> > > > > 09.06.2011
Donnerstag, 18. August 2022

Glanzvoller Abschluss des Concours Reine Elisabeth

Sängerpersönlichkeiten in Brüssel

Der Concours Reine Elisabeth gilt als einer der ältesten und traditionsreichsten Musikwettbewerbe der Welt. Eine renommierte Jury und eine Vielzahl öffentlicher Konzertauftritte rund um den Wettbewerb sowie das Engagement des belgischen Radios und Fernsehens, das jedes Jahr den Wettbewerb live begleitet und kommentiert, sorgen für eine hohe öffentlich Aufmerksamkeit. Das Abschlusskonzert im Palais des Beaux Arts im Beisein des belgischen Königshauses gehört zu den gesellschaftlichen Höhepunkten jedes Jahres in Brüssel. Seit 1988 gehört der Gesang mit zum Kanon des Wettbewerbes, der im Wechsel von mittlerweile drei Jahren überragende Leistungen im Bereich Klavier, Geige, Gesang und Komposition prämiert. In diesem Jahr war der Wettbewerb zum siebten Mal dem Gesang gewidmet.

Aus aller Welt

Eine Besonderheit dieses Wettbewerbes ist die Entscheidungsfindung. Es gibt keine Diskussion über die Kandidaten. Jedes Mitglied bewertet unabhängig. Hierdurch soll eine größere Objektivität gewährleistet werden. Teresa Berganza, José van Dam, Ioan Holender - um nur einige zu nenne, die  der Jury angehörten - hatten die nicht leichte Aufgabe, aus 88 Nachwuchssängern aus der ganzen Welt die sechs Besten herauszufinden.

Die Entscheidung, der Südkoreanerin Haeran Hong den ersten Preis zu verleihen, war auf den ersten Blick erst überraschend. Aber im Verlauf des Konzerts wurde schnell deutlich, dass die Sopranistin mit dem feinen Timbre nicht nur ihre Technik souverän beherrscht - ob als Sophie bei der Überreichung der silbernen Rose ('Mir ist die Ehre widerfahren' aus 'Der Rosenkavalier') oder als Zerlina im Duett mit Kontstantin Shushakov ('Là ci darem la mano' aus 'Don Giovanni'). Und als Amina aus 'La Sonnambula' (Vincenzo Bellini) drang sie bei 'Care Compagne, teneri amici – Come per me sereno – Sovra il sen laman mi posa' quasi ohne äußere Effekte in das Innere der Musik ein und bot eine packende Interpretation.

Sie hatte sich in der Tat im Gegensatz zu den anderen Preisträgern Stücke ausgesucht, die gestalterisch nicht so leicht zu interpretieren sind und deren subtile Charakterisierung sich erst bei genauerem Hinhören mitteilt. Ähnlich feinfühlig auch die Auswahl der Französin Clémentine Margaine, die über einen fein dosierten lyrischen Mezzosopran verfügt. Sie ist wohl von Natur aus eher dramatisch veranlagt, bewies aber bei der 'Serenade' von Modest Mussorgsky und 'Mon coeur s’ouvre à ta voix' aus 'Samson et Dalila' von Camille Saint-Saens mit ihrem vollen, dunklen Timbre, dass sie ihre Stimme sehr schlank führen kann, in der Höhe beweglich ist und zu schönen Piani fähig ist. Unverständlich, dass sie lediglich den sechsten Preis erhielt und der eher blass agierende Bariton Konstantin Shushakov (Russland) ihr vorgezogen wurde. Aber hier zeigte sich wieder einmal das Dilemma aller Wettbewerbe: Dass eben neben der Beherrschung des Handwerks auch stets die Tagesform eine enorme Rolle spielt. Aber es war auch ein Beweis dafür, dass in diesem Jahr das Niveau insgesamt sehr hoch war und die Sänger sich im Prinzip nur graduell unterschieden.

Doch zurück zu den anderen Preisträgern. Die drittplatzierte Elena Galitskaya (Russland)  konnte mit ihrem vor allem in der Höhe und im Forte strahlkräftigen und gleichzeitig sinnlich-verlockenden Sopran ihren Partien, unter anderem das 'Quel guardo il cavaliere – So anch’io la virtù' der Norina aus Gaetano Donizettis 'Don Pasquale' charakteristische Kontur geben.

Anaik Morel (Frankreich) ergänzte sich mit ihrem Mezzosopran nicht nur hervorragend mit Elena Galitskaya zu einem Duett. Ihre Soloarien, wie zum Beispiel 'Les tringles des sistres tintainent' aus der Oper 'Carmen' von George Bizet knisterten vor verhaltener oder offen herausgeschleuderter Leidenschaft. Gleichzeitig bewies sie auch ihre Fähigkeit zu schönem Piano. Womit der ihr zugesprochene vierte Preis mehr als gerechtfertigt war, verfügt sie zudem auch noch über eine ausgeprägte Bühnenpräszenz.

