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Samstag, 24. August 2019

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Großes Festspielhaus Salzburg, Copyright: Andreas Praefcke

Großes Festspielhaus Salzburg, © Andreas Praefcke

Mozartwoche 2011

René Jacobs mit der 'Zauberflöte' in Salzburg

Puristen müssten über diese 'Zauberflöte' eigentlich so entsetzt sein wie Traditionalisten. Doch René Jacobs bekam für seine im Herbst letzten Jahres publizierte Einspielung von Mozarts beliebtester Oper sowohl von den Anhängern der Historischen Aufführungspraxis als auch von den Befürwortern traditionellen Musizierens viel Lob. Jacobs nutzt zwar die Erkenntnisse einer historisch informierten Aufführungspraxis, hält sich aber nicht sklavisch an den Notentext. "Werktreue" ist für ihn nicht Buchstabentreue, kein pedantisches "come scritto", sondern eine Aufführung "im Geiste Mozarts und Schikaneders", wie er in einem Interview sagte. Aber was bedeutet das konkret? Überliefert ist nur der "Buchstabe" in Form einer Partitur, nicht aber der Geist eines Opernabends, der vor über 200 Jahren verklang. Der lässt sich nur imaginieren und, so gut es halt geht, durch gründliche Studien einigermaßen dingfest machen. Jacobs hat sich eingehend mit dem Werk und mit der Aufführungspraxis des späten 18. Jahrhunderts befasst und liefert ein überzeugendes Ergebnis seiner Arbeit. Ja, so könnte es damals tatsächlich gewesen sein.

Der auffälligste Unterschied zur heutigen Praxis besteht im Umgang mit den Dialogen, die meistens stark gekürzt, manchmal auch ganz gestrichen und durch Erzähler ersetzt werden. Zwar gibt es auch bei Jacobs Striche (manchmal sogar ganz erhebliche: Die neunte Szene, in welcher die Sklaven sich über Paminas Flucht unterhalten, fehlt zum Beispiel ganz), aber er lässt doch ungewöhnlich viel von Schikaneders Text übrig. Außerdem verzahnt er, den Charakter der Nummernoper charmant überspielend, die Dialogpassagen mit den Musiknummern und verhindert so, dass der Abend in Text einerseits, Musik andererseits zerfällt. Manchmal wird noch gesprochen, während das Orchester schon die nächste Nummer beginnt - wie etwa, exakt vom Libretto gedeckt, im zweiten Auftritt, wenn Tamino noch redet, dabei aber schon das Vorspiel zu Papagenos Auftrittsarie ertönt -, manchmal werden Dialoge vom Hammerklavier oder von anderen Instrumenten kommentiert. Wenn etwa Papageno im vierzehnten Auftritt das Bild Paminas mit dem Original, das nun vor ihm steht, vergleicht, so intoniert die Flöte Motive der "Bildnisarie". Versteht sich, dass bei Jacobs historische Instrumente genutzt werden oder doch solche, die den damaligen Bauweisen entsprechen.

Die Akademie für Alte Musik Berlin fächert den Klang auf, arbeitet die Mittelstimmen mit brillanten Bläsern vorbildlich heraus, bleibt aber in den Streichern merkwürdig fahl. Gerade mit Darmsaiten ließe sich farbenreicher und differenzierter in der Artikulation musizieren. Auch die Tempi, für die der Dirigent sich entscheidet, sollen der damaligen Aufführungspraxis nahekommen. Oft wählt Jacobs einen ungewohnt zügigen Gang. Nicht immer mit glücklicher Wirkung. So bringt er etwa das Quintett Nr. 5 'Hm hm hm hm' um jeden überirdischen Schimmer, den der Hinweis der Damen auf die helfenden Knaben doch vertrömen sollte, weil er im Geschwindschritt über diesen Moment großer Schönheit hinwegeilt. Mozart wechselt aber, wenn von den drei "Knäbchen, jung, schön, hold und weise" die Rede ist, vom Allegro zum Andante, sorgt mit dem Einsatz einer Klarinette für weichen Klang (dolce) und schreibt ausdrücklich für die Singstimmen 'sotto voce' vor. Auch die ängstliche Unruhe, die bange Sorge, den Geliebten zu verlieren, die das Tarzett Nr. 19 'Soll ich dich, Theuren, nicht mehr sehn?' ('Andante moderato') kennzeichnet, geht glatt verloren, wenn allzu rasch über die "goldne Ruhe", die beide sich innig wünschen, hinweggespielt wird und die pochenden Schläge der Uhr, die Bässe und Celli so eindringlich markieren, indes Sarastro zur Eile mahnt, gar zu gewichtlos flüchtig vorbeihuschen. Andere Stellen dehnt Jacobs dann wiederum geradezu exzessiv. Das 'Adagio', mit dem das Finale zum zweiten Akt beginnt ('Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden'), lässt, derart zerdehnt, eher an ein Leichenbegängnis denken als an den feierlichen, wenn auch gefahrvollen Beginn eines Initiationsrituals.

