> > > > > 01.01.2011
Freitag, 7. Oktober 2022

Hogwood dirigiert in Zürich 'Nozze di Figaro'

Seltener Gast aus Großbritannien

Der 1941 geborene Christopher Hogwood zählt schon seit über drei Jahrzehnten zu den marktbeherrschenden Dirigenten der Originalklangbewegung, dessen Interpretationen auf zahllosen Plattenaufnahmen dokumentiert sind. In Mitteleuropa macht sich der auch musikwissenschaftlich tätige Künstler allerdings rar - was nur noch einen Anreiz mehr bildet, sich am Opernhaus Zürich seine Interpretation von Mozarts 'Le nozze di Figaro' nicht entgehen zu lassen. Anders als bei der von Franz Welser-Möst dirigierten Premiere sitzt nun das Ensemble La Scintilla im Orchestergraben, wobei sich hinter dem Namen die Originalklang-Formation des Orchesters der Züricher Oper verbirgt. Hogwood wählt bei seinem 'Figaro' eher gemächliche Tempi und konzentriert sich auf instrumentale Details, wodurch Mozarts Partitur etwas an Drive und Witz verliert; doch basiert diese Auslegung auf einem so durchdachten Grundkonzept, dass sie letzten Endes überzeugt.

Das Züricher Publikum erlebt ein exzellentes Ensemble, dessen hohes Durchschnittsniveau noch von Michael Volles Almaviva überragt wird, bei dem vokale Autorität und Gestaltungsvermögen ineinanderfließen. Malin Hartelius zeigt als Comtessa, wie hervorragend sich ihr dunkler gewordener Sopran entwickelt hat. Besonderen Eindruck ihrer Interpretation hinterlassen die weit gespannten Legatobögen. Gerade dieser Aspekt der Stimmführung ist bei Ruben Drole in der Titelrolle vor allem in der oberen Lage ein Schwachpunkt, der die ansonsten tadellose Leistung nicht weiter schmälert. Martina Jankovás schlanker, hell timbrierter und zu einem kurzen Vibrato neigender Sopran, wirkt für die Susanna im ersten Moment als zu leichtgewichtig. Jedoch gelingt es der Künstlerin, ihrer Stimme - etwa bei der großen Arie des letzten Akts 'Giunse alfin il momento' - in der Mittellage eine dunklere Färbung beizumischen. Christina Daletska ist als Cherubino ebenso rollendeckend wie Irene Friedli als Marcellina und Martin Zysset als Basilio; lediglich Reinhard Mayr mit seinem unattraktiv rauen Bass fällt als Bartolo aus dem Rahmen.

Lorenzo da Pontes Libretto war mit seiner Gesellschaftskritik zur Zeit der Uraufführung geradezu unerhört; Regisseur Sven-Eric Bechtholf kümmert der historische Kontext jedoch auch bei dieser Produktion nicht im Geringsten. Dennoch zählt diese Inzenierung wegen der psychologischen Ausdeutung des Beziehungsgeflechts noch zu den sehenswerteren Arbeiten des inszenierenden Schauspielers. Rolf Glittenbergs kühl ästhetische Bühnenbilder zeigen ein elegant zeitloses Dachgeschoss-Appartement. Auf das nicht unwesentliche Detail, nämlich dass der letzte Aufzug in einem Park  spielen sollte, nehmen sie keinen Bezug.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Mozart: 'Le nozze di Figaro': Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Christopher Hogwood (Dirigent), La Scintilla (Orchester), Sven-Eric Bechtolf (Regie), Michael Volle (Solist Gesang), Malin Hartelius (Solist Gesang), Martina Janková (Solist Gesang), Martin Zysset (Solist Gesang), Reinhard Mayr (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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