> > > > > 20.02.2011
Sonntag, 20. September 2020

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, Copyright: Christian Nielinger

Konzerthaus Berlin, Großer Saal, © Christian Nielinger

Buntes statt Farbiges im Konzerthaus Berlin

Inflation der Effekte

Der Kammermusikabend mit Fazil Say, Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta im Berliner Konzerthaus begann als impressionistisches Programm. Da der Versuch, in Sprache wiederzugeben, was in der Musik passiert, hier noch lieber auf Farbmetaphoriken zurückgreift, als sonst, so ließe sich vielleicht auf ein Wort bringen, was der Abend brachte: Es war bunt; mit zwei Wörtern: zu bunt. Das Wörtchen soll hier jene Lautstärke bezeichnen, die sich nicht in Dezibel messen lässt: das Grelle, Übersteigerte, Künstliche.

Say eröffnete mit Maurice Ravels Sonatine fis-Moll, nahm den Kopfsatz recht schnell, ließ die zierliche Melodie wenig hervortreten. Bald aber glitt dies erste Aufbrausen in eine durchaus breite und schwelgerische Gestaltung ab, die Farben waren dick aufgetragen, ungemischt bunt, das Heitere wie das Melancholische je knallig und nicht bei sich. Say ließ der Sonatine viele Rubati angedeihen – gewiss sind in diesem Werk viele und delikate Temposchwankungen vorgeschrieben, aber in der Fülle und der Drastik verloren sie nach und nach ihre Wirkung. Von einem feinen, eleganten Licht, von feiner Ziselierung war nicht viel zu bemerken. Dass Say schließlich am Ende des Werkes schon aufgestanden war und Applaus entgegennahm bevor der letzte Ton überhaupt halb verklungen war, zeugte in summa von wenig Respekt vor dem Werk im Speziellen und dem Klang im Allgemeinen.

Auch in der Debussy-Sonate für Cello und Klavier d-Moll wurde jeder Effekt ergriffen und so eine Inflation erzeugt, vor allem, was die Glissandi betraf. Auch war Gabettas Ton überraschend und ungewohnt kraftlos. Says eigene Violinsonate op. 7 behielt die impressionistische Grundstimmung, entfesselte aber mit und für Patricia Kopatchinskaja großes virtuoses Potential. Da waren Effekte, die man um 1900 noch nicht kannte, und Gefühligkeiten, auf die man zu stolz gewesen wäre.

Eine musikalisch positive Überraschung ergab sich erst mit dem Beginn von Dmitri Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2 e-Moll op. 67. Die langsam-bleierne, ruhig-triste Fläche wurde von den drei Musikern endlich gelassen, gleichmäßig und sensibel musiziert, ohne die Eineindeutigkeit des Exaltierten, mit instrumentaler Beherrschung glatt in den Raum gestellt. Dass die drei Musiker dann wieder, wie zu erwarten, aus der Fassung gerieten, hatte sein Gutes wie Schlechtes. Allerdings zeigten dann die gewaltigen Auftürmungen im unsäglich hämisch und gleißend ironisch komponierten Schlusssatz, dass das Trio seine Kraft teils schon zu früh verspielt hatte und manche Steigerung am rechten Fleck nicht mehr möglich war.

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Kritik von Tobias Roth



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Say, Kopatchinskaja, Gabetta: Ravel, Debussy, Say, Schostakowitsch

Ort: Konzerthaus (Grosser Saal),

Werke von: Maurice Ravel, Fazil Say, Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Fazil Say (Solist Instr.), Sol Gabetta (Solist Instr.)

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