"Bester Belgier" aller Zeiten

Neben den vier starken Frauen konnte sich der Tenor Thomas Blondelle aus Brügge behaupten. Er ersang sich verdient den zweiten Preis und erreichte damit das beste Ergebnis, das jemals ein Belgier bei diesem Wettbewerb erzielt hat. Sein substanzreicher und männlich timbrierter Tenor überzeugte auch in der Höhe. Präsentes Bühnenspiel und attraktive Erscheinung summierten sich bei ihm zu einer perfekten Mischung. Bei 'I était une fois à la cour d’Eisenach' aus Jacques Offenbachs 'Les contes d’Hoffmann' entfachte er ein wahres Feuerwerk witziger vokaler Pointen, bei 'Qual mi conturba i sensi – Fuor del mar' aus Mozarts 'Idomeneo' vermied er jegliche Manieriertheit  und überzeugte mit Eleganz und Grazie.

Dmitri Jurowski gehört nicht zu den Dirigenten, die auf Zehenspitzen durch die Partituren wandern.  Er stellte gleich zu Anfang mit der Ouvertüre aus Giuseppe Verdis 'La forza del destino' das Symphonische Orchester der Vlaamse Opera mehr auf Brillanz als auf Innigkeit ein. Es ergaben sich so musikalisch solide Eindrücke und ein gepflegtes Zusammenspiel, wobei einzelne, differenziert ausgehörte Stellen immer wieder durch die beschwingte Leichtigkeit der Wiedergabe beeindruckten. Andererseits wären etwas mehr Phantasie und mehr Eleganz in der Phrasierung, Linienführung und Farbgebung schon vorstellbar gewesen. Auch gab es mitunter auch Tempodifferenzen zwischen Sänger und Orchester. Aber das sind nur marginale Anmerkungen.

Sängerische Intelligenz

Nun muss der weitere Verlauf der Karriere dieser sechs Persönlichkeiten zeigen, ob hier ein neuer Star benannt wurde oder nur weitere Sternschnuppen in den Musikhimmel geschossen wurde. Im Anschluss gibt es noch viele Konzerte der Preisträger. Dann wird man sehen können, wie schnell mancher Komet verglüht und wer zu einem Fixstern im Reich der Interpreten wird. Aber schon jetzt kann man sagen, dass hier sechs Sängerinnen und Sänger geehrt wurden, die über mehr als nur Technik und schöne Stimme verfügen, sondern auch, wie dies der berühmte Sänger und Gesangslehrer Thomas Quasthoff immer als Basis für eine Karriere fordert, über das, was man als "sängerische Intelligenz" bezeichnet.

Ausblick: 2012 – 75 Jahre Concours musical Reine Elisabeth

Im nächsten Jahr feiert der Wettbewerb sein 75jähriges Bestehen. Gegründet und konzipiert wurde er im Jahre 1937 zur Förderung junger Geiger, damals noch unter dem Namen des belgischen Komponisten und Geigers Eugène Ysaÿe. Im Jahr 1951 wurde er nach der belgischen Königin Elisabeth umbenannt. Die Kategorien Klavier, Komposition, Gesang, die sich jährlich abwechseln, kamen später hinzu.  Die Reihe der klangvollen Namen, deren Karriere hier begann oder einen entscheidenden Impuls bekam, ist lang: David Oistrach, Vladimir Ashkenazy, um nur zwei zu nennen.

Passend zum traditionsreichen Geburtstag steht 2012 wieder die Violine im Mittelpunkt. Wie Generalsekretär Michel-Etienne Van Neste mitteilt, sind viele anderen interessanten Aktivitäten geplant, aber auch - trotz allem bisherigen Erfolg - einige grundlegende Änderungen. Wenn auch bei diesem Abschlusskonzert berechtigterweise die klassischen "Hits" erklangen, geht es Michel-Etienne Van Neste darum, den Wettbewerb für die Moderne zu öffnen. Die Sparte Komposition zielt genau in diese Richtung. Königin Elisabeth wollte durch die Musik zu einem größeren Verständnis zwischen den Menschen beitragen. Das war und ist ein wichtiges Anliegen. Bleibt zu hoffen, dass dieser Wettbewerb, der noch im rein privat finanziert wird, noch lange erhalten bleibt und seinem Motto treu bleibt. Hört man Michel-Etienne Van Neste zu, ist daran nicht zu zweifeln.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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