> > > > > 30.01.2011
Freitag, 7. Oktober 2022

Zürichs neuer 'Tannhäuser'

Die Wartburg sucht den Superstar

Es sind Personen mit Scheinmoral, die im Nachtclub der Venus zusammentreffen: hohe kirchliche Würdenträger und andere honorige Repräsentanten der Gesellschaft. Tannhäuser steht mit seiner E-Gitarre, die wohl Symbol seiner Künstlerexistenz sein soll, gemeinsam mit Venus isoliert von den anderen Gästen. Der Ausbruch aus ihrem Reich führt ihn zunächst einmal auf einen Golfplatz, auf dem die rentnerhaften Minnesänger in einem schicken Clubmobil angerollt kommen. Auf die Besucher des Etablissements trifft man wieder beim Sängerkrieg im Fernsehstudio, das wenigstens noch so viel E-Musikbezug aufweist, dass ein Konzertflügel die Bühne beherrscht. Und nicht zum ersten Mal in der Inszenierungsgeschichte des Werks erwartet Elisabeth Tannhäuser in einer Bahnhofshalle, in die nach dessen Tod der Papst höchstpersönlich mit seinem Gefolge einzieht, um den Verstorbenen zu würdigen. Nur ein toter Künstler ist eben ein guter Künstler. Es ist schon verständlich, dass man von dem in die Jahre gekommenen Harry Kupfer in seiner mittlerweile fünften Auseinandersetzung mit dem Werk nicht ein Feuerwerk an neuen Interpretationsansätzen erwarten kann, doch hat man es hier mit einer Bühnenästhetik zu tun, die vor allem eines zeigt: wie schnell eine noch vor zwei Jahrzehnten moderne Regie altern kann. Punkten kann Kupfer auch diesmal mit seiner professionellen Personenführung, die die optische Umrahmung in den Hintergrund treten lässt.

Für einen traditionellen 'Tannhäuser' mit klanglicher Monumentalität und Pathetik ist auch Ingo Metzmacher am Pult des brillant spielenden Orchesters nicht zu haben. Er unterzieht Wagners Musik quasi einer radiologischen Untersuchung und entdeckt ständig in der Regel nicht herausgearbeitete Pianostellen und deskriptive Details der Partitur. Dabei verliert sich der Dirigent aber nicht in analytischer Selbstgefälligkeit, sondern spannt schon zu Beginn einen Bogen über die aus einem schwerelosen Piano emporsteigende Ouvertüre.

Peter Seiffert hat die Titelrolle bereits in Zürichs letzter 'Tannhäuser'-Premiere 1999 gesungen und dabei die Opernwelt mit einem sensationellen Rollendebüt überrascht. Heute ist der Künstler in der eher undankbaren Situation, mit seiner damaligen Leistung in eigener Konkurrenz zu stehen, was ihm zumindest in dieser ersten Vorstellung schwerfiel: Bereits im Venusberg klang sein Tenor unruhig und verhärtet sowie ohne dynamische Differenzierungsmöglichkeiten. Gegen Ende des ersten Aufzugs machten sich bereits Ermüdungserscheinungen bemerkbar, die in den von allen Tannhäuser-Interpreten gefürchteten 'Erbarm dich mein'-Phrasen des zweiten Akts wiederkehrten. Beeindruckend gelang die Rom-Erzählung, bei der die grell gewordene Färbung des oberen Registers als Ausdrucksmittel eingesetzt werden kann, ohne zu irritieren. Auch wenn Seiffert an diesen Abend nicht vollständig überzeugen konnte, zählt er dank seines emotionalen Vortrags, der rein vokale Schwäche durchaus überdeckt, fraglos zu den besten der heute verfügbaren Interpreten der Partie.

Nina Stemmes Elisabeth ist ungewöhnlich hochdramatisch, demonstriert aber, dass man die Partie mit einer entsprechenden Technik auch gemeinsam mit Brünnhilde und Isolde im Repertoire behalten kann. Ihr Sopran lässt sich nach wie vor in allen Lagen kontrollieren, was ihr in den zahlreichen lyrischen Momenten eine sensible Phrasierung ermöglicht. Für Liedsänger ist der Wolfram von Eschenbach oft eine willkommene Präsentationsmöglichkeit auf der Opernbühne, im Einklang mit dem dramatischen Paar Stemme-Seiffert hat man sie hier mit dem euphorisch bejubelten Michael Volle besetzt, der die Vorzüge eines angehenden Heldenbaritons mit den Qualitäten eines Liedsängers verbindet. Nach einem noch recht kantigen ersten Akt stellte sich mehr und mehr eine ruhige Gesangslinie ein, sodass das "Lied an den Abendstern" zu einem Höhepunkt des Abends wurde.

Vesselina Kasarova bot als Venus einen überzeugenden Einstieg in das Wagner-Repertoire. So trat nicht nur die bei der Künstlerin häufig eingesetzte Manieriertheit des Vortrags zugunsten einer geradlinigen Emotionalität zurück; Kasarovas Mezzo verfügt auch über die entsprechende Höhe und die Textverständlichkeit. Alfred Muff sang den Landgraf bereits in der Produktion 1999 äußerst solide, doch fehlt seiner im Vergleich zu Seiffert und Stemme hell timbrierten Stimme die Fülle und Autorität, um die Figur auf vokaler Ebene vollständig glaubhaft zu vermitteln.

Das Premierenpublikum akklamierte die sängerischen Leistungen äußerst differenziert und bejubelte den offenbar zur Kultfigur avancierten Harry Kupfer beinahe unwidersprochen.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Wagner: Tannhäuser: Oper Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Ingo Metzmacher (Dirigent), Orchester des Opernhauses Zürich (Orchester), Peter Seiffert (Solist Gesang), Nina Stemme (Solist Gesang), Michael Volle (Solist Gesang), Vesselina Kasarova (Solist Gesang), Alfred Muff (Solist Gesang), Harry Kupfer (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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