> > > > > 18.05.2011
Freitag, 7. Oktober 2022

Gustav Mahler

Mahlers Zweite Sinfonie in Duisburg

Tönende Situationsbeschreibung

Innerhalb des letzten Jahres gab es in Duisburg wahrlich nicht viel, dessen man sich hätte rühmen können. Die Katastrophe der Love Parade liegt nach wie vor wie ein Schleier über der Stadt, die ohnedies bereits genug Sorgen und Probleme plagen. Und doch: Gerade in musikalischer Hinsicht hat Duisburg mit seinen Philharmonikern unter ihrem Generalmusikdirektor Jonathan Darlington sowie der akustisch hervorragenden Philharmonie Mercatorhalle im Zusammenspiel ein kulturelles Schwergewicht, mit dem man im Vergleich zu anderen Städten wuchern kann. Da scheinen selbst die Vorzeigehallen in Essen oder Düsseldorf noch weit genug entfernt zu sein, um ein eigenes Profil schärfen zu können. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst Darlingtons, der mit dem zehnten Sinfoniekonzert seinen Abschied nach rund zehnjähriger Dienstzeit feierte. So verwundert es nicht, dass die Stadt dies zum Anlass nahm, mit der Mercatorplakette als ihrer höchsten Auszeichnung Danke zu sagen und seine Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt zu würdigen. Mit Darlington zusammen wurde der ehemalige Vorstandsvorsitzende der ThyssenKrupp AG Ekkehard Schulz ausgezeichnet, der sich als Freund und Förderer der Kultur zu erkennen gab und die gute Zusammenarbeit mit dem englischen Dirigenten hervorhob. Beispielhaft wurde hier vorgeführt, wie stark die Kulturförderung inzwischen durch die Privatwirtschaft erfolgt oder besser: erfolgen muss, wenn sie entsprechende Strahlkraft haben will. Mit Adolf Sauerland hielt der wohl umstrittenste Oberbürgermeister der Republik die Laudatio, und da mit seinem Gesicht auf immer die Geschehnisse auf der Love Parade verbunden sein werden, war dieser Abend mit der Aufführung von Mahlers "Auferstehungssinfonie" ein auf faszinierende und emotionale Weise mehrschichtiges Ereignis.

"Wir stehen wieder vor allen furchtbaren Fragen"

Ende und Anfang, Tod und Leben, Sterben und Erlösung: Das sind die grundsätzlichen Sinnfragen der Menschheit, die Gustav Mahler in Töne zu kleiden suchte und wie kein zweiter umzusetzen verstand. Darlingtons Lesart der an Klangfarbenreichtum überschäumenden Partitur verband die erwähnten Komponenten im Großen wie im Kleinen zu einer überzeugenden Einheit. So wurde hier ebenso ein persönliches Abschieds- und Neubeginnwerk zu Gehör gebracht als auch das allumfassende, ebenso erschütternde wie berührende Welttheater aus Apokalypse und göttlicher Liebe. Schon der Beginn geriet so markant und gleichermaßen präzise in den vorwärts drängenden Bässen, dass man befürchten musste, die Konzentration und das hohe Spannungsniveau könne nur allzu schnell nachlassen. Dem war zum Glück nicht so, Darlington konnte die Gefahr der Entstehung von Leerstellen in den leiseren Passagen durch runde Ausformung melodischer Verläufe umschiffen. Dabei gelang es ihm außerdem, unter Wahrung der Klangbalance Nebenstimmen herauszustreichen, die man in dieser Deutlichkeit bisher nicht vernommen hatte. Das Orchester folgte dem gestenreichen Dirigat seines Leiters mit kongenialer Umsetzung des Vorexerzierten, wenn auch die Violinen einen insgesamt präsenteren Ton des Öfteren hätten anschlagen können, was aber angesichts der sonst fabelhaften Disposition der übrigen Instrumentengruppen leicht zu verschmerzen war. Hervorzuheben ist besonders Darlingtons stete Übersicht über die Klangmassen, die er mittels einer klugen und organisch entwickelten Dynamik entfesseln und bändigen konnte. Der schicksalhafte Tonfall des ersten Satzes beispielsweise erhielt dadurch eine enorme Wucht, geradezu markerschütternd gerieten die Klangeruptionen. In ruhiger, verzückter Idylle ging der zweite Satz vorbei, während der dritte in stetiger Unruhe bereits auf das Finale hinarbeitete.

Zuvor jedoch erwies sich Ingeborg Danz als ideale Interpretin des 'Urlichts'. Unendlich zart und in warmen Farben berührte die "Stimme des naiven Glaubens" (so Mahler) bis ins Innerste. Ihr zur Seite stand mit Christina Landshamer eine zwar unverbrauchte aber (noch?) wenig charakteristische Stimme, die sich in den zarten Passagen ihrer Partie gut einfügte. Der Philharmonische Chor Duisburg bewältigte seine Partie insgesamt zufriedenstellend, wenn auch die Positionierung direkt hinter und nur wenig oberhalb des Schlagwerks und des Blechapparats gerade zum apotheotischen Ende des Finales hin für die Klangbalance natürlich ungünstig war.

Nach dem lang anhaltenden stürmischen Applaus hieß es dann endgültig Abschied nehmen: Mit eigens vorbereiteten Taschentüchern winkte der ganze Saal Darlington nach. Möge der Neuanfang sich nicht nur auf die Leitung der Philharmoniker beschränken, sondern auch der Stadt ein wenig aufhelfen.

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Kritik von Frederik Wittenberg



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Mahler: Zweite Sinfonie: Duisburg

Ort: Mercatorhalle,

Werke von: Gustav Mahler

Mitwirkende: Jonathan Darlington (Dirigent), Duisburger Philharmoniker (Orchester), Ingeborg Danz (Solist Gesang), Christina Landshamer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Duisburger Philharmoniker

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