> > > > > 22.04.2011
Mittwoch, 21. August 2019

Karfreitagskonzert des Konzerthausorchesters

Zu viel Tod und Verklärung

Ein Jubel, der Erschütterung auslöst? Musik in hellem Dur braucht die Hilfe einer Geschichte, eines Subtexts, um diese Gefühlsregung zu provozieren. Alexander Zemlinskys gewaltiger 13. Psalm ist so ein Werk mit Subtext – eines, dessen Jubel Verzweiflung ist. Ein eindrucksvolles, sicher überforderndes Programm von sechs selten oder quasi nie gespielten Werken, die sich dem Thema Tod und Verklärung widmeten, versammelte das Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek am Karfreitag: Max Regers Requiem op 144b, Franz Schrekers 'Vom ewigen Leben' für Sopran und Orchester, 'Vom Tode' aus der Feder eines gewissen Karl Horwitz und zwei Chorbearbeitungen von Musik Gustav Mahler. Da hat sich einer viel gedacht bei der Konzeption dieses Abends, vielleicht zu viel, wie der schütter besetzte Saal dokumentierte. Interessant wars, schön nicht immer und seltsam zumeist.

Das für einen Karfreitag geradezu lärmige Finale bildete Zemlinskys Pslamvertonung. Es ist ein Stück, das der Komponist nach seiner Flucht aus Berlin in Wien schrieb; auf einen Text, der davon kündet, dass da einer daran verzweifelt, dass sein Gott sich zurückgezogen hat. Von Widersachern ist darin die Rede, von Tod – und von Hoffnung. An dieser Hoffnung berauscht sich die Musik in geradezu exstatischer Manier. "Ich will dem Herren singen, dass er so wohl an mir tut", strahlt in gleißendem vielfachen Forte. Ein schockierendes Erlebnis, weiß man doch um das Schicksal des jüdischen Volks, dem der Jude Zemlinsky Mitte der Dreißigerjahre eine Stimme verliehen hat. Der MDR-Chor und das Konzerthausorchester geben ihr Äußerstes, das Publikum wird regelrecht in die Sitze gedrückt.

Doch ein Eindruck bleibt, der schon nach Regers etwa zehnminütigem Requiem zuvor geblieben war: Muss es denn gar so viel Aufwand sein? Es liegt wohl an heutigen Konzertkonventionen, dass die vielen von den Komponisten erdachten, gerade einmal viertelstündigen Werke kaum noch aufgeführt werden. Heute wünscht man sich konzise Programme, ein Werk in der einen, eines in der anderen Hälfte eines Abends. Den bunten Mix von Lieder und Liedchen, Sätzchen, Mess-Fetzen, Suite-Ausschnitten und Operneinlagen früherer Zeiten mag man nicht mehr hören. So wirken die Werke Regers, Zemlinskys, aber auch Gustav Mahlers für Chor eingerichtete Stücke 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' und das 'Adagietto' aus der Fünften Symphonie seltsam aus dem Leim gegangen und aus dem Rahmen gefallen.

Der wunderbar dunkel grundierte, mutig laut und weniger zart singende MDR-Chor gab die beiden Chorwerke leider nicht im Saal, sondern im Vorraum bei leicht geöffneten Türen zum Besten. Eine Schnappsidee. Zumindest im ersten Rang klang der Gesang weniger verträumt wie von fern als vielmehr wie vom Klo, dumpf, matt und vor allem den Sopranen nicht gerade schmeichelnd. Da hielt die Konzentration der Besucher nicht. Das geschmacklich zweifelhafte 'Adagietto' auf Texte August von Platens wurde verhustet und verraunzt, kein schöner Eindruck.

Für Höhepunkte sorgten die beiden Solisten Michael Nagy und Michaela Kaune. Nagy etabliert sich als einer der führenden Baritone seiner Generation. Kraftvoll, warm, mit der Fähigkeit zur schnellen Attacke interpretierte er Karl Horwitz drei Gesänge 'Vom Tode'. Die Werke dieses Mahler-Verehrers sind heute gänzlich vergessen. Zumindest 'Der Tod' und 'Zur Ruh' könnten manches Programm mit Orchesterliedern bereichern. Im eröffnenden, unsicher tastenden Satz 'Totenfeier' klingen Passagen Mahlerscher Musik an, kein Wunder, ist es doch im Gedenken an den 18. Mai 1911 geschrieben worden, Mahlers Todestag.

Nach so viel Tod und ziemlich viel Verklärung war die Stimme Michaela Kaunes eine wahre Wonne. Keine drei Töne brauchte die Sopranistin in Franz Schrekers 'Vom ewigen Leben',  um endlich in ganz andere, heitere Gegenden zu entführen. Der plappernde Text tat da wenig zur Sache. Endlich war da eine Musik, die weniger dem Anlass Karfreitag, als dem wunderbaren Frühlingstag huldigte, der eben zu Ende gegangen war. Dass Kaune nur dieser eine kurze Auftritt vergönnt war, darf als Unglück bezeichnet werden.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



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Konzerthausorchester Berlin: Lothar Zagrosek

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Max Reger, Franz Schreker, Gustav Mahler

Mitwirkende: MDR Rundfunkchor (Chor), Lothar Zagrosek (Dirigent), Konzerthausorchester Berlin (Orchester), Michaela Kaune (Solist Gesang), Michael Nagy (Solist Gesang)

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