> > > > > 25.06.2005
Dienstag, 25. Februar 2020

Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festivals

Faust Variationen

Ein Gewitter als Ouvertüre. Passender konnte die Eröffnung des RMFs im Kloster Eberbach nicht inszeniert werden. Das Motto des Konzerts war der Faust-Mythos. Nachdem Goethe zwischen 1825 und 1831 in fast täglicher Arbeit Faust II vollendet hatte, entstanden viele Vertonungen. Das Prinzip Himmel und Hölle in der menschlichen Existenz faszinierte so manchen Komponisten, doch ist die Geschichte von Faust und dessen Pakt mit dem Teufel auch heute immer noch eine Kernfrage der menschlichen Existenz, somit war dieses Eröffnungskonzert und seine Thematik eine sehr spannende Angelegenheit.

Hugh Wolff und sein Orchester hatten Werke von Richard Wagner, Hector Berlioz und Franz Liszt auf das Programm gesetzt. Das war eine gute Wahl, denn diese drei Komponisten kann man ungeniert auch Brüder um Geiste der Musik bezeichnen. Zum Auftakt: Richard Wagners Faust-Ouvertüre d-Moll. Vom Orchester des Hessischen Rundfunks sehr gut interpretiert, ist diese Komposition doch für viele Konzertbesucher ein Novum und daher entsprechend fremd im Ohr. Von Richard Wagner 1839 in Paris konzipiert, wurde das Werk erst 1855 auf Drängen Franz Liszts veröffentlicht. Es zeigt ein düsteres Stimmungsbild, das ganz auf die seelische Zerrissenheit Fausts ausgerichtet ist, aber auch Wotan steht hier schon im Raum. Dann die Arie "Le vieil hiver" aus "La Damnation de Faust" von Hector Berlioz, von dem Tenor Thomas Moser sehr schön gesungen. Mit dem "Marche Hongroise" begeisterte Hugh Wolff und sein Orchester dann endgültig das Publikum und entließ es gutgelaunt in die Pause.

Danach wurde es philosophischer. Franz Liszt und seine Faust-Sinfonie, von ihm selbst einmal als zu lang geratenes Unding bezeichnet, wurden zum eigentlichen Höhepunkt des Konzerts. So habe ich dieses Werk noch nie gehört. Hugh Wolff schien ganz in der Partitur aufzugehen und leitete sein Orchester mit einer selten erlebten Intensität. Das Sinfonie Orchester des HR und sein Dirigent musizierten dieses enorm schwierige Werk wie auf einem Atem und keine einzige Note war da zuviel. Die drei Teile, Faust, Gretchen und Mephisto mit dem Schlusschor Mysticus nach Goethe, machten verständlich, warum Liszt seine Werke als symphonische Dichtungen bezeichnete. Wie zukunftsweisend Liszts Genialität ist, lässt im Besonderen der dritte Satz erkennen, etwas verzerrt erklingen hier wieder Elemente des ersten Satzes (Faust) an, in einer sehr aktuellen tonalen Modernität. Ein Anfangsthema im ersten Satz wird auch gern als erstes Zwölftonthema der Musikgeschichte bezeichnet. Wie ein roter Faden durchläuft als Leitmotiv eine Erlösungsmusik durch alle drei Sätze und bringt somit das Gehörte immer wieder auf den Punkt. Der dritte Satz endet dann mit dem Chorsatz nach Goethe "Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis". Grandios homogen hier der Männerchor des Tschechischen Philharmonischen Chors Brno und dann wieder Thomas Moser mit einer reinen hellen Tenorstimme und der schier endlos schwingenden Höhe.

Hugh Wolff, Chefdirigent des HR Orchesters seit 1997, wird nach der Saison 2005/2006 Frankfurt verlassen. Was dies für das Orchester bedeuten wird, ist heute noch nicht absehbar. Sein Nachfolger - Paavo Järvi - wird es sehr schwer haben. Wolffs Amtszeit stand unter dem Motto Flexibilität und Vielfalt, das Repertoire des Orchesters wurde systematisch erweitert, von Barock bis hin zur Moderne. Das Universaltalent Wolff ist auch ein sehr guter Orchestererzieher, denn die Einheit, die man beim Zusammenspiel seines Klangkörpers erleben konnte, ist keine Normalität im gegenwärtigen Konzertbetrieb. Es bleibt sehr zu hoffen, dass Hugh Wolff dem Orchester als Gastdirigent verbunden bleibt.

Das Rheingau Musik Festival mit seinen 146 Konzerte, die noch bis zum 31.8. zu erleben sind, ist ein Festival der Superlative, das nur 0,4% seines Etats mit öffentlichen Geldern finanziert. Der Etat von knapp 6,3 Millionen Euro wird zur Hälfte von Sponsorengeldern ausgeglichen, was eigentlich belegt, das auch in Zeiten knapper Kassen, Kultur nicht an allerletzter Stelle zu stehen braucht. Trotz dieser gigantischen Zahlen und einem Programm, das manchmal an einen Supermarkt der Klassik erinnert, hat sich das Festival einen intimen und volkstümlichen Touch bewahrt, den es auf jeden Fall zu pflegen gilt. Allerdings ist zu überlegen, ob eine gezieltere Werkinformation nicht angebracht wäre, denn der Applaus, der urplötzlich nach dem zweiten Satz der Faust-Sinfonie erklang, wirkte recht störend, zumal es sich auch um eine TV-Liveübertragung handelte. Trotzdem war es ein selten gelungener Konzertabend, der vom Publikum mit großem Applaus belohnt wurde.

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Kritik von Midou Grossmann



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Eröffnungskonzert des Rheingau Musik Festival:

Ort: Kloster Eberbach,

Werke von: Richard Wagner, Hector Berlioz, Franz Liszt

Mitwirkende: Hugh Wolff (Dirigent), Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks (Orchester), Thomas Moser (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Rheingau Musik Festival

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