> > > > > 02.08.2011
Dienstag, 9. August 2022

Giuseppe Verdi

Verdis 'Rigoletto' in Oranges Römertheater

Panne der Postkutsche

Auch in Oranges südfranzösischem Römertheater sind im 40. Jahr der "Chorégies"-Opernfestspiele die Zeiten des Rampen-Singens vorbei. Seit einer Reihe von Jahren präsentieren hier Opernleute wie Nicolas Joël und Jean-Claude Auvrey auch ohne aufwändige Bühnentechnik Regietheater. Nun richtete Paul Emile Fourny, nacheinander Opernchef in Nizza und Metz, Verdis 'Rigoletto' mit einer Traumbesetzung (mit den italienischen Stars Patrizia Ciofi, Vittorio Grigolo und Leo Nucci) akzeptabel ein.

Louis Desiré ließ eine große Kutsche halb im hundert Meter breiten Boden der Römer-Bühne versinken: Die Flucht des enttäuschten Vaters mit seiner entehrten Tochter nach der vermeintlichen Rache am herzoglichen Übeltäter von Mantua nach Verona endete in einer Panne. Das war stimmig. Und noch mehr: Der geprellte Hofnarr Rigoletto zog zum Fluch-Vorspiel der Tragödie nach Victor Hugo eine Mini-Postkutsche über die Römerbühne. Auch das hatte seine Bewandtnis im Gaukler-Stand des Titelhelden. Jenseits des bloß Berufs-Biografischen machte auch das Sinn. Denn Sparafucile fuhr Rigoletto in dieser Mini-Kutsche seine sterbende Gilda vor. Der Hofnarr, der am großen Rad hatte drehen wollen, wurde auf das kleine Wägelchen zurückgeworfen und tief enttäuscht. Das war bestechende Theatersymbolik.

Die halb im Bühnenboden steckende Kutschen-Kabine drehten Fourny und Desiré für Rigolettos Wohnung, das Palast-Innere Mantuas und Sparafuciles Spelunke zu Innenräumen. Auch hier gerann aus einem Behelf wieder eine Aussage: Gildas Raub deckten Tänzerinnen mit aufgespannten roten Schirmen vor dem blinden Rigoletto ab. Die gleichen roten Schirme schmückten dann den herzoglichen Saal zum Boudoir. Durch die riesige Dimension von Oranges Römerbühne hatte Fourny keine Mühe, die Szene trotz der sperrigen Kutsche mit den Höflingen zu beleben. Er tat das zuweilen in einer geradezu choreografierten pantomimischen Genauigkeit in Elodie Vellas Tanzeinrichtung. Und der Regisseur kam, das sei lobend erwähnt, für den Rigoletto ohne Buckel aus.

Arien ausgestellt

Durch die glanzvolle Besetzung der Gilda mit Patrizia Ciofi, des Herzogs mit Vittorio Grigolo und der Titelpartie mit Leo Nucci kam auch das Sängerische dieses Jubiläums-'Rigoletto' in Orange nicht zu kurz. Die großen Arien stellt man dort ohnehin gern dadurch aus, dass die Stars sie auf der halbrunden Orchester-Balustrade absingen. So umrundeten diesmal Patrizia Ciofi mit ihrem 'Caro nome', zu dem sie sogar die von ihren Freundinnen im Prolog ausgestreuten roten Rosen aufsammelte, und Vittorio Grigolo zum 'Ella mi fu rapita' das griffig und sonor begleitende Orchestre National de France. Roberto Rizzi-Brignoli leitete das Pariser Traditions-Orchester lebendig, animierte unermüdlich, sorgte für Präzision im Detail wie für zündende Aufschwünge. Bei aller handwerklichen Souveränität fehlte seinem Dirigat aber doch die zwingende Suggestion. Die vereinigten Chöre von Avignon, Toulon, Nizza und Tours brachten knapp akzentuierendes, rhythmisches Profil ein. Das Quartett im dritten Akt war bei der breiten Szenerie schwer zusammen zu binden, und Rizzi-Brignoli beschränkte sich darauf, die vokalen Glanzlichter gerecht zu verteilen.

Denn der Vokalglanz obwaltete an diesem gottlob ausnahmsweise einmal milden Provence-Abend unablässig. Die Palme gebührte Patrizia Ciofis Gilda. Die Italienerin sang mit Inbrunst, weich und beseelt, stets ausgeglichen, auch in den Koloraturen völlig ohne Schärfen und absolut intonationsrein. Ihr 'Caro nome' war einer der großen Momente dieses die Zehntausend begeisternden Chorégies-Abends. Neben ihr wartete Vittorio Grigolo mit Wucht und Schwung auf. Sein Herzog hatte metallischen Glanz und zündende Strahlkraft. Am Ende explodierte er in 'La donna è mobile' und 'Bella figlia dell’amore' geradezu, nachdem er anfänglich noch druckvoller und mit mehr intensiver Bindung hätte agieren können. Darstellerisch war Grigolo von athletischer Behendigkeit.

In sympathischer Kantabilität entfaltete Leo Nucci die Titelpartie. Er sang einen lyrisch nachdenklichen Rigoletto. Das "La-ra" des Hofnarren hätte aber durchaus gequälter klingen können, wie es dem auf die Siebzig zugehenden Bariton denn da und dort doch an Durchschlagskraft fehlte. Es war, als sei Nucci auch sängerisch von der tänzelnden Regie-Anlage seiner Partie angesteckt worden. Ob das Rache-Duett 'Si, vendetta' seinetwegen zweimal wiederholt werden musste, steht dahin. Jedenfalls verehrte ihn Patrizia Ciofi sichtlich wie einen Bühnen-Vater im Künstler-Leben, was die Besucher im Römertheater förmlich aus dem Häuschen brachte. Am Ende sang Nucci seinen vermeintlichen Triumph dann doch klangvoll ausladend hinaus.

Sogar in den Nebenrollen wartete dieser 'Rigoletto' in Orange mit hervorragenden Leistungen auf: Marie-Ange Todorovitch sang eine energische Maddalena voll satter Färbung. Für ihren Bruder Sparafucile hatte Mikail Petrenko alle Register von Verstellung bis zu glanzvoller Schwärze parat und artikulierte blendend. In durchdringender, tragfähiger Wucht sang Roberto Tagliavini einen voluminösen Monterone.

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Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

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Verdi: Rigoletto: Römertheater Orange

Ort: Chorégies d'Orange,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Orchestre National de France (Orchester), Paul Emile Fourny (Regie), Leo Nucci (Solist Gesang), Patrizia Ciofi (Solist Gesang), Michail Petrenko (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Chorégies d'Orange

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