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Samstag, 10. Dezember 2022

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Großes Festspielhaus Salzburg, Copyright: Andreas Praefcke

Großes Festspielhaus Salzburg, © Andreas Praefcke

Ein Tag bei der Mozartwoche 2011

Minkowski und Blomstedt

Jedes Jahr um die Zeit von Mozarts Geburtstag am 27. Januar 1756 veranstaltet die Stiftung Mozarteum Salzburg die Mozartwoche mit Opernaufführungen, Orchester-, Kammer- und Solistenkonzerten. Die Konzertwoche, die im Jahr 1956 ins Leben gerufen wurde, lädt dazu ein, Mozarts Werke aus sich stets ändernden Blickwinkeln immer wieder aufs neue zu entdecken. Bis vor einigen Jahren war das Programm ganz den Werken Mozarts und seiner Zeitgenossen vorbehalten. Doch seit einiger Zeit ist auch die Moderne im Spielplan stark vertreten. Die Werke Mozarts sollen dadurch in Dialog mit modernen Musiksprachen treten, in diesem Jahr hauptsächlich mit Werken von Alban Berg. Als zeitgenössischen Komponisten, Interpreten und Dirigenten hat das Mozarteum Heinz Holliger eingeladen. Heuer finden sich sogar Konzerte ganz ohne Stücke des Salzburger Meisters. Damit hat die Mozartwoche viel von ihrem ursprünglich markanten Profil verloren und unterscheidet sich im Konzept nur noch geringfügig von vergleichbaren Festivals. Etwas Besonderes ist das winterliche Musikfest in Salzburg gleichwohl, schon allein durch die Fülle des Angebots. An zehn Tagen werden insgesamt 26 Konzerte gegeben, die von Vorträgen und Einführungen gerahmt sind. So kann man beispielsweise an einem Tag zwei gänzlich unterschiedliche Zugänge zu Mozarts Musik erleben: Morgens im Mozarteum, abends dann im Großen Festspielhaus. Zwischendurch reicht die Zeit gerade für einen gemütlichen Gang durch die ungewohnt stillen Gassen der verschneiten Stadt und für einen Besuch im Kaffeehaus, wo am Nachbartisch bei einer Melange und einer Mozarttorte gewiss über die Aufführung von eben diskutiert wird...

Morgens: Marc Minkowski und Les Musiciens Du Louvre

1718 schrieb Georg Friedrich Händel für den Earl of Caernarvon das Oratorium 'Acis and Galatea', das, auf eine Erzählung aus dem dreizehnten Buch von Ovids Metamorphosen zurückgehend, davon erzählt, wie Polyphem, der unglücklich in Galatea verliebt ist, deren Geliebten Acis erschlägt, woraufhin sie den Toten in einen Flussgott verwandelt. 1732 wurde dieses Werk auch als Oper in London aufgeführt. Doch Händel griff für die Drucklegung auf die ältere Fassung zurück. Diese Version hatte Mozart 1788 in Händen, als er im Auftrag des Barons van Swieten, einem leidenschaftlichen Verehrer der barocken Tonkunst, daran ging, Händels Oratorium, das sich 70 Jahre nach seiner Uraufführung für die damaligen Hörer schon recht archaisch ausgenommen haben muss, zu bearbeiten und behutsam zu modernisieren. Ein klassisches Gewand verlieh Mozart dem alten Werk, indem er die Partien von zweiter Violine und Viola aufwertete und außerdem Hörner und Klarinetten hinzufügte. Diese selten gespielte Bearbeitung Mozarts (KV 566) wurde unter der Leitung von Marc Minkowski in einer Matinee so leidenschaftlich gespielt, dass eine packendere Aufführung dieses Werkes kaum denkbar scheint. Farbenreich und transparent, aber doch voll und warm im Klang, federnd, pulsierend im Rhythmus und sprechend in der Artikulation agierten die hervorragenden Musiciens du Louvre. Dass die Matinee so eindrucksvoll glückte, lag freilich auch an vier Solisten, die fast als Idealbesetzung für dieses Stück werden gelten dürfen: Da war Julia Kleiter mit ihrem klaren, leuchtenden Sopran als Galatea zu bewundern; da gestaltete mit metallischer Strahlkraft Toby Spence einen heldischen Acis, der aber durchaus auch lyrischen Passagen gewachsen war; da war als sein Gegenspieler Mika Kares zu sehen und zu hören, der nicht nur seinem Wuchs, sondern auch seiner machtvollen Stimme nach ein idealer Polyphem war; und da war endlich Colin Balzer, der anfangs zwar noch etwas blass wirkte, dann aber mit lyrisch leichter Stimme den nötigen Kontrast zum Helden Acis bildete und so das Sängerquartett aufs beste ergänzte. Auch der Salzburger Bachchor, einstudiert von Alois Glassner, beeindruckte mit Klangschönheit und Präzision. Bewegend geriet so die Klage um den toten Acis: "Ächzt, klagt und heulet, dass das Ufer hall’: Ach, der schöne Acis ist nicht mehr" oder das sanfte, mitleidsvolle Zureden an die trauernde Galatea: "Lass, Galatea, lass den Schmerz!" Eine anrührende, erfrischende und bewegende Matinee. Dass Mark Minkowski 2013 die Leitung der Mozartwoche übernehmen wird, ist so erfreulich wie vielversprechend.

