> > > > > 17.05.2005
Sonntag, 29. Mai 2022

Die Dresdner Musikfestspiele 2005

Pure Lust und tiefer Glaube

Im Jahr 2003 hatten sich die Dresdner Musikfestspiele (Intendant: Hartmut Haenchen) zum größten deutschen klassischen Musikfestival gemausert. Und noch immer funktionieren sie nach speziellen Mechanismen: Der Termin liegt relativ früh im Sommer (2006, zum 800-jährigen Stadtjubiläum, beginnt es am 25. Mai), es ist eher cool und spontan (es gibt spezielle Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche, und jede zweite Karte wird erst während der Festspiele verkauft), und auch die Auswahl der Künstler unterliegt eigenen Regeln: Jährlich erhalten zwei Künstler / Ensembles eine sogenannte ‘Carte blanche’, was sie sozusagen für zwei Wochen zu ‘Artists in Residence’ macht - sie sind es, die viele Konzerte des Veranstaltungsmarathons entscheidend prägen. Eine ausgewogene Mischung an lokalen Themen (Dresdner Hofkapellmeister, Wagner in Dresden, Orgeln in Sachsen o.ä.) wird mit internationalen Top-Stars (dieses Jahr: Anne Sofie von Otter, das Kronos Quartet, Ann Murray, Ofelia Sala, das Philharmonia Quartett Berlin und viele andere) in einen Topf gegeben, ein bisschen angeköchelt und sächsisch gewürzt: Heraus kommt ein publikumsnahes, vielfältiges und bekömmliches Festival, unter anderem mit den inzwischen legendären Mitsingkonzerten vor der wunderbaren Canaletto-Kulisse. Klavier-Hero mit Carte Blanche

Highlights in diesem Jahr waren die vielen ausverkauften Konzerte mit dem Carte-blanche-Pianisten Peter Rösel, einem lokalen Helden mit Weltruhm. Rösel, der am 13. Februar sechzig Jahre alt wurde, ist der erste deutsche Preisträger des renommierten Moskauer Tschaikowski-Wettbewerbes; im Laufe seiner Karriere hat er allein mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur über zweihundert Mal auf internationalen Bühnen gespielt. Zu den Festspielen präsentierte er ein stolzes Programm, das zum Beispiel sämtliche Klavierkonzerte Beethovens, aber auch Recitals mit Brahms, Debussy oder Bach enthielt. Rösels kräftiger, bisweilen verspielt perlender Ton, seine immer prägnante Artikulation und seine Sicherheit in Stilfragen begeisterten die Zuhörer in jedem Konzert aufs Neue; tumultartiger stehender Ovationen in der Dresdner Semperoper können sich wahrlich nicht viele Künstler erfreuen. Bei alldem ist Rösel für seine bescheidene Art bekannt, die sich so angenehm vom sonst üblichen Starkult um pianistische Jungstars abhebt.

Setzt der Wanderer sich zur Ruhe?

Ein zweiter Sohn der Stadt, der Tenor Peter Schreier, gab ein ebenfalls ausverkauftes Konzert im Schauspielhaus. Auf dem Programm: ‘Die Winterreise’, ein Zyklus, den Schreier immer wieder gesungen und auch aufgenommen hat (unter anderem vor zwanzig Jahren gemeinsam mit Svjatoslav Richter in der nahen Semperoper). Nun darf man spekulieren, ob das sehr bewegende Konzert sein Abschied von der Kammermusikbühne war, nachdem der Ausnahmesänger vor fünf Jahren bereits seinen letzten Evangelisten gesungen hatte? Wenn ja, dann hätte Peter Schreier einen guten Zeitpunkt gewählt: Was seiner Stimme inzwischen an Intensität fehlt, machte der Sänger noch immer mit einer lebendigen Singekunst, sprachlich kluger Ausdeutung und lebendiger Linienführung wett; aber die zunehmende Erschöpfung war ihm doch anzumerken. Camillo Radicke, das soll hier nur kurz erwähnt werden, ist dabei auf dem besten Wege, ein vielseitiger und selbstbewusster Liedbegleiter zu werden, der sich nie dem Sänger anbiedert, immer seinen eigenen Weg, seine eigene Interpretation findet und sich dabei doch innerlich eins mit seinem ‘Partner in Crime’ weiß. So entstehen denkwürdige Interpretationen; auch hier dankbare, stehende Ovationen für einen Sänger, der nach einer weiteren Schubert-Zugabe (‘Über allen Wipfeln ist Ruh'‘) bewegt lächelte - und mit einem letzten Winken hinter der Bühne verschwand.

