> > > > > 13.11.2010
Freitag, 7. Oktober 2022

Marthaler persifliert Rossinis 'Guillaume Tell'

Zwischen Apfelschuss und Toblerone

Das Spektakel bei Zürichs jüngster Neuproduktion beginnt bereits vor und während der Ouvertüre: Adrian Marthaler - dem Fernsehpublikum durch Projekte wie 'La Traviata' am Hauptbahnhof bekannt - stellt gleich einmal klar, dass er sich mit dem Tell-Mythos nicht so richtig ernsthaft auseinanderzusetzen gedenkt. Auf einem Busparkplatz (Bühnenbild: Jörg Zielinski) mitten in der Bergidylle finden sich die unterschiedlichsten Repräsentanten der heutigen multikulturellen Schweizer Gesellschaft ein, bei denen Insassen eines Geriatriezentrums ebensowenig fehlen dürfen wie Burkaträgerinnen. Als zuletzt noch ein griesgrämiges Double eines Schweizer Politikers sein mit Akten beladenes Fahrrad über die Bühne schiebt, ist das Amüsment offensichtlich perfekt.

Versucht man sich trotz dieser optischen Belästigung auf Rossinis wahrscheinlich bekannteste Ouvertüre zu konzentrieren, so staunt man nicht wenig, mit welch kammermusikalischer Sensibilität die Instrumentalsoli erklingen, bevor der für Thomas Hengelbrock eingesprungene Gianluigi Gelmetti das Orchester zu den klanglich noch immer elastischen Crescendi führt. Die Hoffnung, zumindest nach der Ouvertüre die Geschichte in einer einigermaßen wiedererkennbaren Form serviert zu bekommen, zerstiebt mit dem neuerlichen Heben des Vorhangs: Man befindet sich noch immer auf demselben Schauplatz, sieht diesen aber nun von vorne, und da die Touristenmassen eben erheblichen Abfall hinterlassen, macht Marthaler den Fischer der ersten Szene kurzerhand zum Müllmann, der zu seiner Arie den Kampf mit der Umweltverschmutzung aufnimmt. Neben dem Gebirge können die Ausflügler auch noch die übrigen "Heiligtümer" bewundern: Dazu zählen eine riesige Tafel Toblerone-Schokolade ebenso wie ein überdimensionaler Goldbarren.

Doch wie integriert man nun die Handlung rund um den despotischen Gessler in dieses Konzept? Ganz einfach: Er und sein Gefolge kommen als Vertreter der EU , die sich der Schweiz bemächtigen will. Apfel und Armbrust gibt es wider Erwarten doch, neben einer Bronzefigur des historischen Tell darf Michele Pertusi in der Titelrolle tatsächlich so tun, als ginge dieser zentrale Moment über die Bühne. Zwischendurch latscht auch immer wieder Rossini mit seiner Partitur über die Bühne, doch in so gnadenlos zurechtgestutzter Fassung, wie man sie hier hört, hätte auch der Kürzungen gewohnte Komponist wenig Freude gehabt. Nicht nur, dass man gleich einmal einen großen Teil des ersten Akts amputiert; es fehlt auch die Ballettmusik, obwohl man sich für die französische Urfassung entschieden hat. Bedenkt man, dass Gianluigi Gelmetti vor mehreren Jahren eine ungekürzte Neuprodution des Werks leitete, ist es umso unverständlicher, dass er hier die willkürlich wirkenden Striche akzeptierte. Seine differenzierte und durchgehend flüssige Interpretation hätte durchaus Interesse auf ein Mehr von Rossinis letztem Werk gemacht. 

Michele Pertusi ist ein makelloser Tell, dem die Legato-Phrasen genauso wenig Probleme bereiten wie die hohe Tessitura der Partie im Allgemeinen. Was die kaum bewältigbare Tenorpartie des Werks betrifft, so haben sich bereits Generationen von Operndirektoren den Kopf über adäquate Besetzungsvarianten zerbrochen. In Zürich hat man mit dem Rollendebütanten Antonino Siragusa einen veritablen Jackpot geknackt. Sicherlich ist Siragusas Tenor eher schmelzlos und grell timbriert, doch macht der Künstler diesen klanglichen Nachteil mit seiner brillanten Höhensicherheit und der auch in der Mittellage präsenten Phrasierung wett. Die Mathilde zählt sicherlich nicht zu Eva Meis besten Rollen, da hier zahlreiche unstete Phrasen und wenig einschmeichelnde Spitzentöne ihres Soprans irritieren. Martina Jankovà ist ein darstellerisch glaubwürdiger kindlicher Jemmy, die spitze Höhe ihres geraden Soprans bereitet allerdings nicht gerade ein ungetrübtes Belcantovergnügen. Reinhard Mayr als Walter Fürst und vor allem Domenico Menini als müllsammelnder Fisch hinterließen einen positiven Eindruck.

Übrigens, sollte Adrian Marthaler auf eine kontroverse Aufnahme seiner Arbeit spekuliert haben, so wurde er mächtig enttäuscht: Das Leading Team erhielt bei seinem Solovorhang kaum vernehmbare Publikumsreaktionen, umso ergiebiger bejubelte man dagegen die Sängerbesetzung sowie Gelmetti.

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Kritik von Dr. Rainhard Wiesinger

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Rossini: 'Guillaume Tell': Oper Zürich

Ort: Opernhaus,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Gianluigi Gelmetti (Dirigent), Michele Pertusi (Solist Gesang), Antonino Siragusa (Solist Gesang), Eva Mei (Solist Gesang), Martina Janková (Solist Gesang), Reinhard Mayr (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Opernhaus Zürich

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