ästhetisch stark in den Bahnen und Konventionen des Regietheaters der letzten zwanzig Jahre bewegt.

Große Damen, nicht so große Herren

Gesungen wurde größtenteils sehr gut. Rundherum überzeugen konnte vor allem Maite Beaumont in der Titelpartie. Mit ihrer ebenso energievollen und warmen wie diszipliniert und genau geführten Stimme ist sie sowohl den anspruchsvollen Koloraturen als auch den eher elegischen Stücken im Ausdruck gleichermaßen gewachsen. Auch die beiden anderen großen Frauenrollen waren gut besetzt: Nina Bernsteiner gibt eine kämpferische Rodelinda, deren Stimme man an manchen Stellen noch etwas mehr Durchschlagskraft gewünscht hätte. Ann-Beth Solvang hat in der Rolle der Flavia vielleicht die schwierigste Partie zu bewältigen, da ihre großen und dramatischen Arien sehr unterschiedlichen Ausdruck verlangen. Von glühendem Haß bis zur stillen Sehnsucht (und bei Herzog auch einem Koksrausch, den er zur Nachtigallenarie im zweiten Akt sinnfällig inszeniert) gelingt es ihr, mit ihrer warmen, kraftvollen Stimme die geforderten Affekte angemessen auszudrücken. Die Männer fielen gegenüber den Damen teilweise deutlich ab. Antonio Abete verfügte als Grimoaldus zwar über einen sonoren Bass, aber seine Koloraturen klangen abgehackt und unschön – indes für die Charakterisierung eines etwas eindimensional geratenen Tyrannen auch passend. David QD Lee sang mit klarer Counterstimme, allerdings im dritten Akt auch mit ein wenig Mühe in den Höhen die Partie des Onulfus. Jürgen Sacher steigerte sich als Orontes von Akt zu Akt; sein Tenor war allerdings durchweg wenig flexibel im Ausdruck und wies ein unschönes, starkes Vibrato auf.

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Kritik von Prof. Dr. Michael Bordt

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Telemann: Flavius Bertaridus: Festwochen der Alten Musik in Innsbruck

Ort: Tiroler Landestheater (TLT),

Werke von: Georg Philipp Telemann

Mitwirkende: Jens-Daniel Herzog (Regie), Jürgen Sacher (Solist Gesang), David Lee (Solist Gesang), Antonio Abete (Solist Gesang), Maite Beaumont (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Innsbrucker Festwochen

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