Doch Jacobs geht nicht nur frei mit den Tempi um, er greift auch, wenn man so sagen darf, in die Partitur selbst ein, indem er Auszierungen singen lässt, wie sie zu Mozarts Zeit üblich waren. Schriftlich fixiert wurden solche Schmückungen nicht. Damals wurden Fiorituren oft spontan von den Sängern geleistet; heute muss so etwas penibel einstudiert werden. Aber ist damit der erwünsche Charakter einer aus dem Moment geborenen, sich ganz aus der augenblicklichen Empfindung heraus ergebenden Gefühlsäußerung nicht zwangsläufig dahin? In Salzburg jedenfalls, wo jetzt zur Mozartwoche im Großen Festspielhaus René Jacobs mit der 'Zauberflöte' zu hören war, wirkten diese Ausschmückungen keinesfalls spontan, sondern wie hundertfach erprobt. Sie konnten von den Sängern kaum je gestalterisch zur Intensivierung des Ausdrucks genutzt werden. Mehr Ausdruck aber, egal, ob mit, ob ohne Fioritur - das hätte man sich von einer Besetzung gewünscht, die insgesamt doch enttäuschte.

Gewiss, es wurde ordentlich gesungen, aber keine dieser Stimmen bleibt als charaktervoll in Erinnerung. Das ist umso bedauerlicher, als die Sänger darstellerisch durchweg glänzten, vorbildlich textverständlich sangen und die konzertante Aufführung so lebendig wie nur irgend möglich gestalteten. Aber für einen großen Opernabend genügt das nicht. Daniel Behle verfügt als Tamino über ein kultiviertes Legato und ist durchaus in der Lage, auch die Höhen der Partie ohne große Anstrengung zu meistern. Aber seine Stimme ist ohne jeden Glanz. Wenn er in der Arie Nr. 3 ('Dies Bildnis ist bezaubernd schön') davon erzählt, dass er’s hier in seiner Brust "wie Feuer brennen" fühle, so klingt das so wenig 'con fuoco' wie die folgende Überlegung, ob es sich bei dieser Empfindung wohl um Liebe handle, 'con amore'. So blieb Daniel Behles Tamino als Figur ähnlich blass, ungreifbar und fern wie Lydia Teuscher mit einer für diese Rolle wohl auch zu harten Stimme als Pamina. Differenziertere Rollenportaits durfte man auch von Marcos Fink als Sarastro und von Burcu Uyar als Königin der Nacht nicht erwarten. Ein zu leichter Bass war ebenso wenig dazu angetan, die Güte und Menschlichkeit Sarastros zum Ausdruck zu bringen wie ein flackernder Sopran dazu, die Verzweiflung und den Hass der nächtlichen Königin eindringlich zu gestalten. Einzig Daniel Schmutzhard schaffte es mit seiner angenehm geschmeidigen Stimme, seinem frischen Wesen und seinem manchmal durchschlagenden Dialekt als Figur wirklich auf der Bühne präsent zu sein. Zu loben bleiben außerdem die drei blitzblank intonierenden Sängerknaben von St. Florian (Alois Mühlbacher, Christoph Schlögl und Fabian Killinger) sowie der vorzügliche RIAS-Kammerchor (Einstudierung: Frank Markowitsch). Eine lehrreiche Aufführung also, die durchaus schöne, witzige und unterhaltsame Momente zu bieten hatte und zudem interessante Einblicke in die damalige Aufführungspraxis lieferte, das war diese 'Zauberflöte' unter Jacobs durchaus. Ein bewegender, großer Opernabend war’s nicht. Und also wohl doch auch wieder ganz anders als damals zu Mozarts Zeit, deren Aufführungsbedingungen so getreulich wie unbeseelt nachgeahmt wurden.

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Kritik von Christian Gohlke



Kontakt zur Redaktion


Zauberflöte: Mozartwoche 2011

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent), Akademie für Alte Musik Berlin (Orchester), Marcos Fink (Solist Gesang), Lydia Teuscher (Solist Gesang), Daniel Behle (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Mozartwoche

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