> > > > > 03.06.2005
Samstag, 18. August 2018

Georg Friedrich Händel

Überflüssige Händelproduktion in Halle

Langweiliges Langobardien

Vor kurzem im Interview gefragt, warum er nun ausgerechnet Händels ‘Rodelinda’ in Halle bei den Händelfestspielen inszeniere, antwortete der Regisseur Peer Boysen: ‘Man hat mich eben gefragt, ob ich das machen wollte. Und diese Oper ist total schön, es gibt super Musik und sagenhafte Arien’. - Eine total coole Antwort, finden Sie nicht auch? Sie spiegelt Boysens Durchdringung von Händels dreiaktigem ‚Dramma per musica’, so wie sie sich nach der Premiere dem Publikum darstellt, bestens wider.

Ohne Dramatik, ohne Sinn

Es soll ja Menschen geben, die Oper per se nicht so ‘super’ finden, die denken, das sind langweilige Abende, an denen irgendwelche singenden Menschen Arme reckend an der Bühnenrampe stehen und eine Arie nach der anderen trällern. Für sie ist die neue ‘Rodelinda’ in Halles Opernhaus eine Bestätigung. Und würde diese Kritik soweit in die Aufführung eindringen, wie Peer Boysen in Personalunion als Ausstatter und Regisseur in Händels ‘Rodelinda, Regina de’ Langobardi’ eingedrungen ist, so müsste sie jetzt zu Ende sein.

Gut drei Viertel des Abends stehen die Sänger in der Mitte vorne an der Rampe und singen einfach ins Publikum. Den Rest stehen sie irgendwo auf der Drehbühne mit runder Treppenpyramide und singen vor sich hin. Inszenatorische Hilflosigkeit, von der man den ganzen Abend über hofft, dass sie sich doch noch erklärt, vielleicht in einer genialen Wendung zum Schluss? Doch nichts davon, statt dessen ein Schmierentheater-Schluss übelster Sorte: So werden Bösewichter im Schülertheater abgestochen, so werden ebendort Vergebungsszenen gespielt. Von Interaktion weit und breit nichts zu sehen, von Standardoperngesten aus Opas Opernmottenkiste jede Menge. Da reißt Rodelinda die Arme in die Höhe und sinkt ohnmächtig zu Boden, wie es nur Opernsänger können; da ist es schon ein Höhepunkt der intellektuellen Durchdringung, wenn mal nebenbei ein Partie Schach auf der Bühne gespielt wird, um zu zeigen, dass es in diesem Werk unter anderem auch um Machtstrategien geht. Doch weder ein Staatsdrama noch wenigstens eine Barock-Soap sieht man. Ob die schwachsinnigen Übertitel, die nicht den gesungenen Texte übersetzen, sondern mit Einblendungen wie 'Trug', 'Verzweiflung' und ähnlichen ,Erklärungen' mehr das kompensieren sollten? Schon bei seiner kläglich gescheiterten Dresdner ‘Italiana in Algeri’ von Rossini hatte Peer Boysen die Übertitel erfolglos für peinlich-dümmliche Gags benutzt. Und warum ist niemand eingeschritten und hat Boysens gesagt, dass seine inzwischen unvermeidliche Schauspielerin Barbara de Koy mit ihren hinzuerfundenen deutschen Texten die Musik und die Stückarchitektur stört?

So viel Langeweile war selten, soviel inszenatorischer Dilettantismus noch weniger. Peer Boysen bleibt sich treu: Wenn er eine Inszenierung in den Sand setzt, dann aber gewaltig! Da nützt es nichts, große Teile einer seiner früheren Händel-Inszenierungen (dem Karlsruher ‘Giustino’) zu kopieren, da nützen auch die bunten, historisierenden Kostüme, die aussehen als wären sie für eine ‘Prinz Eisenherz’-Verfilmung entworfen, nichts; und da nützt auch der in Barockopern ach-so-modische Bewegungschor nicht (der hier unmotiviert und unpräzise schlichtweg Blödsinn zappelt und tanzt; Choreographie: Ralf Rossa). Fast vier Stunden Rampentheater ohne Thema, ohne These, ohne Temperament sind auch für hartgesottene Händelfans nur schwer zu ertragen. Buhs gab es nach dem ersten Akt, nach den Pausen jeweils auffallend viele freie Plätze, am Schluss (im Wortsinn) müden Applaus.

Stadttheaterroutine statt Festspielglanz

Musikalisch kam der Abend über gediegenes Mittelmaß nicht hinaus. Lichtblick war Kai Wessel als vertriebener Langobardenkönig Bertarido, der mit beweglichem Countertenor und einem gewissen Ausdruckspotential wenigstens Stilempfinden mit einbrachte und ahnen lies, wie Händels Arien phrasiert und verziert werden müssen, um ihre Wirkung zu entfalten. Verdientermaßen gebührte ihm der meiste Beifall. Relativ viel Beifall erhielt auch der langjährige Hallenser Publikumsliebling Romelia Lichtenstein in der Titelrolle, die zwar schönes Stimmmaterial mitbringt, jedoch auch wenige Variationsmöglichkeiten im Ausdruck und technische Probleme in der Höhe. Immerhin hat sich in den letzten Jahren ihre Intonationssicherheit merklich verbessert. Michael Smallwood als Grimoaldo, Urike Schneider als Eudige und Raimund Nolte als Garibaldo sangen ordentlich, jedoch ohne ihren Charakteren eine eigene Persönlichkeit geben zu können oder gar wirkliche Funken der Virtuosität zu entzünden; wieso sie in ihren Arien da-capo-Teile haben, konnten sie vokal ebenso wenig begründen, wie Romelia Lichtenstein. Für Artur Stefanowicz als Unulfo, dem zweiten Countertenor des Abends, hätte man sich gerne eine dankbarere Partie gewünscht, denn er alleine konnte an das Niveau von Kai Wessel anknüpfen.

Aus dem Graben gab es jede Menge Schönklang vom Händelfestspielorchester, das unter Shooting-Star Michael Hofstetter auf historischen Instrumenten musizierte, wirkliche Akzente oder gar Höhepunkte fehlten allerdings. Zu monoton war das auf Dauer, nach dem immer gleichen Schema dirigiert, mit breiten Tempi, wenig Agogik und noch weniger klanglichen Überraschungen, mit überpräsentem Cembalo und wenig Sinn für die Pointen der Gegenstimmen. Bereits am nächsten Abend eröffnete Hofstetter die von ihm mitgeleiteten Ludwigsburger Schlossfestspiele - ob das nicht etwas viel ist?

Deutlich muss das Urteil ausfallen, da die Händelfestspiele Halle in den letzten Jahren kontinuierlich im Niveau sanken: Alles in allem ein blasser Händelabend, überflüssig und nicht empfehlenswert. – Sich auf die Hallenser Händel-Tradition, die einem von allen Ecken auf Plakaten, Flyern, aus Programmheftbeiträgen, Pressemeldungen etc. entgegenspringt, zu berufen, genügt nicht. Szenisch das nachzumachen, was andernorts bereits etliche Male (schon besser) praktiziert wurde, auch nicht.

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Kritik von Uwe Schneider



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G. F. Händel: Rodelinda: Insz.: P. Boysen, Leitung: M. Hofstetter

Ort: Opernhaus,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Michael Hofstetter (Dirigent), Artur Stefanowicz (Solist Gesang), Raimund Nolte (Solist Gesang), Ulrike Schneider (Solist Gesang)

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Detailinformationen zum Veranstalter Händel-Festspiele Halle

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