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Mittwoch, 21. August 2019

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Konzerthaus Berlin, Copyright: Ansgar Koreng

Konzerthaus Berlin, © Ansgar Koreng

Die Reihe '2x Hören' eröffnet mit Boulez

Die Klarinette und ihr Double

Ein Stück im Konzert zweimal zu hören, ist meist ein Glücksfall, der sich aus der Zugabe ergibt – das Konzerthaus Berlin hat diese Vertiefung der Aufmerksamkeit nun zum Konzept erhoben. In den Genuss des von der Körber-Stiftung gemeinsam mit Markus Fein entwickelten Formats, das in Hamburg bereits erfolgreich erprobt wurde, kommt nun auch das Berliner Publikum. Das Konzept ist so einfach wie einleuchtend: Ein Werk der Neuen Musik wird einmal gespielt, wird dann von Markus Fein im Gespräch mit dem Interpreten erläutert und besprochen und dann noch einmal gespielt. Der schlagartige Mehrwert, den diese Vermittlung für den Hörer hat, konnte sich nun beim ersten Programm der Reihe schon einstellen. Der 'Dialogue de l'ombre double' für Klarinette und Live-Elektronik von Pierre Boulez wurde von Jörg Widmann und dem Experimentalstudio des SWR (Klangregie: Reinhold Braig und Gregorio Karman) interpretiert.

Jörg Widmann ist natürlich ein denkbar geeigneter Musiker für die anspruchsvolle Doppelaufgabe des zweifachen Interpretierens Neuer Musik. Der Münchner ist sowohl als Instrumentalist als auch als Komponist so virtuos wie verdientermaßen anerkannt und erfolgreich. Im 'Dialogue de l'ombre double' entspinnt sich ein spannender Wechsel zwischen aufgenommenen und live gespielten Abschnitten der Soloklarinette, eine gespenstische Interaktion zwischen dem Menschen und seiner Vervielfältigung in sechs Lautsprechern, zwischen denen der Klang im Raum wandert und irrlichtert. Widmann bot beste und lebendige Virtuosität, ging auf den schlingernden Pfaden getrillerter Grenzerfahrung mit der größten Sicherheit. Nah und sanft an den Rändern des Hörbaren, vielstimmig und mit Plötzlichkeit in laute Klarinettenschreie katapultiert, überall überzeugte der Klangsinn des Solisten, die weiche und dunkeläugige Hohlheit des Tons. Die Verdopplung im Stück wie im Programm war mehr als nur Wort- und Tonspiel.

Für die Erläuterungen im Mittelteil hatte Moderator Markus Fein keine einfachen Antworten und Belehrungen versprochen, und wirklich bediente das entspannte Gespräch mit Jörg Widmann mehr den „Zauberstab der Analogie“ als auf Gemeinplätzen stehen zu bleiben. Widmann sprach über den Farb- und Klangrausch, aber auch über den Virtuositäts- und Kontrollrausch, den das äußerst schwere Stück für den Solisten bereithält. Die Erläuterung der großformalen Anlage des Werkes wurde von Klangbeispielen begleitet – live und vom Band, und auch die Klangregie kam zu Wort und erklärte ihre Arbeit im Studio und im Konzertsaal. Überhaupt war durch die wunderbare Arbeit mit Beispielen unversehens das Ziel einer Vertiefung und Verlängerung der Aufmerksamkeit erreicht. Ohne in wissenschaftlicher Steifheit zu verharren, wurde doch das Ziel einer guten wissenschaftlichen Arbeit erreicht: zeigen, bis sich die Dinge von selbst verstehen, ohne dass die Interpretation den Blick auf die Individualität des Kunstwerkes verstellt.

So wurden etwa die musikalischen Zitate und Anspielung durch direkte Gegenüberstellung erhellt (Zitate aus Stockhausens 'In Freundschaft' für Klarinette solo und aus Berios 'Sequenza' für die gleiche Besetzung). Aber nicht nur musikalisch, auch optisch wurde gearbeitet: Die dreizehnte Szene aus Paul Claudels "Der Seidene Schuh", deren Titel "Der Doppelschatten" Pate für den Titel bei Boulez stand, wurde (in einer Salzburger Inszenierung) vom Beamer an die Wand geworfen, ebenso das ein oder andere Notenbeispiel. Es war der Effekt von multimedialen Live-Fußoten, Zusatzinformationen liefernd, die sonst nur den Interpreten selbst oder einem Musikwissenschaftler zugänglich sind. Die Bezüge wurden behutsam behandelt und im Gespräch kam die Rede immer gleichermaßen auf das Boulez-Typische, wie auch auf das Untypische. Nachvollziehbar, aber auf angemessen hohem Niveau wurden so die Gemeinplätze zu ihrer eigenen Korrektur fruchtbar gemacht. Abschließend wurden noch vier freie Assoziationen in Bild, Ton und Tonfilm angeboten, die durch Strukturanalogie oder gerade im Kontrast erneut einen weiteren Blickwinkel auf den 'Dialogue de l'ombre double' förderten.

Die Wiederholung des Werkes am Ende des Programms erlaubte jedem Zuhörer die Überprüfung und eigene Erweiterung der Gedanken, die der Mittelteil hervorgebracht hatte, und die intellektuelle Ernte des Konzeptes wurde unmittelbar erlebbar. Dass diese sanfte Lehrveranstaltung, dass diese Konfrontation mit einem schweren, komplexen Werk zu einem solchen Genuss werden konnte, ist sicherlich nicht zuletzt das Verdienst Jörg Widmanns und seiner meisterlichen Interpretation. Ein Werk ist da nicht zu wenig. Die Qualität übertrifft spürbar die Quantität.

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Kritik von Tobias Roth



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2x Hören: Boulez, Widmann, Fein

Ort: Konzerthaus,

Werke von: Pierre Boulez

Mitwirkende: Jörg Widmann (Solist Instr.)

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