> > > > > 20.03.2011
Freitag, 7. Oktober 2022

Bechtolf inszeniert Verdis 'Falstaff' in Zürich

'Falstaff immenso! Enorme Falstaff!'

Am 3. Dezember 1890 schreibt Giuseppe Verdi an Gino Monaldi, "seit vierzig Jahren wünsche ich, eine komische Oper zu schreiben, und seit fünfzig Jahren kenne ich Die lustigen Weiber von Windsor". Nur wenige Jahre später, am 9. Februar 1893, feierte der 'Falstaff', Verdis letztes Bühnenwerk, seine Mailänder Premiere unter der Leitung von Edoardo Mascheroni. Vom Charme der Jahrhundertwende ist in der Zürcher Neuinszenierung durch Sven-Erich Bechtolf jedoch nicht mehr viel zu spüren. Das Dirigat von Daniele Gatti arbeitet fast analytisch an Dynamik und Klangvielfalt der Musik, das Bühnenbild von Rolf Glittenberg setzt auf übersichtliche Tableaus und einprägsame Szenerien, selbst das Ensemble wirkt in Kostüm und Gestus verblüffend zeitlos.

Bechtolf hat in Zürich zwar wahrlich einen "Falstaff immenso! Enorme Falstaff" inszeniert, doch eben nicht mit den Mitteln von Pathos und Bombast, sondern vielmehr dank subtiler Lektüre der Charaktere und einer humorvollen Dramaturgie. In seinen Blicken für effektive Choreographien, Auftritte und Schnitte spürt man seine Erfahrung im klassischen Theater. Auch die Protagonisten wirken stets scharf gezeichnet und konturiert. Selten stand zudem wohl ein so sympathischer Falstaff auf der Bühne. Und selten genug, dass man über eine "Commedia lirica" auch einmal wirklich lachen muss, statt nur der Gefälligkeit halber zu schmunzeln. Bechtolfs Falstaffs ist einfach wirklich lustig. So banal dies klingen mag: Es ist eine Meisterleistung, da gerade hier viele Inszenierungen regelmäßig scheitern. Dabei atmet die groteske Komik latent ein süditalienisches Flair, auch wenn Verdi ein eher norditalienischer Jähzorn war. Dennoch, die Zürcher Inszenierung nutzt gerade das Absurde des neapolitanischen Humors, das Burleske bei Pirandello oder die makabren Fehltritte aus "Uccellacci e uccellini".

So ist die Figur des Falstaff in vielem ein philosophischer Schelm wie einst Totò, nur eben auf der Opernbühne – einmalig, gewitzt, geistreich bestimmt er das Geschehen, wie dieses um ihn herum eigentlich erst aufkommt. Noch stärker als es das Libretto von Arrigo Boito bereits vorzeichnet, ist Bechtolf in Zürich stets und unmissverständlich um den Hauptprotagonisten bemüht. In Ambrogio Maestri konnte er einen Darsteller finden, der so wie einst Totò für Pasolini, wahrlich einen unverwechselbaren Charakter verkörpert. Die Rolle des Falstaff ist dem stämmigen Riesen buchstäblich "auf den Leib" geschrieben und niemand wird ihn in Zürich ersetzen können. Am Ende des Abends steht fest: Man kann sich die Inszenierung nicht mehr mit einem anderen Sänger vorstellen. Maestri dominiert die Oper durchweg mit seinem souveränen Auftreten und lässt doch auch Platz für die interessanten Figuren an seiner Seite. Barbara Frittoli als Mrs Alice Ford, Massimo Cavalletti als ihr Ehemann oder Eva Liebau in der Rolle der Tochter Nannetta sind erstklassige Besetzungen. Auch Yvonne Naef verleiht Mrs Quickly eine ganz eigene charismatische Qualität. Ganz im Sinne der semantischen Intention werden die "Nebenrollen" jedoch erst von Falstaff her interessant; zu Taten, Ideen und Einfällen motiviert sie erst der geistreiche Bauch. Maestri ist durchweg der Stimulus eines turbulenten, nie langweiligen Geschehens, dem es auch an musikalischen Höhepunkten keinesfalls fehlt. Das Sängerensemble ist überragend und leistet sich schon in der Premiere praktisch keine Fehler.

