> > > > > 20.05.2011
Donnerstag, 21. November 2019

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, Copyright: Christian Nielinger

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, © Christian Nielinger

Drei Sprachreflexe im Berliner Konzerthaus

Poesie des Maßlosen

Die drei Werke, die am gestrigen Abend im Berliner Konzerthaus ein spannendes und wunderbar balanciertes Programm formten, stellen drei verschiedene Reflexe auf Dichtungen dar. Anton Weberns 'Im Sommerwind' leiht Titel und Stimmung von einem Naturgedicht Bruno Willes, Peter Ruzickas '...Inseln, randlos...' schließt in sich um einen rätselhaften Kern aus Lyrik Paul Celans, und schließlich mündet Gustav Mahlers Vierte Symphonie in G-Dur in der liedhaften Divination eines Textes aus 'Des Knaben Wunderhorn'. In dieser Reihfolge gegeben ergab das Programm zudem eine idyllische Klammer. Das Konzerthausorchester wurde an diesem Abend von Peter Ruzicka selbst geleitet.

Weberns 'Im Sommerwind' beginnt weich und leise, wie aus dem Nichts heraus, unmerklich, wie an jedem Morgenhimmel aus dem Schwarz Blau wird. Mit diesem Gestus war ein weiterer für den Abend programmatischer Punkt berührt: das Maßlose, Randlose, Verschwenderische. Oder um noch einen weiteren Dichter, Friedrich Hölderlin, herbeizuziehen: "Giebt es auf Erden ein Maaß? Es giebt keines."

Ruzicka zeigte in Weberns Frühwerk (bereits 1904 entstanden, aber erst 1962, lange nach dem Tod des Komponisten uraufgeführt) eine späteste Romantik, voll schwelgerischer Gesten, eine süße Spätzeitstimmung, die die Augen vor der Endzeit noch verschließt. Nur zuweilen, wenn das Schroffe und Kantige der abbrechenden Melodielinien betont wurde, ahnte man in dem Werk eine Gärung, die Rauschmittel ganz anderer Art entstehen lässt als die romantischen. Eine utopische Hoffnung ist in dem Werk, die sich doch bricht, dem Gedicht folgend, in dem es etwa heißt: "Dazwischen glühn / Mohnblumen flammenrot, / Dunkelblaue Cyanen. / Doch droben wallen / Durch lichtes Blau / Wolkenballen, / Gebirgen gleich, / Halb golden und halb grau. / Und eia, schau, / Frau Sonne spreitet / Den Strahlenfächer von Silberseide / kokett hernieder." Die Reserve aus Trostlosigkeit, die aus solcher Brechung spricht, fand wenig Eingang in die Musik: aber der Aufschwung der Erlösungshoffnung gab einen sinnlichen Bombast ab, mit dem das Orchester beeindrucken konnte. Das Timing und das Spiel der Holzbläser war auf gewohnt höchstem Niveau. Als am Ende die Musik langsam wieder zurück in die Stille sickerte, dachte man tatsächlich: Das Werk atmet aus.

Peter Ruzickas Violinkonzert '...Inseln, randlos...' entstand 1995 im Auftrag des DSO. Der Geiger der Uraufführung 1997 war Christian Tetzlaff. Den Solopart übernahm an diesem Abend nun Carolin Widmann, mit schlichtweg bravouröser Intensität. Das Stück für Solist, großes Orchester und einen kleinen Chor, der als gespenstischer Klangwert eingesetzt wird und nur einmal (dadurch noch gespenstischer) sechs celan’sche Verse singt, folgt einer Dramaturgie des Wechsels von leisen, reduzierten Flächen und aufkochenden, plötzlichen Eruptionen. Carolin Widmann gab dieser alternierenden Formidee (die zwar auf Überraschung angelegt ist, aber sich unversehens verflüchtigt) eine innere Spannung. Auch dieses Werk beginnt wie aus dem Nichts heraus, und von den ersten langen Klagetönen in höchsten Lagen an war da ein erschütternder Unterstrom von Zorn. Widmann gestaltete Bögen auch in die einzelnen, stählern glänzenden Töne hinein, und trug so Entscheidendes zur Stimmung bei. Diese war katastrophisch, so orientierungsdürstend wie schwankungslüstern, bereits vom Titel an, wo die Insel maßlos wird, ununterscheidbar zwischen Wellenbergen. Den immer wieder aufwallenden, leicht übergroßen Pathosgesten gab Widmann die schlanke Form einer gewaltigen Protuberanz zurück, und mehr und mehr bekam man den Eindruck, dass die leisen, glatten Plateaus zwischen den Ausbrüchen nicht Ruhe sind, sondern das Glitzern frischer Bruchkanten. In den überlangsamen Kantilenen artikulierte sich ein unsäglicher Schmerz, ohne fixierbaren Rand, ein tiefsitzender Entzündungsherd, ausgefranst und haltlos im Zentrum dieses auf Celan aufgebauten Großtableaus.

Solistin in Mahlers Vierter war Marlis Petersen, die die wunderbare Vertonung des wunderbaren Textes im vierten Satz – gewiss: wunderbar sang. ('Des Knaben Wundhorn', das klingt stets so gediegen, aber das Gedicht 'Wir genießen die himmlischen Freuden' ist eine Monstrosität, ganz nach der Art des benachbarten Gedichtes 'Letzter Zweck aller Krüppelei'. Wie hier karnevaleske Schlaraffenlandmotive in die Paradiesbeschreibung einfließen, ist schlichtweg grotesk. Aus der Sehnsucht aus dem hungrigen, leidigen Diesseits heraus entsteht nicht die Vision eines körperlosen Jenseits, sondern die einer Verkehrten Welt. Wenn hier eine Frömmigkeit artikuliert wird, dann keine, die umstandslos im Katholizismus aufgeht. Die ganze religiöse Lyrik des Clemens Demens Brentano müsste neu gelesen werden.)

Mit Mahler schloss sich die versöhnliche, idyllische Klammer. Elegant, federnd, unbeschwert bewegte sich der erste Satz mit schwungvollem, aber nicht zu eiligem Tempo auf seine langsame, zwischenzeitliche Verdüsterung zu. Das Orchester fand hier zu einem Wohlklang und einer Balance in der Fülle, runder als noch bei Webern. Die schelmische Temposchwankung am Ende des ersten Satzes gelang weich und völlig organisch. Das Aufbrausen aus der ruhigen Fläche, in der die Fanfare schließlich wieder zurücksinkt, gestaltete im dritten Satz Ruzicka ausgiebig und extrem, sichtlich mit Genuss und Familienähnlichkeit. Marlis Petersen schließlich sorgte für den Schlusspunkt als Höhepunkt. Unprätentiös, mit völlig klar artikuliertem Text und ohne große Schwelgerei strahlte das Lied zum Beschluss eine Reinheit aus, die genauso selig wie buffonesk war. Der seltsame sakrale Witz dieses Schlusses war hier bestens aufgehoben und konnte als Maßlosigkeit im Hören wirken.

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Kritik von Tobias Roth



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Fin de Siècle und Moderne: Webern, Ruzicka, Mahler

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Anton von Webern, Peter Ruzicka, Gustav Mahler

Mitwirkende: Peter Ruzicka (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Marlis Petersen (Solist Gesang)

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