Wer war eigentlich Johann Georg Pisendel?

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten ein musikwissenschaftliches Symposium und drei Konzerte, die sich mit den Werken Johann Georg Pisendels beschäftigten. Musica Antiqua Köln und das Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach unter Hartmut Haenchen interpretierten da auf ganz verschiedene Art die Werke Pisendels, der Hofkapellmeister der kursächsichen Kapelle und damals ein Künstler europäischen Rangs war: Vivaldi widmete ihm Konzerte, ebenso wie Telemann oder Fasch, und auch seine Schüler Graun, Quantz oder Benda kündeten von seinem Ruhm.

Weihrauchgeschwängertes BigBand-Spektakel polarisiert zuletzt das Publikum

Mit einem absoluten Kracher endeten die diesjährigen Festspiele: Einer Neuschöpfung des ‘Messias’, der in der Mozartschen Bearbeitung bereits zum Eröffnungskonzert erklungen war. Drei Komponisten hatten es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, das Händelsche Werk, das ja bereits mehrmals neu arrangiert wurde (letztmalig 1992 von Qincy Jones zu ‘A Soulful Celebration’) noch einmal gänzlich neu zu überdenken und für die Jugend attraktiver zu machen. Wenigstens das mißlang gründlich - heraus kam eher eine hybride BigBand-Nummernrevue mit Filmmusikeinsprengseln, die noch dazu etwas fade nach christlicher Popmusik roch. Das Publikum jedoch raste, klatschte mit, jubelte über den Gaudi, den über neunzig Mitwirkende (u.a. der berühmte Dresdner Kreuzchor unter seinem Kantor Roderich Kreile, die BigBand des Hessischen Rundfunks, das Ensemble Amarcord u.a.) da in der Dresdner Kreuzkirche unter pulsierenden Lichtblitzen zelebrierten. Mit größerem Pomp und Circumstances hätte das Werk eigentlich nicht eingeführt werden können (Uraufführung: einen Tag zuvor in Hannover anlässlich des evangelischen Kirchentages), aber ob der Bearbeitung ein langes Leben beschert ist, bleibt mithin abzuwarten.

Ausblick: ‘Glauben’ im nächsten Jahr

Die ‘Lust am Fremden’, der sich die Festspiele dieses Jahr gewidmet haben, und die die Besucher mal mehr, mal weniger an den Tag legten (die durchschnittliche Auslastung der Konzerte sank dieses Jahr noch einmal, auf 56%), weicht nun dem ‘Glauben’: an Gott, an die gute Sache, an die Beibehaltung der städtischen Förderung der Festspiele vielleicht. Gianna Nannini trifft dann auf Nicolaus Harnoncourt, Sir Simon Rattle und Emma Kirkby sind ebenfalls mit dabei. Wenn Sie die Dresdner Musikfestspiele einmal kennenlernen wollen: 2006 wäre ein gutes Jahr dafür. Die weitere Zukunft der Festspiele darüber hinaus ist ungesichert, Dresden leistet sich lieber eine teure Brücke. Aber das wäre ein anderes Thema.

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Kritik von Martin Morgenstern



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Dresdner Musikfestspiele 2005: Ein Rückblick

Ort: Kongreßzentrum,

Werke von: Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Claude Debussy, Johann Sebastian Bach, Robert Schubert, Johann Georg Pisendel, Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Wolfgang Amadeus Mozart (Bearbeitung), Dresdner Kreuzchor (Chor), Roderich Kreile (Dirigent), Hartmut Haenchen (Dirigent), Hartmut Haenchen (Inszenierung), Kammerorchester Carl P. Emanuel Bach (Orchester), Musica Antiqua Köln (Orchester), Peter Schreier (Solist Gesang), Ann Murray (Solist Gesang), Anne-Sophie von Otter (Solist Gesang), Camillo Radicke (Solist Instr.), Peter Rösel (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Dresdner Musikfestspiele

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