Abends: Herbert Blomstedt und die Wiener Philharmoniker

Eigentlich hätte Nikolaus Harnoncourt das zweite Konzert der Wiener Philharmoniker während dieser Mozartwoche leiten sollen. Da er absagen musste, übernahm Herbert Blomstedt die Leitung – und debütierte damit sowohl bei den Philharmonikern als auch bei der Mozartwoche. Mit Harnoncourt hätte Gidon Kremer auftreten sollen, der nun von Christian Tetzlaff vertreten wurde. Er spielte im ersten Teil des Konzertes Alban Bergs Violinkonzert, "Dem Andenken eines Engels". Blomstedt und Tetzlaff interpretierten die komplexe Komposition mit großem Sinn für ihren Reichtum an Klangfarben und mit feinem Gespür für ihre tiefe Emotionalität fast so, als wäre sie ein letzter kostbarer Ausläufer der Spätromantik. So verhalten und zart der Einstieg in den ersten Teil ('Andante') ertönte, so grell und schroff erklang der Beginn des zweiten, dessen beide Abschnitte Willi Reich als "Katastrophe" und "Lösung" charakterisierte. Nach einer großen, expressiven Steigerung, die zu einem Höhepunkt führt, den man oft als Todeskampf der Sterbenden gedeutet hat, gewinnt die von Berg zitierte Bachsche Choralmelodie 'Es ist genug' immer klarere Kontur, bis das folgende 'Adagio' von Christian Tetzlaff kraftvoll mit dem Choral eröffnet wurde. Bewegend ruhig klang das Konzert nach dem eingearbeiteten Ländler dann aus.

Ein wenig klarer konturiert und vielleicht auch ein wenig rauer, aufgewühlter im gesamtes Gestus hätte man sich die folgende g-Moll-Symphonie von Mozart (KV 550) gewünscht. Die Wiener Philharmoniker, klangschön, konzentriert und geschmeidig, boten unter der Leitung von Herbert Blomstedt eine klassisch-ausgewogene Lesart dieser Symphonie, die man allerdings vom Vorwurf der Glättung nicht so ganz wird freisprechen können. So hätte man sich die pochende Achtelbewegung der geteilten Bratschen, mit welcher der Satz einsetzt und die ihn über weite Strecken durchzieht, pointierter herausgearbeitet vorstellen können. Der flächige, weiche Klang, den Blomstedt hier stattdessen entfaltete, nahm dem Satz ('Molto allegro') etwas von der inneren Unruhe, die ihn doch kennzeichnet. Das B-Dur-Seitenthema erklang dann berückend schön. Insgesamt waren die ruhigen, innigen Momente die stärksten in Blomstedts Interpretation. Das sonatenförmigen 'Andante' etwa wurde zu einer kammermusikalisch transparent gespielten Kostbarkeit von feinstem Streicherklang, und auch das dem wilden Menuett eingelegte Trio gelang dank erstklassiger Bläser innig und bewegend schön. Dem herben, ja schroffen Charakter dieser Symphonie blieb Blomstedt aber doch etwas schuldig. Ein wenig zu glatt und gezügelt erklangen die schneidenden Bläser-Vorhalte, ein wenig zu beruhigt wirkte die atemlose Jagd des ersten Themas durch immer neue, stets wechselnde Tonarten, ein wenig zu rund und gelassen geriet die Zerstückelung des Hauptgedankens in immer kleinere Motivpartikel, die der gesamten Durchführung des Kopfsatzes etwas Atemloses Verzweifeltes, Auswegloses verleiht. Auch die Wildheit des Finales ('Allegro assai'), vor allem wiederum in der Durchführung mit seinen klaffenden Sprüngen, hätte deutlicher herausgearbeitet werden können.

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Kritik von Christian Gohlke



Kontakt zur Redaktion


Minkowski und Blomstedt: Mozartwoche 2011

Ort: Großes Festspielhaus,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Salzburger Bachchor (Chor), Marc Minkowski (Dirigent), Herbert Blomstedt (Dirigent), Wiener Philharmoniker (Orchester), Julia Kleiter (Solist Gesang), Toby Spence (Solist Gesang), Mika Kares (Solist Gesang), Colin Balzer (Solist Gesang), Christian Tetzlaff (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Mozartwoche

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