> > > > > 14.11.2010
Freitag, 7. Oktober 2022

Puccinis 'La fanciulla del West' in Zürich

Packende Wildwest-Oper

Das Publikum konnte sich für Giacomo Puccinis am 10. Dezember 1910 an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführte 'La Fanciulla del West' rasch begeistern, die Kritik eher wenig. Als man das Werk drei Jahre später auch im deutschen Sprachraum zu spielen begann, wehte vonseiten der Presse ein rauer Wind: Puccini habe sich hier auf ein unwürdiges, zu sehr vom Kino inspiriertes Sujet eingelassen und musikalisch zu sehr auf den Effekt geschielt, ätzten die Fachleute.

Sicherlich, David Belascos "The Girl of the Golden West", auf dem Puccinis Stück beruht, bringt eine für die Opernbühne nicht alltägliche Geschichte: Im Kalifornien der 1850er Jahre regieren Goldrausch und Kriminalität, besonders ein noch immer nicht gefasster Verbrecher sorgt für Verunsicherung. Das soziale Leben der Abenteurer spielt sich in Minnies Kneipe ab, in der sich auch ein gewisser Johnson aus Scramento einfindet. Er zieht den Argwohn der Goldschürfer sowie des Sheriffs Jack Rance auf sich, der seinerseits ein Auge auf Minnie geworfen hat und nicht hinnehmen will, dass der Fremde diese für sich gewinnt.

Das Misstrauen hat seine Berechtigung: Johnson ist tatsächlich der gesuchte Verbrecher Ramerrez. Als sich dieser abends in Minnies Haus einfindet, wird er von Jack und seinen Männern aufgespürt, von seiner Geliebten allerdings vorerst noch gedeckt. Von seiner wahren Identität schockiert, weist sie ihn ab und riskiert damit sein Leben. Von Jacks Männern angeschossen wird er nochmals von Minnie versteckt, vom Sheriff jedoch rasch entdeckt. Um Dick vor der Lynchjustiz zu schützen, schlägt Minnie vor, um sein Leben zu pokern: Gewinnt Jack, werde sie ihn ausliefern. Mit Hilfe eines Tricks gelingt es ihr, die Partie für sich zu entscheiden, was Jack aber nicht davon abhält, nach geraumer Zeit den wieder gesundeten Ramerrez ergreifen zu lassen. Kurz bevor dieser von den rachelüsternden Goldgräbern gehängt wird, erscheint jedoch Minnie und rettet damit abermals sein Leben. Und das bei Puccini rare Happy End: Weit weg von Kalifornien werden sie ein neues Leben beginnen.

Knapp ein Monat vor dem 100. Geburtstages des Werks holte das Opernhaus Zürich nun die aus dem Jahr 1998 stammende Inszenierung David Pountneys aus dem Depot und präsentiert sie mit zwei Rollendebütanten: Ruggero Raimondi hat sich mit dem Sheriff nochmals eine Partie erarbeitet, die ihm dank der hohen Tessitura sowie der unerlässlichen Bühnenpräsenz optimal entgegenkommt. Dass die Stimme des mittlerweile 69jährigen Künstlers an Volumen eingebüßt hat, ist selbsterklärend, doch verfügt Raimondi über ein noch immer intaktes Stimmmaterial sowie über genügend Ressourcen, um bei den dramatischen Passagen auch vokale Autorität zu vermittelt.

Erfolgreich verlaufen ist auch das Debüt Emily Magees in der Titelrolle. Bei häufigerem Singen der Partie wird sie sicherlich auch noch zu subtiler gestalteten Passagen finden. José Cura ist als Dick Johnson ein jahrelang erprobter Routinier; in dieser Wiederaufnahme überraschte er mit einer kultivierten, auf Gesangslinie bedachten Interpretation, ohne allzu übertriebene Beimengung von oberflächlichen Gestaltungsmitteln wie Schluchzern oder im Falsett angedeuteten Pianotönen. Wie stumpf der Klang seines Tenors mittlerweile geworden ist, zeigte allerdings auch wieder diese Vorstellung.

Massimo Zanetti animiert am Dirigentenpult vor allem zu Lautstärke in Kombination mit getragenen Tempi und verschenkt damit viele wirkungsvolle Details von Puccinis raffiniert instrumentierter Partitur. David Pountneys exzellente Inszenierung greift den cineastischen Aspekt der Handlung auf und gibt dem Geschehen den Rahmen eines Wildwest-Stummfilms, der von den Persönlichkeiten der Protagonisten lebt. Sind sie so bühnenpräsent wie in dieser Vorstellung, ist das Opernvergnügen garantiert.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Puccini: 'La fanciulla del West': Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Giacomo Puccini

Mitwirkende: Massimo Zanetti (Dirigent), Ruggero Raimondi (Solist Gesang), Emily Magee (Solist Gesang), José Cura (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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