Daniele Gatti sorgt am Pult für viel Dynamik und arbeit die detaillierte Raffinesse der Partitur geradezu akribisch heraus. Verdi wirkt in Zürich, derart detailverliebt, fast wie ein Antipode zur großen, allumfassenden Geste Wagners. Auch steht die Transparenz der Einzelmomente ganz gegen das atmosphärische Bayreuther Klangideal. "Nirgends erhellt das neunzehnte Jahrhundert sich besser, nirgends wird seine Luft klarer und reiner als im Falstaff" – es mag überraschen, aber es sind die Worte des jungen Adorno. Gemeint war sicher beides, Musik und Sujet, denn auch im Libretto scheint bisweilen eine Komik vor, die dann, unter anderen Vorzeichen, eben erst bei Brecht oder Pasolini wieder zum Vorschein kommt. So überzeugt an Bechtolfs Inszenierung letztlich vor allem ein sagenhaft scharfsinniger Humor ("arguzia"). Allein Boitos Wortwitz scheint nun grenzenlos und kennt dabei weder Höhen noch Tiefen. Etwa in dem erzwungenen Wortspiel von "domine" (Gott) und "addomine" (Bauch), oder den unzähligen Schimpfwörtern, mit denen man eine ganze Geschichte des italienischen Idioms schreiben könnte. Nur unzureichend stolpert hier die Übersetzung hinter dem fließenden Libretto hinterher.

Überraschenderweise gelingt der Komödie jedoch auch ihr mittsommernächtliches Finale. Als Deus ex machina wird hier, wie Bechtolf meint, auf einmal die Natur zum "unsichtbaren Hauptsteller des Werkes". Noch einmal beginnt eine große Metamorphose, wie sie nur Shakespeare zu imaginieren wusste. Verdis Musik verhilft jedoch der kruden Phantastik entscheidend auf die Sprünge, denn erst die Musik schafft es, die Einbildungskraft zu bündeln. Sie fokussiert letztlich auf eine interessante Ambivalenz; vielleicht sogar die Kernsentenz des ganzen Falstaff: Denn am Ende steht unmissverständlich der krasse Widerspruch zwischen einem melancholischen Lebenswerk und der puren Lächerlichkeit des Theaterspiels. War Falstaffs geistreiche Omnipräsenz gleichsam wie Verdis glamouröser Auftritt in Kairo dem Komponisten am Ende selbst skeptisch, ja lächerlich vorgekommen? Bechtolf scheint dies so verstanden zu haben und so gibt er Falstaff bei all seiner souveränen Unnahbarkeit doch letztlich dem Gelächter Preis. Ein später Brief, am 15. Dezember 1893 an Emma Zilli adressiert, spiegelt den Drahtseilakt des letzten Adieu mit ähnlichem Scharfsinn, wenn auch hier in der gewandelten, die Komik jedoch grundierenden Form der Melancholie: "Erinnert Ihr Euch an den dritten Abend des 'Falstaff'? Ich verabschiedete mich von Euch allen; und Ihr alle wart ein bisschen gerührt, besonders Ihr und die Pasqua… malt Euch aus, was für ein Gruß der meine war, der gleichsam sagen wollte: 'Wir werden uns als Künstler nicht wieder sehen!!!' Wir haben uns danach zwar noch getroffen, sowohl in Mailand wie in Genua und in Rom; aber die Erinnerung bezog sich immer auf jenen dritten Abend, der besagen wollte: Alles ist zu Ende!"

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Toni Hildebrandt



Kontakt zur Redaktion


Giuseppe Verdi: Falstaff: Commedia lirica in drei Akten

Ort: Opernhaus,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Daniele Gatti (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Sven-Eric Bechtolf (Regie), Ambrogio Maestri (Solist Gesang), Barbara Frittoli (Solist Gesang), Massimo Cavalletti (Solist Gesang), Eva Liebau (Solist Gesang), Yvonne Naef (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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