> > > > > 11.06.2011
Freitag, 19. August 2022

'Calandro' in der Reihe "Junge Barockoper"

Rock im Barock?

Die Barockmöbel im Gartensalon des Schlossgartens Sanssouci sind umgekippt, Moospolster wuchern. Wunderbar signalisiert schon das Bühnenbild das Konzept der "Jungen Barockoper Sanssouci" zum Auftakt der Potsdamer Musikfestspiele 2011. Gegen den Strich soll alles gebürstet sein, schmissig, originell, jung und frech, verständlich und heutig. Das Konzept geht auf. Unter der Regie von Hendrik Müller und der musikalischen Gestaltung von Olof Bomann rockt Giovanni Alberto Ristoris barocke Commedie per musica 'Calandro' aus dem Jahre 1726 regelrecht ab.

Das kleine Orchester mit Theorbe, Traversflöte, Horn, Cembalo , Bass und Streichern integriert die Regie zuweilen ins Spiel, kommt  aber auch im Gartensalon hinter der eingewachsenen Bühne akustisch brillant zur Wirkung. Auch ohne Monitoren und Mikrophone klappen Einsätze perfekt. Barocker Wohlklang entwickelt sich  in rasantem Tempo, frivoler Fröhlichkeit kombiniert mit burlesker Spielweise und halbstark-jugendlicher Optik zu einer amüsanten Oper, die das überdrehte Libretto, ein Hirten-Irr-Verwirrspiel in seiner abstrusen Unlogik vergessen lässt, stattdessen auf das ungewöhnliche Talent der Akteure fokussiert.

Mit commedia-dell'arte-mäßiger Übertreibung arbeitet Regisseur Müller den Kulturpessimismus des Philosophen Calandro und die unerträgliche Dummheit  der Akteure heraus - und damit gleichzeitig die zeitlosen Dummheiten der Menschen. Wenig hat sich verändert in den letzten 300 Jahren. Die Flucht in die Idylle der Natur hilft wenig, wenn der Mensch selbst sich nicht ändert.

Mit entwaffnendem Charme, burlesker Ironie und einer wunderbar tragenden Stimme wird Maria Sanner als Clizia, der einzigen Frauenrolle, zum Mittelpunkt der überdrehten Männerwelt. Als Licisco, Clizias Verlobter, und Nearco, in Clizia verliebter Hirte, liefern sich die Countertenöre Roland Schneider und Daniel Carlson heiße Gefechte. Unbeschwert, leichtlebig agiert Licisco in allen Lebenslagen: pitschnass, eben brachialisch eingetaucht in den Wassertümpel, fast ertränkt, wenn es dramaturgisch sein muss kopfüber im Handstand. David Szigetvári setzt als lebensferner intellektueller Alceste humoristische Akzente und Sebastian Reich wird in der stummen Rolle des Bären als transvestitische Geliebte malträtiert. - Rundherum eine liebenswürdig schmissig inszenierte und intonierte Opernüberraschung im kleinen Format.

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Kritik von Michaela Schabel

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Potsdamer Musikfestspiele: Ristori: 'Calandro'

Ort: Sanssouci,

Werke von: Giovanni Alberto Ristori

Mitwirkende: Hendrik Müller (Regie)

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Detailinformationen zum Veranstalter Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

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