> > > > > 23.12.2010
Mittwoch, 23. Oktober 2019

Marek Janowski mit Mozart und Saint-Saëns

Zu lange nicht gehört

Es ist schon seltsam. Das populärste Stück von Camille Saint-Saëns, so heißt es, sei seine "Orgelsymphonie". Tatsächlich aber spiegelt das die Zahl der Gelegenheiten, es in hochkarätiger Interpretation zu hören, überhaupt nicht wider. Und das liegt nicht an einem Mangel an Orgeln in den Konzertsälen. Freilich ist auch die Namensgeberin an der Misere schuld. Die Orgel ist manchen Interpreten peinlich. Ihr schmachtendes Grundieren mit tiefsten Tönen im zweiten Satz hat noch die duldenswerte Aura des Erhabenen. Ihr Fortissimo-Dreinfahren im letzten Satz hingegen gilt vielen als purer Effekt. Doch warum stört viele bei Saint-Saëns, was bei Gustav Mahler oder Richard Strauss, die solche Effekte noch weit greller, nicht weniger plakativ und nicht selten auch mit Orgel einsetzen?

Camille Saint-Saëns' andere Symphonien kennt man kaum, seine einigermaßen populären Konzerte für Klavier, Violine oder Cello geben sich bescheidener. Der Franzose hat leider nur dieses eine große symphonische Werk geschaffen - geschafft müsste man beinahe sagen, denn ein weiteres ist ihm in einem sehr langen Leben schlicht nicht gelungen. So steht die "Orgelsymphonie" ohne bekannten Vorgänger und Nachfolger da. Gäbe es nur Mahlers Erste Symphonie, vielleicht wirkte ihr überbordendes Finale peinlich. Oder wie würde ein Strauss dastehen, hätte er nur das 'Heldenleben' komponiert? Saint-Saëns' "Orgelsymphonie" kommt als Singularität daher, das macht uns das Leben mit ihr nicht leicht. Denn Entwicklung und Einordnung sind zwei Kriterien, die im Musikbetrieb und dort vor allem jenen, die Programme machen, ungemein wichtig sind. So gern stellen sie Werke in offensichtliche und vermeintliche Zusammenhänge oder präsentieren sie als bewussten Kontrapunkt zu anderem. Wer Saint-Saëns' "Orgelsinfonie" als Vorbild präsentieren wollte, müsste ziemlich unbekannte französische Symphonien aufführen lassen. Saint-Saëns' Schwäche ist auch die seiner Nachfolger.

Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin haben am Tag vor Heiligabend in der Philharmonie wieder einmal eindrucksvoll bewiesen, was in dem Werk steckt; wie viele Farben und Stimmungen Saint-Saëns, der nie ein Impressionist wurde, in Vorwegnahme Debussys und Ravels darin erschaffen hat. Dabei ist die Orgel tatsächlich mehr als nur ein netter Einfall, sie ist so unverhandelbar Teil des Ganzen wie die Streicher. Besonders wenn sie Iveta Apkalna spielt. Schwer ist ihr Part nicht, dafür hätte man auch weniger begabte Organisten auf den Orgelbock setzen können. Doch was die Lettin ausgezeichnet beherrscht, ist das Zusammenspiel mit dem Orchester, so dass die beiden Klangkörper wirklich verschmolzen.

Janowski wählte schnelle Tempi, er verlieh dem Werk etwas Drängendes - oder Bedrängtes? Alle Zeit der Welt ließ er sich nur im wunderbaren langsamen Satz. Der Klangraum einer Kathedrale erstand. Nach dem überbordenden Glanz des Schlusssatzes entlud sich der Applaus spontan, ein gejauchztes "Jaaaa!!" einer Dame sorgte selbst im Orchester für große Heiterkeit.

Solche Jubelstürme kann ein Mozart-Klavierkonzert schon auf Grund seines Charakters nicht erzeugen. Schade, denn Lars Vogt, der Solist im C-Dur-Konzert KV 467 hätte es wahrlich verdient. Vogt ist ein verhaltener Künstler, kein Charismatiker im Auftreten; Haltung und Blick sind eher skeptisch. Ein Typ, der kaum einem auffiele, wenn er nicht überwältigend Klavier spielen würde. Vor allem als Mozart-Interpret gehört Vogt zur einsamen Weltklasse. Dahinter fällt fast jedes Orchester leider zurück. Schwammig, fast dick und konturlos wirkte die Begleitung des Werks durch das Rundfunk-Orchester. Vogt modelliert seine Töne, ohne manieriert zu wirken, er lässt jeden Klang entstehen, da wird nichts verhuscht, nichts für unwichtig erachtet. Dabei gerät Vogt nie in Gefahr, der etwa Fazil Say, ein weiterer hoch interessanter Mozart-Interpret allzu oft erliegt, es mit dem Humor allzu wichtig zu nehmen. Mozart ist gerade, wie das Programmheft treffend bemerkt, im C-Dur-Konzert ein Opernkomponist, er spielt nicht zum Tee oder Tanz auf. Dieses tief empfundene Singen beherrscht Lars Vogt derzeit fast konkurrenzlos perfekt. Seine Wendigkeit durfte das Orchester zuvor in der selten gespielten Ouvertüre 'Der Beherrscher der Geister' op. 27 von Carl Maria von Weber beweisen. Ein wuchtiges, wild romantisches Stück, nach dem man am liebsten Da capo gerufen hätte.

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Kritik von Dr. Thomas Vitzthum



Kontakt zur Redaktion


Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: Marek Janowski

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Camille Saint-Saens

Mitwirkende: Marek Janowski (Dirigent), Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (Orchester), Iveta Apkalna (Solist Instr.), Lars Vogt (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB)

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